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Emma Snowsill gewinnt Triathlon : Tragische Vergangenheit, goldene Gegenwart

Emma Snowsill: alle gönnen ihr den Sieg
          3 Min.

          Manchmal gibt es im modernen Leistungssport doch noch so etwas wie Gerechtigkeit. An diesem Montag gewann eine junge Frau olympisches Triathlongold, und vielleicht haben selbst die ärgsten Konkurrentinnen der Australierin Emma Snowsill diesen Triumph von Herzen gegönnt.

          Cai Tore Philippsen
          Verantwortlicher Redakteur für die Redaktion FAZ.NET

          Eigentlich wäre sie schon vor vier Jahren eine der Favoritinnen gewesen, doch Australien schickte die Weltmeisterin von 2003 ein Jahr später nicht nach Athen. Zwei Sekunden hatten ihr in der landesinternen Qualifikation zu Platz zwei gefehlt, zwölf Tage nach ihrem WM-Titel. Doch Emma Snowsill schimpfte nicht und protestierte weder in der Presse noch bei ihrem Verband. „Es gibt wichtigere Dinge, über die man sich aufregen kann“, sagte sie damals. 2002 war ihr Freund bei einem Autounfall getötet worden. Luke Harrop starb beim Radtraining, der Täter beging Fahrerflucht. „Jeder hat seine Geschichte, jeder geht damit anders um“, sagt sie nach ihrem Sieg ganz ruhig. „Man kann nur nach vorne schauen, man kann die Vergangenheit nicht mehr ändern.“

          Immer wieder von Krankheiten geschwächt

          Für Peking wurde die mittlerweile dreifache Weltmeisterin als erste Triathletin des australischen Kaders nominiert, doch nun wehrte sich der Körper der 1,61 Meter großen und 48 Kilogramm leichten Sportlerin. Immer wieder von Krankheiten geschwächt, verlor sie ihre Dominanz an Vanessa Fernandes aus Portugal. Erst als bei ihr Asthma als Ursache aller Beschwerden diagnostiziert wurde, ging es wieder bergauf. Nun hat die 27-Jährige aus Surfers Paradise in Queensland den Gipfel erreicht.

          Silbermedaillengewinnerin Vanessa Fernades (r.) gratuliert
          Silbermedaillengewinnerin Vanessa Fernades (r.) gratuliert : Bild: dpa

          Der Weg dorthin war in Peking hart. Der Mingtomb Stausee im Norden von Peking, in dem die 45 Teilnehmerinnen die 1500 Meter lange Schwimmstrecke absolvieren mussten, hat sich auf 28 Grad aufgeheizt. Das ist zwar angenehm für den Badegast, für die Triathletinnen war das Wasser viel zu warm. „Ich war schon nach 100 Metern kaputt“, sagte Ricarda Lisk, die als beste Deutsche auf Platz fünfzehn kam.

          Dittmer hatte schon nach dem Schwimmen den Anschluss verloren

          Nach dem Schwimmen hatte sich eine große Führungsgruppe gebildet, in der neben Snowsill, der späteren Silbermedaillengewinnerin Vanessa Fernandes und der Drittplazierten Emma Moffat (Australien) auch Ricarda Lisk und Christiane Pilz gehörten. Die dritte deutsche Starterin Anja Dittmer hatte bei ihren dritten Olympischen Spielen schon nach dem Schwimmen den Anschluss nach ganz vorne verloren.

          Dann kamen 40 Kilometer auf dem Rennrad rund um die Staumauer des Trinkwasserreservoirs. 26 Grad im Schatten zeigte das Thermometer an, doch Schatten gab es für die Frauen nicht. „Das Radfahren war echt hart“, sagte Ricarda List. Die führende Gruppe hielt das Tempo in jeder der sechs Runden extrem hoch, um die Verfolger nicht herankommen zu lassen. Zwei Steigungen mussten bei jeder Runde überwunden werden.

          Lisk „konnte einfach nicht mehr mithalten“

          Der Siegeslauf von Emma Snowsill begann unmittelbar nach dem Wechsel vom Rad auf die zehn Kilometer lange Laufstrecke. Oft werden Triathlonrennen über die olympische Distanz erst auf den letzten Kilometern oder sogar den letzten Metern entschieden, doch Emma Snowsill wollte nichts dem Zufall überlassen und griff sofort an. Die Führungsgruppe riss auseinander. Überrascht war Ricarda List von dieser Attacke nicht: „Olympische Spiele sind doch kein Kaffeetrinken, aber ich konnte einfach nicht mehr mithalten.“

          Sekunde um Sekunde nahm Emma Snowsill ihrer größten Widersacherin Vanessa Fernandes ab, bis es im Ziel schließlich 1:06 Minuten waren. Sie hatte nach 1:58:27 Stunden sogar noch Zeit, sich eine australische Fahne über die Schultern zu hängen und die letzten Meter zu genießen. Ricarda Lisk kam mit 3:40 Minuten Rückstand ins Ziel. „Ich habe alles gegeben, ich kann mir nichts vorwerfen“, sagte die Weltcupsiegerin von Hamburg, „aber es war brutal. Im Ziel dachte ich, ich falle um.“ Neben der Hitze machten der 27 Jahre alten Studentin Rückenschmerzen zu schaffen. Selbst das Anziehen der Laufschuhe beim Wechsel vom Rad wurde zu einer schwierigen Übung. In den letzten Wochen habe sie jeden Tag vier Stunden beim Physiotherapeuten verbracht, erzählte sie.

          „Wir sind enttäuscht über dieses Ergebnis“

          Christiane Pilz kam als 26. und Anja Dittmer als 33. ins Ziel. „Wir sind enttäuscht über dieses Ergebnis“, sagte der sportliche Leiter des deutschen Triathleten Rolf Ebeling. Zwei unter den ersten Zehn seien das „realistische“ Ziel gewesen. „Das war ein harter Schlag“, meinte Bundestrainer Wolfgang Thiel. Am Dienstag geht Weltmeister Daniel Unger bei den Männern als Favorit ins Rennen.

          Während die Deutschen nach Gründen suchten, ließ sich Emma Snowsill von den australischen Fans feiern. Sie hat für das triathlonverrückte Land die erste olympische Goldmedaille gewonnen. „Ein fantastisches Gefühl.“

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