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Nach den olympischen Spielen : Eine Falle, in die wir nicht gehen sollten

  • -Aktualisiert am

Seltenes Bild: Ein Amerikaner und eine Chinesin verfolgen ein Basketball-Spiel Bild: dpa

Die einen wollten die perfekte Inszenierung, die anderen suchten Authentizität: In den vergangenen sechzehn Tagen segelten China und der Westen komplett aneinander vorbei. Jetzt könnte Olympia zur Chiffre einer umfassenderen Angst werden.

          Jetzt sind sich die Welten in Peking so nahe gekommen wie nie zuvor, und was ist das Ergebnis? Sie sind weiter denn je voneinander entfernt. In China sind die Leute stolz darauf, dass ihr Land solch brillante Spiele organisieren konnte, dass es so viele Rekorde gab, dass die eigene Mannschaft so gut abgeschnitten hat. Sie sind überzeugt davon, dass der Westen jetzt gar nicht mehr anders kann, als China endlich so anzuerkennen, wie es wirklich ist.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Aber für viele Kommentatoren im Westen ist mit ebendiesen Spielen ein historischer Höchststand an Blendung, Künstlichkeit und Manipulation erreicht, von den Inszenierungen der chinesischen Regierung bis zu den vermuteten Tricks der Pharmaindustrie, die den olympischen Geist in einen Talmi-Glanz gehüllt hätten, den er vielleicht nie wieder loswird. Geteilter kann eine Bilanz kaum sein.

          Alles unter Kontrolle

          Gewiss hat es im Lauf der sechzehn Tage individuelle Begegnungen gegeben, die den einzelnen Sportler, Schlachtenbummler, Freiwilligen aus den Kollektivwesen „China“ oder „der Westen“ für einen Moment herauszulösen vermochten. Aber im Großen segelten die beiden Öffentlichkeiten komplett aneinander vorbei. Noch nicht einmal das erwartete Katz-und-Maus-Spiel zwischen Journalisten und Bürgerrechtsaktivisten auf der einen und der chinesischen Staatsgewalt auf der anderen fand statt. Abgesehen von ein paar Tibet-Fahnen zu Beginn, störte nichts die Harmonie. Der Staat hat unter Beweis gestellt, dass er auf eigenem Territorium tatsächlich alles unter Kontrolle behalten kann, selbst wenn potentiell die ganze Welt zu Gast ist: Dafür haben umfassende und zugleich gezielte Visa-Restriktionen gesorgt, eine dramatische Erhöhung der uniformierten und nichtuniformierten Sicherheitskräfte, eine Einschüchterung aller zuvor noch als legal deklarierten Demonstrationsvorhaben und eine so dichte Überwachung der nationalen Presse wie lange nicht mehr. Alle blieben in ihren vorgegebenen und sanft aneinander vorbeigeleiteten Bahnen.

          Doch diese Fähigkeit, real existierende Widersprüche mit einer glatten, störungsfreien Oberfläche zu überziehen, erweist sich als Pyrrhussieg. Der chinesische Staat bot Perfektion, aber die westliche Öffentlichkeit wollte Wirklichkeit und Authentizität. Nach Lage der Dinge schloss sich beides gegenseitig aus. So gewannen die Spiele im Blick der westlichen Beobachter am Ort und am Fernsehen ein umso düstereres Aussehen, je mehr sie sich als Teil einer glänzenden Inszenierung wiederfanden. Olympia könnte daher zur Chiffre einer noch umfassenderen Angst werden: dass China dem Westen womöglich auch sonst seine Begriffe und Institutionen entwendet und unter dem Vorzeichen eines autoritären Perfektionismus etwas ganz anderes daraus macht.

          Ein realistischeres und daher günstigeres China-Bild

          China hatte also seine Show – und ohne Zweifel werden im Westen diejenigen, die die Welt bereits in einem Kalten Krieg zwischen den Systemen wähnen, die ihre haben. Die Ironie dabei ist, dass sich in China im Zuge der marktwirtschaftlichen Reformen der letzten Jahrzehnte eine Gesellschaft gebildet hat, die keineswegs so uniform ist, wie es die staatliche Präsentation vermuten lässt, und die längst auch den Aktionskreis der herrschenden Partei ihrerseits prägt und begrenzt. Die Kenntnis dieser Gesellschaft, die die Regierung mit ihren olympischen Kontroll- und Zensurmaßnahmen nach Kräften zu verhindern suchte, würde ein ungleich differenzierteres, realistischeres und daher günstigeres China-Bild erzeugen, als es die staatlichen Vorführungen vermögen.

          Ein Kommentator der reformorientierten Wochenzeitung „Nanfang Zhoumo“ in Kanton schrieb in diesem Sinne kürzlich, die „Soft Power“ des Landes, auf die die Regierung immer so viel Wert legt, hänge vor allem von der Freiheit und Qualität der Presse ab. In nichtolympischen Zeiten haben sich die Artikulationsspielräume dieser Gesellschaft allmählich erweitert – allerdings nur, solange das Herrschaftsmonopol der Partei nicht direkt betroffen ist. Deswegen wird ihre Bedeutung draußen bisweilen unterschätzt. Ohne die Berücksichtigung authentischer Stimmen aber wächst im Westen die Versuchung, die offiziellen Inszenierungen zum Nennwert zu nehmen und nach einem vorhersehbaren Reiz-Reaktions-Schema abzuwehren. In diese Falle sollte man nicht gehen. Das englischsprachige Parteiblatt „China Daily“ hat sich jetzt nach der pompösen, ästhetisch völlig missglückten Schlussfeier zu der triumphalistischen Schlagzeile „Beat this!“ hinreißen lassen. Überbietungswettkämpfe sind aber selten eine gute Idee. China sollte nicht allein an der Art Perfektion gemessen werden, die seine Führer als sein Wesen ausgeben.

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