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Ralf Schumann : Der gläubige Schützenkönig

„Wir zittern manchmal so, dass wir die Patronen nicht ins Magazin bekommen” Bild:

Ralf Schumann hat mit seiner Schnellfeuerpistole alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Er ist überzeugt davon, dass er seine Hand nicht alleine führt: Der Glaube ist für ihn der stärkste Antrieb.

          Könnte sein, dass Ralf Schumann zur Eröffnung der Olympischen Spiele die deutsche Mannschaft anführt. Dreimal ist der Mann mit dem scharfen Auge und der ruhigen Hand schon Olympiasieger geworden, einmal hat er die Silbermedaille gewonnen. Die Olympischen Spiele von Peking werden seine sechsten sein. Mit solchen Meriten ist man ein heißer Kandidat dafür, die deutsche Flagge zu tragen. „Da mache ich mir gar keinen Kopf“, wehrt Schumann ab. „Wenn es passt, trage ich sie halt rein. Würde mich freuen.“ Erst eine Woche nach der Feier am Abend des 8. August beginnt sein Wettbewerb, das Schießen mit der Schnellfeuerpistole. Derzeit plant er, am Eröffnungstag ins Olympische Dorf zu ziehen.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          „Mir ist völlig egal, ob er die Flagge trägt oder nicht“, sagt Bundestrainer Peter Kraneis. „Mich interessiert, ob unser Trainingskonzept aufgeht oder nicht.“ Eigentlich, scherzen manche, müsse Schumann bei diesen Spielen noch gar nicht mit der Ehre bedacht werden, seiner Mannschaft die deutsche Fahne vornewegzutragen. In vier Jahren, 2012 in London, will er schließlich, nach erfolgreichem Trainerstudium, noch einmal antreten. Schumann wäre dann, bei seinen siebten Spielen, fünfzig Jahre alt und womöglich viermaliger Olympiasieger. Und er dürfte, wie auch jetzt in Peking, als Favorit an den Start gehen.

          Nicht von übertriebener Bescheidenheit erfüllt

          Das ist nun der Punkt, an dem Schumann widersprechen würde. Schnellfeuer gibt er gern auch mal verbal. Wer auch nur leise den Verdacht erregt, Schützen nicht für sportlich zu halten, wird von dem 1,67 Meter großen und 63 Kilogramm schweren Schumann mit einer Salve belegt: „Das Vorurteil scheint noch zu leben, dass Schützen Bier trinkende Dickbäuche sind.“ Als es um die Qualifikation für die Spiele ging, stellte sich Schumann der deutschen Konkurrenz ohne Wenn und Aber. „Ich habe keinerlei Berechtigung, gesetzt zu sein“, sagte er nach dem Weltcup in München, den er mit Weltrekord gewonnen hatte. „Das wäre nur der Fall, wenn ich jedes Jahr eine Medaille geholt hätte.“

          Gold für Deutschland: Schon dreimal war Schumann der Schützenkönig

          Schumann ist nicht von übertriebener Bescheidenheit erfüllt. Er hat lediglich hohe Ansprüche, die er ebenso wie an seine Umgebung an sich selbst richtet. Auf seiner Website mit dem Namen Schuetzenschumi.de charakterisiert er sich in wenigen Zeilen. „Was ich mag“, schreibt er da, seien „Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Ordnung, Pasta, Gemütlichkeit, Ruhe, Natur, Wandern, Walken. Was ich nicht mag: Lügen, zu weiche Pasta, dünnen Kaffee, Hektik, Unzuverlässigkeit, Unpünktlichkeit.“

          Eine Marke wie das Porzellan aus seiner Heimat

          Schon seit 1982, seit er bei der Europameisterschaft Vierter wurde, treibt Ralf Schumann international Leistungssport. Er hat gewonnen, was es zu gewinnen gibt: Olympische Spiele (dreimal), Weltmeisterschaften (viermal), Weltcups im Einzel (vierzig) und in der Gesamtwertung (zwölf), Europameisterschaften (13 Mal). Im Sport ist der Mann aus Meißen eine so bekannte Marke wie das Porzellan aus seiner Heimat.

          „Neben seinem Talent, seinem Fleiß, seiner Disziplin ist das Erstaunliche, dass er immer noch diese Motivation aufbringt“, sagt Bundestrainer Kraneis: „Das ist eine Bestätigung seiner selbst.“ Vor vier Jahren forderte der Internationale Schießsportverband Ralf Schumann heraus. Zur Vereinheitlichung des Wettbewerbs erließ er neue Regeln und verbot die ausgefeilten Spezialwaffen, die mit minimalem Rückstoß und praktisch ohne Druckpunkt am Abzug funktionierten. Es war das Ende der Sportart von Ralf Schumann. Nicht wenige seiner Konkurrenten machten Schluss. Schumann arbeitet seitdem daran, auch die neue Waffe, die Sportpistole, perfekt zu beherrschen.

