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Olympia-Kommentar : Gute Zeiten, schlechte Zeiten

Doppelt überführt: Ludmilla Blonska wurde nicht das erste Mal erwischt Bild: ddp

Usain Bolt bescherte der Leichathletik zwei besondere Weltrekorde - und ohne irgendein Indiz ist der Doping-Verdacht mit Händen zu greifen. Die Verantwortlichen wollten dem entgegentreten - und mussten prompt den nächsten Fall bestätigen.

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          Die Stimmung ist schlecht für die Leichtathletik. Es reichen schon zwei Weltrekorde – nun gut, nicht irgendwelche, sondern die über 100 und 200 Meter –, und ohne irgendein Indiz ist der Doping-Verdacht mit Händen zu greifen. Nun ist Usain Bolt am Samstag aber auch besonders lässig zu den 9,69 Sekunden gerannt, und seine Vorstellung über 200 Meter am Mittwoch – diese schier unglaublichen 19,30 Sekunden – lässt ebenfalls Fragen offen.

          Dass er mit seinen 1,93 Metern alle anderen Sprinter an Körpergröße überragt, kann seine geradezu unheimlichen Läufe nur unzureichend erklären – zumal der Sprint, was zum 20. Jahrestag des Doping-Falls Ben Johnson gerade überall zu lesen war, eine Geschichte der pharmazeutischen Manipulation hat. Gute Zeiten, schlechte Zeiten.

          Phantastische Leistungen haben Namen und Gesicht

          Dem wollte der Präsident des Internationalen Leichtathletikverbandes (IAAF), Lamine Diack, am Mittwoch mit einer Gruppe Superhelden entgegentreten. Er brachte Wilson Kipketer, Michael Johnson und Mike Powell mit zu einer Pressekonferenz; ehemalige Athleten, die Jahre und Jahrzehnte nach ihrem Rücktritt immer noch die Weltrekorde über 800 Meter (1:41,11 Minuten), über 200 und 400 Meter (19,32 und 43,18 Sekunden) sowie im Weitsprung (8,95 Meter) halten – wenigstens bis zu diesem Moment.

          Johnson war am Morgen vielleicht schon klar, dass er sich bald zumindest von einem Weltrekord verabschieden muss; Usain Bolt setzte kurz darauf über 200 Meter wirklich die neue Bestmarke. Vorher erzählten Johnson und seine Mitstreiter als Botschafter des Verbandes noch, wie schön es damals war – und wie schädlich Doping sei. Diack und die Leichtathletik wollten mit ihnen in die Offensive gehen: Phantastische Leistungen haben einen Namen und ein Gesicht. Da müssen sie doch auch glaubwürdig erscheinen.

          Wieder ein Doping-Fall: Ludmilla Blonska

          Leider ging der Plan nicht auf, obwohl er im Trend liegt. Auch der Leichtathletik-Verband der Vereinigten Staaten von Amerika etwa hat es sich zum Ziel gesetzt, dem Zweifel Exzellenz entgegenzusetzen, wie der Trainer sagte, den Verdächtigungen buchstäblich so schnell wie möglich davonzulaufen.

          Diack musste bei seiner Pressekonferenz aber auch bestätigen, dass es wieder einen Doping-Fall gibt. Die schon einmal erwischte und bis 2005 gesperrte Ukrainerin Ludmilla Blonska hat eine Probe abgegeben, in der sich anabole Steroide nachweisen lassen. Noch steht die B-Analyse aus, doch der Skandal, die Disqualifikation und die lebenslange Sperre der Siebenkämpferin, die sich am Samstag die Silbermedaille holte, scheinen gewiss.

          Keine gute Zeit für Stimmungsmache für den Verband

          Vielleicht ist es neu, dass Weltrekorde eines Sprinters auf breiter Front nicht zuerst ungläubiges Staunen auslösen, sondern tiefsitzende Zweifel bestärken. Hätte Diack die weiblichen Athleten genannt, die die entsprechenden Weltrekorde halten, hätte er wohl selbst gemerkt, dass die Bestleistung an sich nichts erklärt und schon gar nichts legitimiert.

          Er hätte nämlich Florence Griffith-Joyner (100 Meter in 10,49 Sekunden und 200 in 21,34), Marita Koch (400 Meter/47,60 Sekunden), Jarmila Kratochwilowa (800 Meter/1:53,28 Minuten) und Galina Chiastjakowa (Weitsprung/7,52 Meter) anführen müssen. Florence Griffith-Joyner hätte er nicht einmal einladen können. Die Amerikanerin überlebte nicht, was als das anabole Zeitalter in die Sportgeschichte eingegangen ist. Ihr Todestag jährt sich im September zum zehnten Mal. Keine gute Zeit für Stimmungsmache.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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