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Sonja Pfeilschifter : „Ich bin sicher, dass in Peking der Punk abgeht“

„In Athen wollte ich die Medaille mit Gewalt” Bild: ddp

Alle vier Jahre wieder: Beim schon vierten Anlauf will Sonja Pfeilschifter endlich die Medaille gewinnen, die alle von den Schützen erwarten. In Peking ist sie die große Favoritin - so gut wie in diesem Jahr war die Bayerin wohl noch nie.

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          Was man doch für Probleme haben kann. „Trainer, ich bin zu gut“, hat Sonja Pfeilschifter Anfang des Jahres geklagt. „Hör zwei Wochen auf zu trainieren“, bekam sie zur Antwort. Da wusste sie, dass es das nicht gibt: zu gut sein. Sie hat weitertrainiert. Auch deshalb geht sie nun als Beste und als Favoritin in den Wettbewerb um die allererste Goldmedaille der Olympischen Spiele von Peking, am Samstag im Luftgewehrschießen.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Selbstverständlich gibt es das, zu gut zu sein. Dreimal war die in Cham gebürtige Bayerin Sonja Pfeilschifter bei Olympischen Spielen zu gut. Jedenfalls schoss sie vorher so trefflich, dass sie sich und ihrem Trainer und ihrem Publikum Hoffnungen auf eine Medaille machte - und sie kehrte mit leeren Händen heim. 1992 gab sie ihr Debüt bei den Olympischen Spielen. „Da war ich 21 Jahre alt“, sagt sie. „Ich war gerade von den Junioren zu den Senioren gekommen und gleich nach Barcelona gefahren. Da stand ich dann wie ein Kind vorm Christbaum.“ Und wurde Vierte.

          „Holt sie jetzt endlich die erste deutsche Medaille?“

          1996 verpasste sie die Olympiaqualifikation knapp, in Sydney 2000 und in Athen 2004 traf sie wieder nicht so gut wie erwartet. Dreimal ist Sonja Pfeilschifter Weltmeisterin geworden, sowohl im Einzel als auch mit der Mannschaft, mit dem Luftgewehr, mit dem Kleinkalibergewehr und sogar mit der Armbrust. Die letzten vier Weltcups dieses Jahres hat sie überlegen gewonnen und dabei auch noch den Weltrekord auf 505 Ringe verbessert. So gut war sie vermutlich noch nie.

          Die Bayerin hat den Weltrekord auf 505 Ringe verbessert und die letzten vier Weltcups gewonnen

          Doch nicht das ist es, was sie zur Favoritin macht. Auch die beste Schützin kann vor lauter Nervosität oder in zu großer Selbstsicherheit die entscheidenden kleinen Fehler machen, die sie ihre Medaille kosten. „Es war im Prinzip immer das gleiche Problem“, sagt sie. „Man weiß, da sitzen welche zu Hause und fragen sich: Holt sie jetzt endlich die erste deutsche Medaille? In Athen wollte ich sie mit Gewalt. Aber man muss sich sagen: Ich mache das für mich. Genau das abrufen zu können, das ist es.“

          Sie ist ganz und gar kein Nervenbündel

          Den Druck der Erwartung wird Sonja Pfeilschifter beim vierten Anlauf, ihre so erfolgreiche Karriere mit einem Olympiasieg zu komplettieren, zu unterlaufen versuchen. Kaum zu glauben, dass dies ein Problem sein soll. Die 1,57 Meter große Schützin, die sich für ihren Sport vor zehn Jahren bei der Bundeswehr verpflichtet hat, ist mit 37 Jahren auf dem Gipfel ihrer Leistungsfähigkeit. Und sie ist ganz und gar kein Nervenbündel.

          Sie nimmt ihre Mischlingshündin Kelly mit auf lange Wanderungen und zum Training auf den Schießstand. Ihr Tenorsaxophon steht nur noch als Dekoration in der Wohnung; sie hat aufgegeben, es zu spielen. Auch ihr Motorrad, eine Sechshunderter-Yamaha, hat sie verkauft. Die neuen Modelle sind höher als die alten; deshalb hat sie sich keines mehr gekauft. Morgens geht sie - wie andere Leute zur Arbeit - zum Training, und abends kehrt sie vom Training zurück.

          Von „Sports Illustrated“ zur Favoritin gekürt

          Doch Meditation ist das nicht, wie sie sich in das Zielen und Schießen vertieft. „Ich mag es, wenn ich die Musik und die Zuschauer trotz der Ohrstöpsel höre“, sagt sie. Bei Bundesliga-Wettbewerben geht es turbulent zu, da herrscht nicht so eine andächtige Stille wie bei vielen internationalen Wettkämpfen. „Ich bin sicher, dass in Peking der Punk abgehen wird“, sagt sie voller Vorfreude.

          Schließlich ist Sonja Pfeilschifter die große Herausforderin der chinesischen Olympiasiegerin Du Li. Ihr hat sie den Weltrekord abgenommen, sie ist dem Publikum bestens bekannt. Nicht nur das amerikanische Magazin „Sports Illustrated“ hat sie zur Favoritin ausgerufen, auch die chinesischen Zeitungen berichten ausführlich über sie. Wang Yifu, Trainer von Du Li, gibt sich überzeugt: „Pfeilschifter ist besser als jede andere.“

          „Ich bin viel lockerer“

          „Das Gefühl vorher, in mir drin, ist ein ganz anderes als früher“, sagte Sonja Pfeilschifter vor wenigen Monaten, nach ihrem Weltcupsieg in München, über den bevorstehenden Olympiastart. „Ich weiß auch nicht, woran es liegt: Ich bin viel lockerer.“ Ob das in diesen Tagen so bleibt, ist allerdings ungewiss. Immer bricht bei Olympischen Spielen das überproportionale Interesse der Öffentlichkeit über die Schützen herein.

          „Das Positive an unserer Sportart ist: Niemand erkennt uns auf der Straße“, sagt Sonja Pfeilschifter. „Der Nachteil ist: Wir werden alle vier Jahre ins kalte Wasser geworfen. Wenn wir nicht bestehen, werden wir durch den Dreck gezogen.“ Gegen die hohen Erwartungen kann sie sich nicht wehren, denn sie hat sie mit ihren Resultaten selbst geschürt: Trainer, sie ist zu gut!

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