https://www.faz.net/-g8h-1036t

Fechterin Imke Duplitzer : Bürgerin im Trainingsanzug

Britta Heidemann erzählt unterdessen, wie sehr sich China und Peking in den vergangenen Jahren verändert haben. Sie geht mit keinem Wort direkt auf Imke Duplitzer ein und Imke Duplitzer reagiert auch nicht auf Britta Heidemann. Die sagt, sie wolle sich zum Thema China jetzt „gar nicht mehr positionieren“. Sie wolle sich auf ihren Wettkampf in zwei Tagen konzentrieren.

Beide können Gold gewinnen

Beide Fechterinnen können im Degenwettbewerb die Goldmedaille gewinnen. Britta Heidemann ist die Nummer eins der Weltrangliste. Erst wenn sie ihren Einsatz hinter sich habe, werde sie sich wieder äußern, sagt sie. Anfragen vor allem von chinesischen Medien gibt es mehr als genug. Sie hat eine Agentur eingeschaltet, um die Nachfragen zu koordinieren.

Britta Heidemann ist ein Liebling der Chinesen. Als in der Pressekonferenz die Frage kommt, sie solle doch wie Imke Duplitzer nur ihre Eindrücke von Olympia schildern, faltet sie die Hände und schweigt. Sie schweigt, bis die nächste Frage gestellt wird. Später sagt sie, dass sie alle Energie braucht, „um in einen Tunnel zu kommen“ für den Wettkampf.

Wenn sie über IOC-Vizepräsident Thomas Bach spricht, redet sie in ironischem Ton

Nach der Pressekonferenz geht Imke Duplitzer auf die Tribüne und beobachtet ihre Florett-Kolleginnen beim Wettkampf. Sie antwortet weiter auf die Fragen der Journalisten. Sie wirkt robust. Sie sagt aber, man brauche ein „breites Kreuz“, wenn man solche Dinge sage wie sie. „Viele Sportler haben Angst davor.“ Sie selbst hat auch mit ihrer Rolle zu kämpfen, manchmal zumindest. „Da liege ich die ganze Nacht wach im Bett und frage mich, ob es richtig ist, was ich mache.“ Sie prüft sich, und sie findet, dass sie den richtigen Weg geht.

Imke Duplitzer lässt nichts aus. Von einer Begegnung mit den Menschen in China könne hier doch nicht die Rede sein. Und ob die Spiele zu einer Öffnung des Landes beitrügen, werde sich erst in zwei, drei Jahren zeigen, wenn die Flamme lange erloschen ist. Wenn sie über IOC-Vizepräsident Thomas Bach spricht, redet sie in ironischem Ton. Dass Michael Vesper, der die deutsche Delegation anführt, früher bei den Grünen war, hält sie auch für einen dieser Widersprüche und sagt: „Auf alkoholfreiem Bier steht auch drauf, dass es Bier ist. Aber es ist kein Bier.“

„Wer soll mich sponsern? Amnesty International vielleicht?“

Sie redet immer weiter. Sie beklagt die schwache Stellung der Sportler in einem geschlossenen ökonomischen System und was im deutschen Sport alles schieflaufe. Wer solche Sachen sage, werde keine Sponsoren finden. „Wer soll mich sponsern? Amnesty International vielleicht?“

Sie erzählt, dass sie erfahren habe, das Organisationskomitee der Spiele sei zwei Stunden mit der Frage beschäftigt gewesen, wie es damit umgehe, falls sie am Mittwoch Olympiasiegerin werden sollte und dann die Möglichkeit habe, vor der internationalen Presse zu sprechen.

Duplitzers Rede ist eine einzige Anklage gegen den Sport

Imke Duplitzer redet fast so, als wäre sie in Deutschland und nicht im Hoheitsgebiet des IOC, nach dessen Charta politische Äußerungen an Sportstätten untersagt sind. Aber sie weiß das natürlich ganz genau. „Wenn Sie wüssten, auf welch dünnem Eis ich hier mit meinem Hintern Schlittschuh laufe“, sagt sie zu den Journalisten in der Halle.

Ihre Rede ist eine einzige Anklage gegen den Sport in seiner jetzigen Verfassung, über seine Mechanismen. Aber die rote Linie der politischen IOC-Charta überschreitet sie nicht. Direkte Angriffe auf die chinesische Politik vermeidet sie. Imke Duplitzer ist bei der Bundeswehr. Dort hat sie gelernt, dass es einen Unterschied macht, seine politische Meinung in Uniform oder als Privatperson zu äußern.

„Wir Soldaten sind Bürger in Uniform“, sagt sie. Am Mittwoch, am Tag des Wettkampfs, werde sie nur Sportlerin sein. Wahrscheinlich auch auf der Pressekonferenz, falls sie Gold gewinnt. Aber so ganz genau weiß sie das noch nicht. Vielleicht erscheint Imke Duplitzer auch dort wieder in ihrer ganz eigenen Rolle: als Bürgerin im Trainingsanzug.

Weitere Themen

Fortuna fit trotz Verletzungen Video-Seite öffnen

Rheinderby gegen Gladbach : Fortuna fit trotz Verletzungen

Im Rheinderby treffen die Düsseldorfer am Sonntag auf Borussia Mönchengladbach, die am Donnerstag in der Europa League eine 0:4-Heimniederlage verkraften mussten. Trotz Verletzungspech freut sich Trainer Funkel auf das Spiel.

Topmeldungen

Ashton Applewhite

Altersdiskriminierung : „Man kann nicht jung bleiben“

Die Amerikanerin Ashton Applewhite kämpft gegen eine Form der Diskriminierung, über die kaum jemand spricht, obwohl sie jeden irgendwann treffen wird. Ein Gespräch über Altersdiskriminierung.
Schlechte Laune im Osten? Das stimmt nicht so ganz.

Ostdeutschland : Woher die schlechte Laune?

Steht es dreißig Jahre nach dem Ende der DDR wirklich so schlimm mit der deutschen Einheit und dem Osten? Nein. Die krasse Fehleinschätzung hat auch etwas mit denen zu tun, die heute die politische Meinung im Osten mitprägen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.