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Springen mit Schmerzen : Reiter unter Verdacht

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Unerlaubte Salbe im Pferdeblut: Christian Ahlmann und Cöster dürfen nicht mehr starten Bild: dpa

Der Deutsche Christian Ahlmann und drei Kollegen werden ausgeschlossen: Verbotene Medikation oder Doping? In Hongkong wurden Erinnerungen an Athen wach, als Ludger Beerbaum und Kollegen die Medaillen aberkannt wurden.

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          Die Springreiter Christian Ahlmann aus Marl, Bernardo Alves aus Brasilien, Denis Lynch aus Irland und Tony Andre Hansen aus Norwegen sind am Donnerstag nach der Entdeckung verbotener Medikation ihrer Pferde von den Olympischen Spielen ausgeschlossen worden. Die Information, wonach sein Pferd Cöster bei einer Kontrolle aufgefallen sei, erreichte Christian Ahlmann am Vortag im Sattel seines Holsteiners. Nach einer Anhörung durch das zuständige Gremium der Internationalen Reiterlichen Vereinigung (FEI) musste Ahlmann das olympische Terrain in Hongkong auf der Stelle verlassen.

          Bei den Kontrollen nach dem ersten Umlauf des Nationenpreises am 17. August wurde bei vier Pferden, darunter auch der 15 Jahre alte Hengst Cöster, die Substanz Capsaicin nachgewiesen. „Bei ihr handelt es sich um einen Extrakt der Chilischote, die zur oberflächlichen Behandlung der Haut angewendet werden kann. Sie hat in erster Linie einen durchblutungsfördernden Effekt“, behauptete der deutsche Mannschaftstierarzt Björn Nolting. Mit ihrer Verwendung, so die FEI am Freitag in einer Erklärung, sei der Tatbestand des Dopings erfüllt. Mit Hilfe dieser Substanz ließen sich die Vorderbeine des Pferdes „sensibilisieren“; oberhalb des Hufes wird die Haut gereizt, was das Anschlagen an die Stangen schmerzhafter macht.

          Das erstbeste Flugzeug Richtung Heimat

          Über etwaige Sanktionen, die zu Sperren und nachträglichen Veränderungen im Klassement der Mannschaftswertung führen können, soll nach Öffnung der B-Proben und der Anhörung der Betroffenen vor dem FEI-Tribunal „zeitnah“ entschieden werden. Vermutlich wird es bis September dauern. Die norwegische Equipe könnte ihre Bronzemedaille an die Schweiz verlieren, sollte das Ergebnis bei Hansens Camiro sich in der B-Probe bestätigen.

          Suspendiert: Tony Andre Hansen (Norwegen) mit Camiro

          Christian Ahlmann, der Europameister des Jahres 2003, nahm am Donnerstag das erstbeste Flugzeug Richtung Heimat und war räumlich Tausende Kilometer vom olympischen Schauplatz entfernt, als um die Einzelmedaillen gesprungen wurde. Ahlmann, so ließ er die deutsche Mannschaftsführung wissen, wollte die Öffnung der B-Probe an diesem Freitag abwarten, „ehe er sich in der Lage sehe, eine Erklärung abzugeben“. Einen Reim darauf, wie es zu dem positiven Test durch die Kontrolleure kommen konnte, vermochte er sich angeblich nicht zu machen.

          Erinnerungen an Athen

          Mit dem für die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) verheerenden Bescheid war Hanfried Haring, der Generalsekretär der FN, am Mittwoch, dem Ruhetag der Wettbewerbe, konfrontiert worden. Mit dem sofortigen Ausschluss der Reiter aus vier Nationen trat eine Regelung in Kraft, die vorsieht, dass Reiter und Pferd bei Olympischen Spielen bereits nach einer positiven A-Probe vom Wettkampf suspendiert werden. Die Beschleunigung des Verfahrens war unter besonderer Mitwirkung der Deutschen Reiterlichen Vereinigung im Regelwerk verankert worden.

          In Hongkong wurden Erinnerungen an Athen wach, als Ludger Beerbaum und Kollegen die Medaillen aberkannt wurden. Wobei es sich bei der von Beerbaum für sein Pferd Goldfever verwendeten Salbe um eine anerkannte Arznei handelte. Er hatte es versäumt, ihre Verwendung anzumelden. Capsaicin allerdings steht auf dem Index für Dressur-, Spring-und Vielseitigkeitspferde. Es fällt grundsätzlich in die Klasse der verbotenen Medikation, im Falle des Missbrauchs allerdings unter Doping.

          „Wir stehen trotzdem heute da wie vor vier Jahren“

          Seit dem Erlebnis Athen waren die deutschen Kaderreiter von der FN wieder und wieder vergattert worden, die Finger von allen Substanzen zu lassen, Behandlungen welcher Art auch immer mit dem Mannschaftstierarzt abzustimmen. Nolting versicherte, dass er von keiner Behandlung des Pferdes Cöster gewusst habe.

          Alle deutschen Reiter haben unterschrieben, dass die Tiere acht Wochen vor sowie während der Spiele nicht ohne Absprache mit dem Veterinär behandelt werden dürfen. „Wir haben zigfach darüber gesprochen“, berichtete Nolting. Die Reiter seien „mehrfach aufgeklärt“ worden. „Wir stehen trotzdem heute da wie vor vier Jahren“, klagte der Veterinär.

          Entsprechend geschockt zeigten sich Reinhard Wendt als deutscher Chef de Equipe und Hanfried Haring. Im Parcours des Nationenpreises wurden reiterliche Mängel offenkundig. Der Verdacht, dass sich auch erhebliche Defizite im Umgang mit dem anvertrauten Lebewesen herausstellen könnten, ist ungleich gravierender.

          „Super-GAU für den Sport“

          „Der Schatten fällt auch auf alle anderen im Team“, sagte Haring: „Ich schwanke zwischen Unverständnis und Wut.“ Zweifel an der Schuld hegte Haring trotz des fehlenden Ergebnisses der B-Probe offenbar nicht: „Kann doch keiner sagen, dass das vom Himmel fällt.“ „Ich bin fassungslos“, sagte Wendt. „Das ist ein Desaster. Die Enttäuschung ist auch deshalb so immens, weil wir wissen, was wir unternommen haben, um so etwas zu unterbinden.“

          Die Zahl von insgesamt vier positiven Fällen bezeichnete Peter Hofmann, der Vorsitzende des deutschen Springausschusses, als „Super-GAU für den Sport“ und als „absolute Katastrophe“. Die drei Pferdesport-Disziplinen gelten wegen der hohen Kosten seit Jahren als Streichkandidaten für das olympische Programm. Die aktuellen Fälle dürften das Problem verschärfen.

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