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Peking : Die Stadt unter der Olympiastadt

Zur gleichen Zeit entstand unter Anleitung sowjetischer Berater die Kommunistische Partei Chinas. Lu Xun äußerte zunehmend seine Sympathie, wurde aber nie Mitglied. Als er 1936 starb, stand auf dem weißen Tuch, das die Bürger Schanghais auf seinen Sarg gelegt hatten: „Seele der Nation“. Und jetzt steht im Gästebuch, als hätte es ein Begräbnis nie gegeben: „Herr Lu Xun, ich und meine Frau nehmen Sie als Vorbild.“ Und ein anderer Eintrag schlägt direkt den Bogen in die Gegenwart: „Siebzig Jahre sind vergangen. Unglaubliche Dinge sind passiert. Die chinesische Nation ist aufgestanden. Ihr ,Ruf' wurde erhört. Aber die Chinesen müssen noch weiter ihre Schwächen überwinden, den Konservativismus ebenso wie den Egoismus.“

Die chinesische Nation ist „aufgestanden“

Dass die chinesische Nation „aufgestanden“ sei, ist ein Zitat: Mao Tse-tung sagte das, als er 1949 die Volksrepublik unter der Herrschaft der Kommunistischen Partei ausrief. Eine Ära mit zahllosen Schrecken und Opfern begann, vor allem während des „Großen Sprungs nach vorn“ Ende der fünfziger Jahre und während der Kulturrevolution. Doch was viele Chinesen dieser Epoche nach wie vor zugutehalten, ist, dass sie das Land unabhängig und am Ende sogar stark gemacht habe.

Der Traditionsbruch und die Öffnung zum Westen, zu dem ja auch die teilweise Aneignung des Leninismus gehört, hätten es tatsächlich geschafft, dass sich die Nation jetzt gegenüber dem Westen behaupten könne - was jedoch keineswegs heißt, dass historische Kontinuitäten als Legitimationsquelle für die Kommunisten nicht wichtig wären. Das sieht man, wenn man in die Mitte der Stadt fährt, an den Houhai-See. Hier verkündet seit einigen Jahren eine kunterbunte Mischung aus Nachtbars, Cafés und Thai-Restaurants den Anschluss Pekings an die internationale Unterhaltungsindustrie.

Witwe des „Vaters der chinesischen Republik“

Doch am westlichen Teil des Sees, an dem es ein bisschen ruhiger zugeht und auch im Winter muskulöse Rentner zwischen den Eisschollen schwimmen, öffnet sich eine andere, gleichwohl nicht weniger reale Welt. Da steht inmitten eines kleinen verwunschenen Gartens das Haus von Song Qingling, der Witwe von Sun Yat-Sen, des „Vaters der chinesischen Republik“, auf den sich die Kuomintang in Taiwan genauso wie die Kommunistische Partei in Peking berufen; Sun gründete die revolutionäre „Nationale Volkspartei“, die Kuomintang, und war nach dem Sturz des Kaisers für kurze Zeit der erste Präsident der chinesischen Republik.

Seine Frau fungierte von 1949 bis zu ihrem Tod 1981 als Vizepräsidentin der Volksrepublik. Wie hoch ihre symbolische Präsenz auch heute noch eingeschätzt wird, sieht man dem Schlagbaum an, der vor der Anlage installiert ist, und dem Soldaten der Volksbefreiungsarmee, der dahinter Wache hält.

Der Prinzengarten

Hat man einmal den Park mit seinen gewaltigen Trauerweiden betreten, den alles überwuchernden Pflanzen und der zierlichen überdachten Brücke an einem Teich, dringt man noch in eine weitere Zeitebene ein: Das Gelände war früher ein Prinzengarten, in dem Pu Yi, der letzte Kaiser, geboren worden war.

Die Frau des Mannes, der ihn vom Thron stieß, las später, als sie schon längst an Pu Yis Familiensitz lebte, seine Biographie und schrieb einer Freundin mit Genugtuung, dass ein Mensch offenbar doch erzogen und umgewandelt werden könne.

„Schatz des Landes“

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