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Erfolge in Zeiten der Zweifel : Wie passt das alles noch zusammen?

Das deutsche Team: Was muss es leisten? Was darf es leisten angesichts von Dopingdebatten? Bild: AFP

Die Deutschen wollen sauberen Sport. Die Deutschen wollen aber auch erfolgreichen Sport, sonst schalten sie ab. Ethisch verantwortbare Medaillen, gibt's das? Der deutsche Sport steckt mitten in einer Debatte um die Legitimation seines Fördersystems.

          In der deutschen Leichtathletik ist in diesen Tagen eine Kontroverse entstanden, die einiges über die Schwierigkeiten offenbart, in denen der deutsche Sport steckt. Ein Gesamtresultat ohne Medaille in dieser Kernsportart bei den Olympischen Spielen in Peking werde in der öffentlichen Wahrnehmung als nationale Katastrophe angesehen, hatte Helmut Digel, der ehemalige Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), geklagt.

          Peter Penders

          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Abgesehen davon, dass Niederlagen im Sport selten wirkliche Katastrophen sind, wies Digels Nachfolger Clemens Prokop diese Aussage als Unsinn zurück. „Entscheidend ist nicht die Medaillenzählerei, sondern das Leistungsvermögen jedes Athleten“, sagte Prokop, noch bevor das von Digel befürchtete Szenario am Donnerstagabend durch die Bronzemedaille im Speerwerfen von Christina Obergföll abgewendet wurde.

          Erfolge hätten Quoten, aber auch Zweifel gesät

          Enttäuscht ist Prokop ohnehin kaum von seinen Athleten; doch reicht es für die Deutschen nicht aus, sich in Peking im Bereich ihrer Bestleistungen zu bewegen oder diese sogar leicht zu steigern. Spitzenplazierungen belegen sie so dennoch nicht. Einer der Gründe liegt auf der Hand: „Wir stehen für einen ethisch verantwortbaren Leistungssport“, sagt Prokop.

          Helmut Digel ernetete Kritik für seine Erwartungen an die Leichtathletik

          Was aber ethisch verantwortbar ist, sieht jedes Land ganz anders, und manchmal wird zwar von Ethik geredet, Erfolg aber offenbar als wichtiger angesehen. In den ersten Tagen von Peking, als es der deutschen Olympiamannschaft schwerfiel, überhaupt eine Medaille zu gewinnen, mahnten die für die Übertragungsrechte zahlenden Fernsehsender ARD und ZDF deshalb leicht irritiert deutsche Erfolge an. „Wir haben aber lieber keinen Sportler am Start, als einen, der für Zweifel sorgt“, sagt Prokop stellvertretend für viele Verbandskollegen. Sechs deutsche Sprintmedaillen, wie sie nun Jamaika innerhalb weniger Tage dem Vogelnest entnahm, hätten in Deutschland nicht nur die Quoten hochgetrieben, sondern eben auch die Zweifel.

          Chinesen bringen Opfer, die für Deutsche nicht verantwortbar erschienen

          Die Deutschen wollen einen sauberen Sport, daran besteht kein Zweifel. Die Deutschen wollen aber auch einen erfolgreichen Sport, sonst schalten sie ab. Sauber, erfolgreich, ethisch verantwortbare Höchstleistungen – ob das alles noch zusammenpassen kann, das muss jeder anzweifeln, der in Peking nur genau zusah oder hinhörte.

          Der chinesische Olympiasieger vom Dreimeterbrett erzählte nach seinem Sieg nebenbei, dass sich sein jahrelanges hartes Training nun ausgezahlt habe: He Chong hat täglich acht Stunden für seinen großen Tag in Peking geübt. Dafür darf er nun wie alle Goldmedaillengewinner seines Landes mit Prämien der Regierung und verschiedener Sponsoren in Höhe von umgerechnet 180.000 Euro rechnen, hinzu kommen weitere Belohnungen von Provinz- und Kommunalbehörden.

          Im Dienst für ihr Vaterland bringen viele der gefeierten Sieger ohne Wenn und Aber Opfer, die für jeden Deutschen ethisch nicht verantwortbar sind. Xian Dongmei, Judo-Olympiasiegerin in der Klasse bis 52 Kilogramm, freute sich nicht nur über ihre Goldmedaille, sondern auch darauf, ihren zweijährigen Sohn mal wieder in die Arme zu schließen. Im vergangenen Jahr hatte sie ihn nur via Webcam aufwachsen sehen, sie war ja im Trainingslager kaserniert.

          Selbst in Randsportarten wird brutal trainiert

          Wollen wir das? Einem Wasserspringer vermitteln, acht Stunden am Tag trainieren zu müssen, damit es vielleicht klappt mit einer Goldmedaille? Und ihm dann, wenn die Feier vorbei ist, 150.00 Euro Prämie von der Stiftung Deutsche Sporthilfe in die Hand drücken und alle guten Wünsche auf den weiteren Lebensweg mitgeben? Wohl kaum.

          Aber für alle, die nur Medaillen zählen und sich darüber beklagen, dass der deutsche Sport nicht mehr so leistungsfähig sei, wie er einmal war, gibt es – abgesehen vom überall wabernden Doping-Nebel – eine Kernbotschaft dieser Olympischen Spiele: Selbst in den Randsportarten, die es nur bei Olympia alle vier Jahre für einen kurzen Moment schaffen, mediale Aufmerksamkeit zu erreichen, wird in einem Umfang trainiert, der jeden hochbezahlten Fußballprofi erschrecken würde.

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