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Gewichtheben : Der Virtuose Steiner siegt im Kampf der Kolosse

  • -Aktualisiert am

Matthias Steiner bei der Medaillenzeremonie mit einem Foto seiner tödlich verunglückten Frau Susann Bild: AFP

Der stärkste Mann der Welt hat für Deutschland Gold gewonnen. Gewichtheber Matthias Steiner widmet den Triumph von Peking seiner tödlich verunglückten Frau.

          3 Min.

          Das gerahmte Foto steht immer in Matthias Steiners Zimmer. Nur am Dienstag hielt er es vor 6000 Zuschauern in der Hand. Seine vor einem Jahr bei einem Autounfall ums Leben gekommene Frau Susann ist darauf, und er wollte unbedingt, dass sie dabei ist in diesem Moment, als er auf das olympische Siegerpodest stieg, um die Goldmedaille in Empfang zu nehmen.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Die Zuschauer, innerlich noch schwer gebeutelt von der Dramatik des Wettkampfs, konnten sehen, wie er das Bild küsste und dann in die Höhe hielt, und die Atmosphäre in der Sporthalle verdichtete sich für einen Moment zu einem emotionalen Kokon. Dann brach sich wieder der übliche Applaus, das Johlen und Fähnchenschwenken Bahn. Während die deutsche Hymne spielte, musste sich die schwarz-rot-goldene Delegation erst einmal erholen von diesem Gladiatorenkampf der Superschwergewichte, den Steiner mit dem allerletzten Versuch des Wettbewerbs gewann.

          „Junge, tu mir den Gefallen“

          258 Kilogramm Eisen brachte der 25 Jahre alte Steiner im Stoßen zur Hochstrecke, ein wahnwitziger Versuch, acht Kilogramm über seiner bisherigen Bestleistung, und eigentlich für ihn nicht zu schaffen. „Junge“, sagte sein Trainer Frank Mantek in diesem Augenblick wie bei einem Stoßgebet, das Steiner auf der Bühne nicht hören konnte, „tu mir den Gefallen. Mach, was ich dir beigebracht habe, nämlich Gewichtheben.“ Und das machte Steiner.

          Starker Typ: Matthias Steiner

          Er stieß einen rauen Schrei aus, beugte sich zu der Hantel hinab, packte sie mit seinen beiden Pranken, zog an und setzte sie um wie ein Virtuose. Dann stand er da mit der Stange auf seinen Schlüsselbeinen und den Fäusten darum, atmete schwer und musste weitermachen. Später erzählte er, ihm sei schwarz vor Augen geworden in diesem Augenblick, „Oben raus war es nur noch Willen“, sagt Mantek. „Das war eine übermenschliche, eine übernatürliche Leistung.“

          Bäuche wie Schildkrötenpanzer

          In der Summe aus Reißen und Stoßen blieb Steiner zehn Kilo über seinem bisherigen Rekord. Der erste Olympiasieg eines deutschen Superschwergewichtlers seit der Einführung des Zweikampfs liest sich in Zahlen so: 203 Kilogramm im Reißen, 258 Kilogramm im Stoßen und 461 Kilogramm im Zweikampf, dem einzigen Resultat, für das es bei Olympia Medaillen gibt. Das letzte, ungeheuer schwere wiegende Kilo Eisen bedeutete das Gold, denn Steiners stärkster Konkurrent, der Russe Jewgeni Tschigischew, schaffte nicht nur 460 Kilo, sondern wog außerdem noch mehr als 13 Kilo weniger als Steiner, der mit 145,93 Kilogramm Körpergewicht bei 1,83 Größe der zweitschwerste Heber des Abends war - bei gleicher Leistung wäre also der Russe Olympiasieger geworden.

          Die Bronzemedaille in diesem Kampf der Kolosse, der massiven Kraftpakete mit ihren runden Köpfen, mit ihren Rückenmuskeln wie Bretter und Bäuchen wie Schildkrötenpanzer, erkämpfte sich Europameister Viktor Skerbahtis aus Lettland. Wäre der nicht an seinem letzten Versuch mit 257 Kilo gescheitert, hätte ihm das Gold in diesem Wettkampf gebührt, in dem traditionell mit Zahlen und Leistungsvorgaben gepokert wird, die man dann in der Minute der Entscheidung auch einlösen muss.

          Eine Medaille für die tödlich verunglückte Frau

          Steiner schien sogar einen Moment zu verzagen, als sein dritter Versuch im Reißen misslang. Als er das anschließende Stoßen mit einem weiteren Fehlversuch begann, wuchs allerdings die Gegenkraft in ihm: „Da bin ich aufgewacht.“ Er habe, sagt Steiner, die Goldmedaille hauptsächlich für seine Frau gewonnen. Susann Steiner hatte sich zuhause in Zwickau vor drei Jahren beim Fernsehen in ihn verliebt, zu einer Zeit, als er noch Österreicher war.

          Bei den Olympischen Spielen in Athen war er für Österreich Siebter in der Klasse bis 105 Kilogramm geworden, fühlte sich aber nicht angemessen unterstützt. Kaum hatten Susann und er einander kennen gelernt - sie nahm per Mail Kontakt mit ihm auf -, da beschlossen sie auch schon zu heiraten. Hinzu kam Steiners Wunsch, sich sportlich neu zu orientieren.

          Vielleicht hat sich der Kreis geschlossen

          Deshalb meldete er sich bei Bundestrainer Frank Mantek, der sich von ihm überzeugen ließ. Das junge Paar zog nach Leimen bei Heidelberg, in die Nähe des Leistungsstützpunkts, und Susann fand in einem Hotel in der Nähe eine Ausbildungsstelle. Auf dem Weg zur Arbeit verunglückte sie im Juli vergangenen Jahres tödlich. Steiner lebt seither intensiv mit der Erinnerung an sie. Doch vielleicht hat sich der Kreis nun geschlossen. „Ich denke ja“, sagt er.

          Im gleichen Atemzug wie seine Frau nannte er in Peking aber auch seine Familie, die Eltern waren aus Österreich nach Peking gekommen, und den Bundesverband Deutscher Gewichtheber. Cheftrainer Frank Mantek hat ihm beigebracht, seine rohe Kraft mit ausgefeilter Technik zu optimieren. „Ich weiß noch genau, wie er bei mir im Büro saß wie schon viele zuvor“, sagt Mantek. „Am besten hat mir gefallen, dass er nicht vom Geld angefangen hat.“

          „Der stärkste Mann der Welt“

          So sei er bis heute. Einer, von dem man stets ungewöhnliche Dinge erwarten könne. Und dazu ein Superschwergewichtler, ein Vertreter der Gewichtsklasse, die Mantek am meisten liegt. Bereits mit Manfred Nerlinger und Ronny Weller hat der ehemalige DDR-Heber zwei Superschwergewichtler der Extraklasse zum Erfolg geführt. „Der Sieger im Superschwergewicht ist der stärkste Mann der Welt“, sagt Mantek.

          Der heißt nun also Steiner, hat am Dienstag vor der Heberbühne die Träger seines Trikots heruntergezogen und mit dem Zeigefinger überdeutlich auf den Bundesadler auf seiner Brust gedeutet. Es war eben der Abend der großen symbolischen Gesten.

          Gold: Matthias Steiner (Chemnitz) 461 kg (Reißen 203/Stoßen 258)

          Silber: Jewgeni Tschigischew (Russland) 460 kg (210/250)

          Bronze: Viktors Scerbatihs (Lettland) 448 kg (206/242)

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