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Simone Laudehr : Liebe auf den ersten Kick

„Ich hatte Gänsehaut”: Simone Laudehr Bild: AFP

Nach dem WM-Sieg im vergangenen Jahr hatte Simone Laudehr ihre Leichtigkeit verloren. Die Fußball-Nationalspielerin dachte ans Aufhören. Nun geht sie wieder in die Offensive.

          6 Min.

          Es gibt dieses Foto von ihr. Mit aufgerissenem Mund und geschlossenen Augen rennt sie über den Rasen, lacht, und ihre Hände reißen das weiße Trikot nach oben. So, dass Hüftknochen und Bauchmuskeln zu sehen sind. Ein Foto voller Glück. Und eines, auf das viel Leid folgte. Simone Laudehr hatte gerade mit dem Kopf zum 2:0 gegen Brasilien getroffen. „Ich hatte Gänsehaut, dieses Gefühl war unglaublich“, sagt sie noch heute.

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Es war September 2007 in China, die deutsche Fußball-Nationalmannschaft wurde Weltmeister - und Simone Laudehr verlor in den Wochen danach beinahe ihre Leichtigkeit. Nachts konnte sie kaum noch schlafen, und tagsüber dachte sie manchmal sogar an das Ende ihrer Karriere. „Es ging damals von null auf hundert - viel zu schnell für eine junge Spielerin.“ Simone Laudehr war gerade einmal 21 Jahre alt.

          „Keine Ahnung, wie ich das alles gepackt habe“

          In den Tagen nach dem Sieg von Schanghai strahlte sie von Titelseiten, Sponsoren riefen an und machten Angebote. Ihr Treffer wurde zum Tor des Monats, und sie sollte beim Musiksender MTV auftreten. Die gelernte Bürokauffrau aus der beschaulichen Oberpfalz war auf einmal bekannt und begehrt. Ihr Leben war jetzt ein anderes, und doch hatte sie überhaupt keine Zeit, darüber nachzudenken. „Plötzlich gab es so viele Verpflichtungen, so viele Termine, die gar nichts mit meinem Sport zu tun hatten. Keine Ahnung, wie ich das alles gepackt habe. Ehrlich.“ Die Zeit nach dem großen Triumph wurde zum Tiefpunkt ihrer Karriere. „Da habe mich oft gefragt: Was machst du hier eigentlich? Willst du dein Leben wirklich so verbringen?“

          Simone Laudehr trifft zum 2:0 gegen Brasilien - Deutschland ist Weltmeister

          Inzwischen regelt ihr Manager vieles für sie. Es ging nicht mehr anders, das Interesse an ihr wurde zu groß. Sie konnte sich nicht mehr auf das konzentrieren, was so viele Jahre gleichermaßen Lebensinhalt und Lebensantrieb war: „Ich liebe den Fußball, würde am liebsten immer und überall mit einem Ball spielen.“ Nach der Weltmeisterschaft aber musste sie zur Bundeswehr; zwei Monate Grundausbildung zur Sportsoldatin in Nienburg bei Hannover. „Das ist keine Hochzeitsveranstaltung. Da hat immer jeder irgendetwas zu sagen. Das war nicht immer einfach für mich.“

          Auch weil in dieser Zeit der Fußball wieder etwas von seinem strahlenden Glanz verlor, Simone Laudehr eintauchen musste in den mitunter grauen Alltag dieses Sports: 31.000 Leute saßen in Schanghai während des Endspiels im Stadion, mehr als neun Millionen Zuschauer haben die Partie vor dem Bildschirm gesehen. Eine Woche später wurde wieder in der Bundesliga angepfiffen. FCR Duisburg gegen TSV Crailsheim. 1050 Zuschauer. Es ist dies einer der Widersprüche, mit dem die deutschen Nationalspielerinnen zurecht- kommen müssen. Im Trikot mit dem Adler auf der Brust werden sie gefeiert, im Vereinsleibchen hingegen oft kaum beachtet.

          Die Zweiundzwanzigjährige sitzt auf einer alten Holzbank neben dem Trainingsplatz in Duisburg. Eine kleine und zierliche junge Frau. Mit dunkler Sonnenbrille im blonden Haar, einem schwarzen Ring am linken Mittelfinger. Ohne Schminke im Gesicht. Mit Oberpfälzer Dialekt spricht sie, mit klarer und fester Stimme, die Gewissheit ausdrückt. Sie sagt: „Ich weiß heute, wie ich mit so schwierigen Situationen umgehen muss.“ Mehr als ein Vierteljahr hat Simone Laudehr nach der Weltmeisterschaft nach ihrer Form gesucht. Sie war auf einmal nicht mehr so unbekümmert unterwegs, hat sich zu viele Gedanken gemacht und schlecht gespielt. Dazu kamen Termine vor und nach dem Training, die ungewohnte Belastung, Verletzungen.

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