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Straßenradrennen : Die üblichen Verdächtigen in Atemnot

  • -Aktualisiert am

Schumacher gilt als Medaillenkandidat Bild: dpa

Die Schleck-Brüder, Valverde, Sastre, Contador, Schumacher, Bettini: die Favoritenliste ist mit hinreichend bekannten Namen gefüllt. Kaum einer, der noch nicht unter Dopingverdacht stand. Da ist es fast zynisch, dass die klimatischen Umstände in Peking die entgegengesetzte Wirkung von Epo haben.

          An der Großen Mauer wird das Straßenrennen zur Tortur. Den Radprofis wird es am Samstag „in der Lunge brennen“, wie der Sportliche Leiter Hans-Michael Holczer befürchtet. Das schwülheiße Klima bewirkt - welcher Zynismus - das genaue Gegenteil von Epo. „Es entzieht den Fahrern den Sauerstoff“, sagt Holczer.

          Das sei das Hauptproblem, weniger Smog, Reizhusten und Atemnot. Sein Quintett - Gerald Ciolek, Bert Grabsch, Stefan Schumacher, Jens Voigt, Fabian Wegmann - sei sich bei den vier Trainingsfahrten „wie im Höhentraining“ vorgekommen. Den drei Frauen Judith Arndt, Hanka Kupfernagel und Trixi Worrack wird es am Sonntag nicht anders ergehen.

          Holczer hält die Strecke für „unverantwortlich lang“

          Bei diesen außergewöhnlich qualvollen klimatischen Bedingungen hält Holczer die Streckenlänge von 245,19 km für „unverantwortlich lang“. Vier statt sieben Runden auf dem Kurs an der chinesischen Mauer, 180 Kilometer also, hätten es nach seiner Ansicht auch getan. „Es wird eine Hitzeschlacht ohne gleichen“, prophezeit der Chef des Teams Gerolsteiner. Hinzu kommt ein „hinterhältig schweres Streckenprofil“, das wahrscheinlich schwerste, seit Radrennen auf der Straße zum olympischen Programm gehören. Seit 1896 in Athen also, wo August von de Goedrich mit Silber die erste deutsche Fahrrad-Medaille gewann.

          Die spanische Armada: Contador, Freire, Sanchez, Sastre, Valverde (v.l.)

          Denn wer glaubt, nach dem elf Kilometer langen Anstieg auf den 650 Meter hohen Badaling-Pass an der Mauer könne sich auf der Abfahrt erholen, der könne, so Holczers Erfahrung, eine unliebsame Überraschung erleben. „Bei unseren Trainingsfahrten wehte der Gegenwind so heftig, dass die Fahrer voll in die Pedale treten mussten.“

          Das Rennen als Stadtrundfahrt durch Greater Beijing

          Damit noch nicht genug der Tücken. Durch ein Tor in der Mauer führt die 23,8 Kilometer lange Rundstrecke auf einer 600 Meter langen, steilen Rampe zum Ziel an der Mauer in Juyongguan. „Man kann sich der Faszination der Mauer nicht entziehen“, schwärmt der Tourist in Holczer zwar. Der Radfachmann jedoch kann sich für das Mauer-Spektakel nicht recht begeistern.

          Aber die Strecke wurde nun einmal unter rein touristischen Gesichtspunkten ausgelegt. Eine Sightseeing-Tour. „Es wird wunderbare Bilder geben“, verspricht Hein Verbruggen. Der Niederländer, IOC-Mitglied und bis 2005 Präsident des Welt-Radsportverbandes UCI, hat als Präsident der Koordinierungskommission von IOC und Bocog (Organisiationskomitee der Spiele) an der Planung des Parcours maßgeblich mitgewirkt.

          „Wir können an jeder Haustür vorbeifahren“

          An jeder Sehenswürdigkeit, die in allen Reiseführern zum „Muss“ erklärt werden, radelt das Peloton vorbei oder drüber. Erstmals liegen daher Start und Ziel nicht zusammen, sondern rund 80 Kilometer von einander entfernt. Es geht in Peking am Yongdingmen Tor los, vorbei am Himmelstempel, über den Tian`anmen, den Platz des Himmlischen Friedens, das Herz Chinas und den größten Platz der Welt, der durch das Massaker von 1989 weltweit unrühmliche Bekanntheit hinzu erlangte.

          Die Verbotene Stadt, der Olympia-Turm und das Olympia-Stadion liegen an der Radstrecke, die dann nördlich über den Badaling Express Way an die Mauer mit ihren Touristen-Attraktionen führt. „Das Straßenrennen bietet die beste Möglichkeit, die Stadt zu zeigen“, sagt Verbruggen. Auch Holczer sieht in dieser touristischen Tour eine Chance für den ramponierten Radsport, sich vor dem Hintergrund von Tempeln, Palästen und Panorama positiv ins Bild zu setzen. „Nur der Radsport kann das. Wenn gefordert, können wir an jeder Haustür vorbeifahren.“

          Die üblichen Verdächtigen als Favoriten

          Und was bedeuten die Schönheit und die Schwierigkeit des Kurses für den sportlichen Ausgang? „Die Spezialisten des Ardennen-Klassikers Lüttich-Bastogme-Lüttich werden jubeln“, glaubt Holczer. Allen voran der diesjährige Sieger Alejandro Valverde, der seine Olympiaform erst am vergangenen Sonntag mit dem Sieg in der Clasica San Sebastian angekündigt hat. Überhaupt die Spanier: Sie rücken mit einer wahren Armada an, mit den beiden letzten Toursiegern Alberto Contador und Carlos Sastre, dem dreimaligen Weltmeister Oscar Freire und dem Tour-Neunten Samuel Sanchez an der Seite Valverdes.

          Die von Gold-Verteidiger und Weltmeister Paolo Bettini angeführten Italiener, das Luxemburger Trio Kim Kirchen und die Schleck-Brüder, Stefan Schumacher, wenn er seine Akklimatisierungsprobleme überwindet, und Fabian Cancellara (Schweiz) zählen zum engsten Favoritenkreis. Der einsame Schweizer sagt, worauf aus bei dieser Hitzeschlacht ankommen wird: „Trinken, trinken, trinken!“ Damit es nicht in der Lunge brennt.

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