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Fechterin Imke Duplitzer : Bürgerin im Trainingsanzug

Starke Fechterin, starke Worte: Imke Duplitzer Bild: dpa

Degenfechterin Imke Duplitzer beschreibt die olympische Welt aus ihrer Sicht mit klaren Worten. Sie hört nicht bei China-Kritik auf, sondern nennt auch Mängel im deutschen Sportsystem. Damit verhält sie sich ganz anders als ihre Teamkollegin Britta Heidemann.

          Imke Duplitzer ist eine unbequeme Frau, und sie hat unbequeme Ansichten mit nach Peking gebracht. Die Eröffnungsfeier der Spiele hat sie aus politischen Gründen boykottiert. Aber im Olympischen Dorf hat sie natürlich schon etwas von dem Spektakel gegenüber mitbekommen. „Ich lag mit einem Buch in meinem Bettchen, aber das Feuerwerk hat schon etwas gestört“, sagt sie und grinst.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Die ganze Show fand sie „sehr schön, sehr bombastisch und super-duppi-was-weiß-ich“. Die Ironie ist nicht zu überhören, als sie zusammen mit Britta Heidemann auf einer Pressekonferenz über die Eröffnungsfeier spricht. Aber Imke Duplitzer belässt es an diesem Tag nicht bei Ironie. Sie macht die Olympischen Spiele an ihrem vierten Tag zu dem, was sie seit ihrer Eröffnung für deutsche Sportler bisher nicht sind: zu politischen Spielen.

          „Ich habe nur etwas gegen die geschätzt eine Million Chinesen, die vom System profitieren“

          „Ich habe nichts gegen die 1,3 Milliarden Menschen in China. Ich habe nur etwas gegen die leger geschätzt eine Million Chinesen, die von diesem System profitieren“, sagt sie. Später wird sie nicht nur über China sprechen, sondern auch über das System der Spiele mit dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) an der Spitze und auch über das deutsche Sportsystem.

          Ungleiche Teamkameradinnen: Die degenfechtende China-Kritikerin Imke Duplitzer (l.) und die China-Kennerin Britta Heidemann

          „Ich hoffe, dass es implodiert“, sagt Imke Duplitzer. Wie, bitte? Sie wünscht sich, dass das Sportsystem implodiert, dass es zusammenbricht? „Und wie ich mir das wünsche“, sagt Imke Duplitzer. Sie meint es bitterernst.

          Die ungleichen Fechterinnen

          Es gibt an diesem Tag eigentlich zwei Pressekonferenzen mit Imke Duplitzer. Zur ersten hat der Deutsche Fechter-Bund (DFeB) eingeladen. Britta Heidemann ist auch dabei. Es ist die offizielle Pressekonferenz. Britta Heidemann, die 25 Jahre alte Studentin der chinesischen Regionalwissenschaften, kennt China so gut wie kaum ein anderer deutscher Athlet aus eigener Anschauung. Rund zwanzigmal war sie schon im Land. Sie betrachtet Peking und China als ihre zweite Heimat. Vor zehn Jahren ging sie hier für ein Jahr zur Schule, und sie trainierte oft mit Chinas Degenfechterinnen. Ihr Gastvater gab ihr den Beinamen „Kleiner Mond“.

          Imke Duplitzer, die 33 Jahre alte Politikstudentin, hat sich in den vergangenen Monaten dagegen als schärfste Kritikerin der Spiele in Peking unter den deutschen Athleten profiliert. „Die Polarisierung, Britta die China-Liebhaberin und ich die China-Hasserin, so einfach ist es nicht“, hat sie kürzlich über diese Zuspitzung gesagt. Aber ein bisschen ist es natürlich schon so. Das Pro und Contra in der Peking-Debatte sitzt nun im Herzen der Spiele direkt nebeneinander. Aber nur das Contra spricht. „Kleiner Mond“ schweigt.

          Imke Duplitzer findet nicht nur alleine aus dem Bus

          Imke Duplitzer erzählt von ihren ersten Erfahrungen bei den Spielen in einer Diktatur. „Es sind zwei Welten, in denen wir leben: Die eine ist die Hochglanz-Olympiawelt, abseits davon gibt es aber eine andere Welt“, sagt sie. „Optimal geschmacksneutral.“ Alles sei perfekt organisiert, die kleinen, folgenlosen Pannen, die auch Olympia ausmachten, werde es hier nicht geben.

          Die Helfer erklärten einem auch noch im Bus: „This is the way out of the bus.“ Imke Duplitzer findet bei Olympia nicht nur alleine aus dem Bus. Sie findet auch sehr klare Worte, um die olympische Welt aus ihrer Sicht zu beschreiben. Sie weiß, dass sie mit ihrem Protest und ihren offen geäußerten Ansichten ziemlich alleine steht unter den Sportlern, gerade zu Beginn der Spiele.