          Mehr als 50.000 Trainingsschüsse pro Jahr

          „Ich bin in vielen Sachen gar nicht der Beste“, behauptet Schumann. „Ich bin ein ganz normaler Durchschnittsmensch.“ Im Wettkampf müsse er nichts anderes tun, als seine Technik umzusetzen, mehr nicht. „Das ist wie beim 100-Meter-Lauf: einfach ein Bein vors andere setzen.“ Jeder weiß natürlich, dass ein 100-Meter-Lauf nicht allein darin besteht, einen Schritt nach dem anderen zu tun. Seine Meisterschaft, ganz schnell aus der freien Hand auf fünf Scheiben zu schießen, beschreibt Schumann wohl gerade deshalb ähnlich lapidar: „Einfach nur die Pistole hochheben, Kimme und Korn mittig gestrichen auf die Zehn, in acht, sechs oder vier Sekunden abdrücken! Trifft man fünfmal, dann hat man 50 Ringe. Wenn man das zwölfmal nacheinander macht, hat man 600 Ringe - optimal, neuer Rekord. Ganz einfach.“

          Seinen jüngsten Weltrekord stellte Schumann im Mai in München auf, als er seinen vierzigsten Weltcup gewann: mit 790 Ringen in 16 Durchgängen einschließlich Finale. Kaum eine Woche später war die Bestmarke übertroffen. Christian Reitz, wie Schumann aus Sachsen stammend, steigerte sie beim Weltcup in Mailand um vier Ringe - im Schießen sind das Welten.

          „Der Glaube ist für mich der stärkste Antrieb“

          Der Leistungsunterschied, der bei dieser Übung nah am Optimum deutlich wurde, erklärt sich auch aus dem Altersunterschied von 25 Jahren zwischen den beiden. Dem Teenager Reitz fiel die Umstellung auf die neue Waffe leichter als dem alten Meister, dessen Bewegungen perfektioniert und tief eingebrannt waren. Auf die etwa ein Drittel stärkere Munition und die Erhöhung des Abzugsgewichtes von einem Nichts wie vierzig Gramm auf ein Kilo hätten sie zunächst falsch reagiert, sagt Bundestrainer Kraneis.

          Sie waren überzeugt, dass der stärkere Rückstoß der Waffe und die damit verbundene größere Belastung für Arm, Schulter und Gelenke weniger Übungsschüsse zur Folge haben müssten. Das Gegenteil war der Fall. Die Schnellfeuerschützen trainierten noch mehr als vorher und intensivierten ihr Krafttraining. Nach einem halben Jahr waren auch Schumann und Kraneis dabei. Auf mehr als 50.000 Trainingsschüsse pro Jahr kommen sie nun. Das muss man erst einmal wegstecken können. Als Schumann vor zwei Jahren eine Anstellung als Nachwuchstrainer beim Thüringischen Schützenbund erhielt, gab er seine Stelle als Sägeblattschleifer auf.

          Plakatives Bekenntnis zu Jesus

          „Bei jedem Schuss wird fast ein PS frei“, sagt er über die körperlichen Voraussetzungen seines Metiers. „Wenn Sie sich um einen Millimeter verrücken lassen, schießen Sie an den Rand der Scheibe. Man braucht Kraft, um sich nicht umwerfen zu lassen. Und man braucht Kondition, um das Adrenalin am Schießstand verkraften zu können.“ Adrenalin? Aufregung? „Wir haben genauso Fracksausen wie andere“, verrät der erfolgreichste und erfahrenste Schütze von allen. „Wir zittern manchmal so, dass wir die Patronen nicht ins Magazin bekommen.“ „Wir sind auf gutem Weg“, sagt Kraneis. „Nach vier Jahren haben wir es einigermaßen im Griff, aber immer noch nicht hundertprozentig.“

          Ralf Schumann ist überzeugt davon, dass er seine Hand nicht allein führt. „Jesus lebt“ steht auf der Kappe, die er seit Jahren im Wettbewerb trägt. „Der Glaube ist für mich der stärkste Antrieb“, sagt er. „Die Gewissheit, dass Jesus für mich am Kreuz war, dass er jeden Menschen liebt.“ Wer sich wie er in China zu seinem Glauben bekennt, stellt sich in den Fokus des autoritären Staates. „Meine Information ist, dass es lebensbedrohend ist, sich zum Christentum zu bekennen“, sagt Schumann. Er plant nicht, in Peking einen Gottesdienst zu besuchen oder Kontakt mit einer christlichen Gemeinde aufzunehmen. Weil sein Verband die Regeln des Internationalen Olympischen Komitees streng auslegt, hat er Schumann mitgeteilt, dass sogar sein plakatives Bekenntnis zu Jesus unter das Verbot von Werbung und Propaganda fällt. Der Schütze wird seine Mütze im Wettkampf nicht tragen.

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