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Pekings gebrochene Versprechen : Locker und lustig wird es nicht werden

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Demokratiemängel interessierten kaum

Als im Jahr 2001 Peking dann endlich die ersehnte Zusage bekam, setzte sich das IOC über die Bedenken von Menschenrechtsorganisationen und politischen Kritikern der Einparteienherrschaft in China hinweg. Die Olympischen Spiele könnten China auf dem Weg zu mehr Offenheit und Demokratie helfen, argumentierte das IOC. Man verwies darauf, dass China viele Versprechen gegeben und Zusagen gemacht habe. Zwar hatte China sich nie darauf festgelegt, sein System zu ändern, doch verließ man sich beim IOC auf die Erklärungen des guten Willens, die China seit Jahren vorbringt: Ja, man sei doch dabei, die Menschenrechtslage zu verbessern - und ja, man wolle „humanistische Spiele“ abhalten.

Bis zu einem Jahr vor Beginn der Spiele der XXIX. Olympiade schien der Erfolg China recht zu geben. In den Jahren seit dem Zuschlag erlebte die Volksrepublik einen Wirtschaftsboom sondergleichen. Die Welt schaute fasziniert auf das chinesische Wirtschaftswunder; dass China die Spiele austragen sollte, schien nur folgerichtig. Dass in China keine Demokratie herrscht und Menschenrechte verletzt werden, war nur für wenige ein Thema. Politiker und Sportfunktionäre äußerten vielmehr die Hoffnung, dass Olympia für mehr Öffnung und Demokratie in China sorgen würde.

Der Aufstand der Tibeter demütigte die Parteispitze

Doch die Parteiführung hatte nie die Absicht, wegen der Olympischen Spiele ihre Politik zu ändern. Die Olympischen Spiele sollten ihrer Selbstdarstellung, der Zementierung ihrer Macht dienen und nicht einer Veränderung des Einparteiensystems in China. Die Welt wurde an diese Tatsache erinnert, als im März dieses Jahres die Tibeter sich gegen die chinesische Herrschaft erhoben. Chinas harte Reaktion auf die Unruhen in Tibet empörte die internationale Öffentlichkeit. Die Führung geriet unter Druck. Von vielen Seiten wurde ein Boykott gefordert, Politiker erwogen öffentlich, zumindest der Eröffnungsfeier fernzubleiben.

In Panik sah die chinesische Führung, wie ihr Prestige-Objekt vom Tibet-Konflikt überschattet wurde. Als Exil-Tibeter und ihre Unterstützergruppen beim olympischen Fackellauf demonstrierten und ihn in vielen Ländern teilweise empfindlich störten, sah sich die Führung gedemütigt. Die Parteiführung reagierte mit einer Kampagne gegen die Berichterstattung in den ausländischen Medien. Nationalismus kochte hoch. Was der Propaganda vorher nicht gelungen war, gelang jetzt. Die chinesische Bevölkerung stellte sich hinter ihre Regierung. „Vorwärts China“ hieß der Schlachtruf, mit dem nun trotzig die Pekinger Spiele verteidigt wurden. Nur die Tragödie des Erdbebens von Sichuan nahm der Konfrontation ihre Spitze.

Kritiker wurden noch schnell mundtot gemacht

Die chinesische Regierung sah nun auch keine Veranlassung mehr, westlichen Forderungen nach mehr Freiheit und Toleranz nachzugeben. Statt einer Amnestie für politische Gefangene, auf die große Optimisten gehofft hatten, gab es nun mehr Verhaftungen. Kritiker wurden mundtot gemacht, Oppositionelle wie Hu Jia noch schnell zu Haftstrafen verurteilt. Der Bauernführer Yang Chunlin, der mit der Parole „Wir wollen Menschenrechte und keine Olympiade“ für Landrechte gekämpft hatte, wurde zu drei Jahren Haft verurteilt. Bürgerrechtler werden nach wie vor eingeschüchtert, Bittsteller verwarnt: „Redet nicht mit ausländischen Journalisten.“

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