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Im Gespräch: Sportphilosoph Gunter Gebauer : „Peking zeigt: Traut Euren Augen nicht“

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Gebauer über Usain Bolt: „Der Hinweis darauf, dass er in eine andere Sphäre entrückt ist” Bild:

Der 100-Meter-Lauf, sagt der Berliner Sportphilosoph Gebauer, war die größte Gemeinheit, die der Olympischen Idee angetan wurde. Das IOC lasse einen Marktplatz zu, auf dem die Show den Sport erdrücke. Das müsste nicht so sein, sagt Gebauer im FAZ.NET-Interview mit Christoph Becker.

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          Usain Bolts100-Meter-Lauf, sagt der Berliner Philosoph und Sportsoziologe Gunter Gebauer, war die größte Gemeinheit, die der Olympischen Idee angetan wurde. Das IOC lasse einen Marktplatz zu, auf dem die Show den Sport erdrücke. Das müsste nicht so sein, sagt Gebauer im FAZ.NET-Interview. Es gebe genügend positive Beispiele und kritische Geister abseits der Großverdiener unter den Sportlern - doch bei den derzeitigen Führungspersönlichkeiten im IOC und den Sportverbänden hat Gebauer kaum Hoffnung auf Änderung.

          Die Spiele in Peking sind eine Rekordshow ohne Gleichen – begonnen bei der Eröffnungsfeier über die Frage, ob Michael Phelps acht Siege schaffen würde bis hin zu den 100- und 200-Meter-Weltrekorden Usain Bolts. Welche Zeichen senden diese Spiele aus?

          Es zeigt, dass Olympische Spiele der zentrale Marktplatz geworden sind, auf dem der ökonomische Wert des Athleten festgelegt wird. Mit solchen Rekorden und Siegesserien wird in erster Linie ein ökonomischer Wert bestimmt - und der ist immens.

          Gebauer über Usain Bolt: „Der Hinweis darauf, dass er in eine andere Sphäre entrückt ist” Bilderstrecke

          Bei Michael Phelps wurde die Siegesserie als Ziel ausgegeben, sieben oder gar nur sechs Siege wären eine Enttäuschung gewesen.

          Das zeigt die Prädominanz des ökonomischen Denkens. Ein Ziel wird vorgegeben, man verpflichtet sich im Vorfeld, etwas Ungeheuerliches zu tun: alle Goldmedaillen abzuräumen. Was nicht zur Debatte steht, ist die Persönlichkeit des Athleten, sein Stil, sein Auftreten, seine Zuwendung zum Publikum – dabei macht das die großen Athleten aus.

          Ist das eine neue Entwicklung?

          Im Schwimmen hat sich das seit Sydney 2000, vielleicht seit Atlanta 1996 angebahnt und jetzt seinen absoluten Höhepunkt erreicht. Eine Rekordflut, von der gesagt wird, sie sei das Größte, das Höchste. Man rechnet zusammen in einer Art amerikanischer Tonnenideologie, bei der der Rest der Welt relativ lustlos zuschaut.

          Führt die Profitmaximierung des einzelnen Athleten – die Dollarmillion für Phelps für die Verbesserung des Rekords von Mark Spitz, Bolts Schuhdemonstration nach seinem Sieg – die Beteuerungen aus dem IOC ad absurdum, Olympia stehe für eine größere Idee?

          Es geht bei Olympia um nichts anderes mehr. Thomas Bach hat gesagt: „Wir nehmen Abschied von der Lebenslüge, dass Wirtschaft und Sport nichts miteinander zu tun haben.“ Das als Lebenslüge zu bezeichnen, finde ich ein ziemlich starkes Stück. Im Grunde genommen war es über achtzig Jahre ein Fundament, dass der Sport nicht in Wirtschaft aufgeht, dass der Sport Widerstand leistet gegen reines Profitdenken. Nicht gegen Professionalismus, den gab es in der Antike schon. Aber der Sport hat etwas Eigenes gegenüber dem Wirtschaftlichen zu bewahren. Das geht bei der Figur Phelps regelrecht baden. Bei Bolt ist aber noch eine andere Sache dabei: Ich war über die Art und Weise, wie Bolt seinen 100-Meter-Sieg herauslief, erschüttert.

          Inwiefern?

          Er hat sich daran gehindert, noch schneller zu laufen. Der Weltrekord würde vielleicht bei 9,5 Sekunden stehen. Wäre er diese Zeit gelaufen, hätte ihm das kein Mensch mehr abgenommen. Das wäre noch ungeheuerlicher gewesen, als der Weitsprung von Bob Beamon in Mexico 1968, der eine zerstörerische Wirkung auf den Weitsprung hatte und die Glaubwürdigkeit des Sports. Bolt hat sich absichtlich daran gehindert, das aus sich herauszuholen, was er in seinem Körper hatte. Es ist vollkommen klar, dass das nicht mehr menschliche Möglichkeiten sind. Jeder der auch nur Geringfügiges vom Sport versteht, sieht, dass dort Dinge geschehen, die einfach nicht möglich sind. Bolt sagt: Seht her, das steckt in mir, aber traut Euren eigenen Augen nicht. Und so etwas hatten wir im Sport noch nicht.

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