          Heidemann schweigt zu Duplitzer und umgekehrt

          Ihr sei bekannt, dass es auch in anderen Nationen Athleten gebe, die nicht begeistert seien, dass die Spiele in China stattfinden. Aber „hier trifft sich auch die Jugend der Welt. Und die Jugend der Welt hat erst mal genug damit zu tun, die Eindrücke von Olympia zu verarbeiten. Da ist es schwer, sich zu positionieren.“ Außerdem gebe es eine Weisheit, die auch für Sportler gelte: „Beiße nicht in die Hand, die dich füttert.“

          Britta Heidemann erzählt unterdessen, wie sehr sich China und Peking in den vergangenen Jahren verändert haben. Sie geht mit keinem Wort direkt auf Imke Duplitzer ein und Imke Duplitzer reagiert auch nicht auf Britta Heidemann. Die sagt, sie wolle sich zum Thema China jetzt „gar nicht mehr positionieren“. Sie wolle sich auf ihren Wettkampf in zwei Tagen konzentrieren.

          Beide können Gold gewinnen

          Beide Fechterinnen können im Degenwettbewerb die Goldmedaille gewinnen. Britta Heidemann ist die Nummer eins der Weltrangliste. Erst wenn sie ihren Einsatz hinter sich habe, werde sie sich wieder äußern, sagt sie. Anfragen vor allem von chinesischen Medien gibt es mehr als genug. Sie hat eine Agentur eingeschaltet, um die Nachfragen zu koordinieren.

          Britta Heidemann ist ein Liebling der Chinesen. Als in der Pressekonferenz die Frage kommt, sie solle doch wie Imke Duplitzer nur ihre Eindrücke von Olympia schildern, faltet sie die Hände und schweigt. Sie schweigt, bis die nächste Frage gestellt wird. Später sagt sie, dass sie alle Energie braucht, „um in einen Tunnel zu kommen“ für den Wettkampf.

          Wenn sie über IOC-Vizepräsident Thomas Bach spricht, redet sie in ironischem Ton

          Nach der Pressekonferenz geht Imke Duplitzer auf die Tribüne und beobachtet ihre Florett-Kolleginnen beim Wettkampf. Sie antwortet weiter auf die Fragen der Journalisten. Sie wirkt robust. Sie sagt aber, man brauche ein „breites Kreuz“, wenn man solche Dinge sage wie sie. „Viele Sportler haben Angst davor.“ Sie selbst hat auch mit ihrer Rolle zu kämpfen, manchmal zumindest. „Da liege ich die ganze Nacht wach im Bett und frage mich, ob es richtig ist, was ich mache.“ Sie prüft sich, und sie findet, dass sie den richtigen Weg geht.

          Imke Duplitzer lässt nichts aus. Von einer Begegnung mit den Menschen in China könne hier doch nicht die Rede sein. Und ob die Spiele zu einer Öffnung des Landes beitrügen, werde sich erst in zwei, drei Jahren zeigen, wenn die Flamme lange erloschen ist. Wenn sie über IOC-Vizepräsident Thomas Bach spricht, redet sie in ironischem Ton. Dass Michael Vesper, der die deutsche Delegation anführt, früher bei den Grünen war, hält sie auch für einen dieser Widersprüche und sagt: „Auf alkoholfreiem Bier steht auch drauf, dass es Bier ist. Aber es ist kein Bier.“

          „Wer soll mich sponsern? Amnesty International vielleicht?“

          Sie redet immer weiter. Sie beklagt die schwache Stellung der Sportler in einem geschlossenen ökonomischen System und was im deutschen Sport alles schieflaufe. Wer solche Sachen sage, werde keine Sponsoren finden. „Wer soll mich sponsern? Amnesty International vielleicht?“

          Sie erzählt, dass sie erfahren habe, das Organisationskomitee der Spiele sei zwei Stunden mit der Frage beschäftigt gewesen, wie es damit umgehe, falls sie am Mittwoch Olympiasiegerin werden sollte und dann die Möglichkeit habe, vor der internationalen Presse zu sprechen.

          Duplitzers Rede ist eine einzige Anklage gegen den Sport

          Imke Duplitzer redet fast so, als wäre sie in Deutschland und nicht im Hoheitsgebiet des IOC, nach dessen Charta politische Äußerungen an Sportstätten untersagt sind. Aber sie weiß das natürlich ganz genau. „Wenn Sie wüssten, auf welch dünnem Eis ich hier mit meinem Hintern Schlittschuh laufe“, sagt sie zu den Journalisten in der Halle.

          Ihre Rede ist eine einzige Anklage gegen den Sport in seiner jetzigen Verfassung, über seine Mechanismen. Aber die rote Linie der politischen IOC-Charta überschreitet sie nicht. Direkte Angriffe auf die chinesische Politik vermeidet sie. Imke Duplitzer ist bei der Bundeswehr. Dort hat sie gelernt, dass es einen Unterschied macht, seine politische Meinung in Uniform oder als Privatperson zu äußern.

          „Wir Soldaten sind Bürger in Uniform“, sagt sie. Am Mittwoch, am Tag des Wettkampfs, werde sie nur Sportlerin sein. Wahrscheinlich auch auf der Pressekonferenz, falls sie Gold gewinnt. Aber so ganz genau weiß sie das noch nicht. Vielleicht erscheint Imke Duplitzer auch dort wieder in ihrer ganz eigenen Rolle: als Bürgerin im Trainingsanzug.

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