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Gewichtheben : Gold gewonnen, Mutter verloren

  • -Aktualisiert am

Tränen auf dem Podium: Cao Leis Mutter war gestorben Bild: dpa

Cao Lei hatte schon gewonnen, dann wollte sie auch noch Weltrekord heben. Da flüsterte ihr der Trainer etwas ins Ohr und sie konnte das Gewicht nicht mehr umsetzen. Wieso? Erst jetzt hatte er ihr gesagt, dass ihre Mutter gestorben war.

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          Man muss ein Stückchen mit dem Bus fahren, um vom Sportstätten-Komplex Olympic Green zu dem Ort zu kommen, wo China seit Tagen den Rest der Welt zum Grünen Tee verspeist. Das Drama findet in der Sporthalle der Universität für Luft- und Raumfahrt statt. Dort hebt China ab. Oder muss man sagen: Dort wird China von seinen eigenen Leuten abgehoben? Die Gewichtheber-Wettbewerbe dieser Spiele sind in chinesischer Hand.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Wenn ein Chinese Lust bekommt, einmal wieder aus voller Brust mit ein paar tausend Landsleuten seine Nationalhymne zu schmettern, muss er hierher kommen. Manchmal, wie am Freitag, klappt das sogar zweimal am Tag. Da hob erst eine 25 Jahre alte Chinesin namens Cao Lei die Welt der 75-Kilo-Frauen aus den Angeln. Dann bescherte in der 85-Kilo-Klasse der Heber Lu Yong der enthusiastischen Menge ein euphorisierendes Seelenbad.

          „Aber jetzt hatte ich ein psychologisches Problem“

          Mit welchem Schmerz und welcher Entmündigung dieser umfassende Erfolg bezahlt wird, zeigte allerdings der Auftritt Cao Leis in herzzerreißender Weise. Sieggewohnt und unbeschwert betrat sie sowohl im Reißen als auch im Stoßen die Bühne erst, als alle anderen Teilnehmerinnen schon fertig waren. Dann stellte sie mit 282 Kilogramm im Zweikampf einen neuen olympischen Rekord auf.

          Zum Sieg hatte es dennoch gereicht - die schlechte Nachricht erhielt sie erst danach

          Schließlich wollte sie als Hommage an das Publikum auch noch den Weltrekord von 159 Kilogramm einstellen, doch dann flüsterte ihr der Trainer etwas ins Ohr. Danach konnte sie das Gewicht nicht mehr umsetzen. Wieso? Erst jetzt hatte der Trainer ihr gesagt, dass in der Vorbereitungszeit auf Olympia ihre Mutter gestorben war. „Im Training schaffe ich dieses Gewicht regelmäßig“, sagte die stabile 1,68 Meter große Frau aus Nordchina unter Tränen. „Aber jetzt hatte ich ein psychologisches Problem.“ Die Leistung reichte auch so: Mit einem Rückstand von 16 Kilo wurde die Kasachin Alla Waschenina Zweite.

          Das Gold-Kontingent ist aufgebraucht

          Ihr Teamkollege Lu Yong, ein Modellathlet mit angriffslustiger Drachenfrisur, konnte seinen Sieg in vollen Zügen genießen. Dabei hatte er sich auf der Bühne schwerer getan. Er gewann den Wettkampf in der Klasse bis 85 Kilogramm nur, weil er 27 Gramm weniger wog als sein weißrussischer Herausforderer Andrej Rybakou. Beide schafften im Zweikampf 394 Kilogramm. Lu hatte sich im Reißen einen Fehlversuch bei 183 Kilogramm geleistet und musste deshalb im Stoßen einen Fünf-Kilo-Rückstand wettmachen. Er schaffte es nur mit Weltrekord - 214 Kilo.

          Wütende Proteste, als die Kampfrichter im ersten Anlauf seinen wackeligen Versuch ungültig gaben. Er ging zurück in den Aufwärmraum und schien aus einem china-gelben Seidenmantel neue Kraft zu saugen. Lu betrat die Bühne, ließ einen heiseren Schrei los, packte den Weltrekord beim zweiten Versuch und war Olympiasieger. Kathartische Schreie im Publikum. Für nervenschwache Chinesen empfahl es sich also eher, zum Frauen-Gewichtheben zu gehen.

          Acht Olympiasiege haben die Chinesen schon zusammen

          In der 69-Kilo-Klasse zum Beispiel gewann die quadratische Liu Chunhong die Goldmedaille mit einem Vorsprung von 31 Kilogramm vor der Russin Oksana Sliwenko. Doch nun ist es vorbei mit dem Frauengold en gros. Der Weltverband hat vorgebaut. Nur vier Frauen einer Nation dürfen in den sieben weiblichen Gewichtsklassen starten, und dieses Kontingent ist nun ausgeschöpft. Die Bilanz: Vier Olympiasiege. Nur sechs Männer einer Nation dürfen in den acht männlichen Klassen an den Start gehen. Der Rest der Welt soll auch noch eine Chance haben. Vier Olympiasiege haben die chinesischen Heber nun zusammen.

          Allerdings gab es auch eine große Enttäuschung: In der 77-Kilo-Klasse musste sich Li Hongli am Mittwoch dem Koreaner Sa Jeahyok geschlagen geben. Er war wiederum 45 Gramm zu schwer und ist mit Silber der bisher schwächste chinesische Gewichtheber dieser Spiele. Irgendwo in den Provinzen gibt es nun sicher ein paar Sportfunktionäre, die davon überzeugt sind, dass einer der unzähligen anderen Olympia-Anwärter für diese Klasse stärker gewesen wäre als Li. Über den 31-Kilo-Vorsprung von Liu Chunhong staunt die Welt allerdings am meisten.

          „Jeder Sport hat seine großen Talente“

          Nur der Ungar Tamas Ajan, Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees und Präsident des Internationalen Gewichtheber-Verbandes IWF macht sich keine Sorgen. „Heute Morgen war ich beim Schwimmen“, sagt er. „Und ich möchte Ihnen vom Vorsprung der amerikanischen Männer berichten. Jeder Sport hat seine großen Talente und die junge Dame aus China ist eines. Ihre Technik und Vorbereitung sind exzellent. Das macht den Unterschied aus.“

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