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Im Gespräch: Hindernis-Weltmeister Patriz Ilg : „Dass in Deutschland nicht mehr gerannt wird, ist ein Kulturverlust“

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Ex-Hindernis-Weltmeister Patriz Ilg: „Die Deutschen müssen sich erst einmal an Europa orientieren” Bild:

Vor 25 Jahren konnten die deutschen Leichtathleten noch laufen: Erst wurde Willi Wülbeck Weltmeister über 800 Meter, dann Patriz Ilg über 3000 Meter Hindernis. Im FAZ.NET-Gespräch äußert sich Ilg zur Läuferkrise in Deutschland.

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          Vor 25 Jahren konnten die deutschen Leichtathleten noch laufen. Drei Tage nach Willi Wülbeck über 800 Meter gewann Patriz Ilg am 12. August 1983 bei der ersten Weltmeisterschaft in Helsinki eine Goldmedaille über 3.000 Meter Hindernis. Bei diesen Spielen schickt der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) insgesamt nur noch zwei Läufer in Mittel- und Langstreckenrennen. Im Gespräch mit der F.A.Z. äußert der 50 Jahre alte Ilg seine Meinung zur aktuellen Läuferkrise in Deutschland.

          Haben Sie diese Woche viele Glückwünsche zum 25. Jahrestag ihres Hindernis-Weltmeistertitels erhalten?

          Überraschenderweise schon. Ich hatte das genaue Datum gar nicht im Kopf. Ich habe nur in diesem Jahr realisiert, dass das schon ein Vierteljahrhundert her ist, also eine halbe Ewigkeit. Gefühlt ist das Rennen aber erst fünf Jahre her, gedanklich ist es, als wäre es gestern gewesen.

          Deutschland, Läuferland in der 80er Jahren: mit Willi Wülbeck vorneweg
          Deutschland, Läuferland in der 80er Jahren: mit Willi Wülbeck vorneweg : Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

          Sie und Willi Wülbeck über 800 Meter haben innerhalb von drei Tagen zwei Goldmedaillen für die Läufer geholt. Das waren damals die einzigen Weltmeistertitel für die deutsche Leichtathletik. Heute gibt es fast nur noch Medaillenchancen in den Wurfdisziplinen. Warum können die Deutschen jetzt nicht mehr laufen?

          Warten wir doch erst mal die Leichtathletikwettbewerbe ab ...

          Da gibt es nicht viel abzuwarten. Es gehen ja gerade mal zwei deutsche Teilnehmer, Carsten Schlangen über 1500 Meter und Sabrina Mockenhaupt im 10.000-Meter-Lauf, auf den Mittel- und Langstrecken an den Start.

          Das stimmt natürlich und das ist sehr bedenklich. Wir haben kaum Läufer. Und das, wo das Laufen mal eine deutsche Domäne war. Harald Norpoth, Karl Flesch, Thomas Wessinghage, Klaus-Peter Hildenbrand, Frank Zimmermann, Michael Karst, Wülbeck, ich und ein paar andere in den Siebzigern und Achtzigern haben uns gegenseitig richtig hochgepusht. So hat mich beispielsweise auch Wülbeck zum WM-Titel getrieben, weil er unmittelbar vor meinem Zwischenlauf seine Goldmedaille über 800 Meter gewonnen hatte. Das hat mir den letzten Kick gegeben, auch um den Sieg zu rennen. Seit Dieter Baumann aufgehört hat, herrscht nun Stillstand - mit Ausnahme von Jan Fitschen bei der Europameisterschaft 2006. Aber es gibt auch ein bisschen Hoffnung.

          Ach ja?

          Ich finde die Entscheidung des DLV gut, die Mittel- und Langstreckler wieder zu Trainingslehrgängen zusammenzuziehen. Die LG Nord Berlin baut auch um Carsten Schlangen ein Läuferteam auf, das sich tagtäglich pusht. Das bringt im Training Anreize und Motivation, außerdem stärkt es den Teamgeist. Wir haben vor 25 Jahren auch zusammen trainiert. Heute geht fast jeder seinen Weg, der eine trainiert in Südafrika, der zweite in Arizona und der dritte in der Höhe oder im Bayrischen Wald. Da fehlt einem der Vergleich.

          Wieso kennen sie sich eigentlich noch so gut aus? Involviert der DLV seine Altstars in die aktuelle Arbeit?

          Nein, der DLV fragt zumindest bei mir nicht nach. Er hat offenbar genug Experten.

          Würden Sie gerne mehr gehört?

          Wenn die Verantwortlichen auf mich zukommen würden, könnte ich schon Tipps geben.

          Welche Tipps?

          Es ist einfach so, dass anderes Denken der Szene immer gut tut. Da wäre ich dabei. Ich denke schon, dass wir mit der Erfahrung aus unserer Zeit helfen könnten. Wir haben auf unsere Art bessere Zeiten erreicht als die heutigen Läufer.

          Die würden dann vielleicht darauf verweisen, dass damals Doping noch nicht so intensiv bekämpft wurde ...

          Ich kann nur für mich sprechen. Ich bin damals auch 5.000 Meter in 13:24 Minuten gelaufen ohne spezielle Vorbereitung auf diese Distanz, quasi als Abfallprodukt. Warum schafft das heute kein Spezialist für diese Strecke?

          Eine Hinderungsgrund ist die unglaubliche Dominanz der Afrikaner. Einige Verantwortliche in der Leichtathletik-Szene tendieren deshalb dazu, das Laufen komplett aufzugeben und den Fokus allein auf die technischen Disziplinen zu legen.

          Das wäre fatal. Dafür hat die Leichtathletik in Deutschland in ihrer ganzen Breite viel zu viel Tradition. Die Deutschen dürfen sich eben nur nicht an der Weltspitze messen, sondern müssen sich erst einmal an Europa orientieren. Dann ist ja was drin, wie wir 2006 bei Fitschens EM-Lauf erlebt haben.

          Was war eigentlich 1983 mit den Afrikanern los? In Ihrem Lauf landete der Kenianer Julius Korir nur auf Platz sieben.

          Die Afrikaner waren auch damals schon stark, allerdings nicht in der Breite. Sie hatten auch kein gut organisiertes Management und auch keine guten Trainer. Nur wenige Läufer wie Henry Rono, die monatelang in den Vereinigten Staaten trainieren konnten, hatten Top-Voraussetzungen.

          Sind die Afrikaner denn kulturell im Vorteil? Was halten Sie von der These, dass die Deutschen angesichts der Stufe unserer Zivilisation das Laufen verlernen?

          Da ist sicher was dran. Die Kinder und Jugendliche haben heute ein völlig anderes Freizeitverhalten als wir früher. Sie folgen heute ständig neuen Trends, während für uns der tägliche Sport noch das Highlight des Tages war. Darauf haben wir hingefiebert.

          Man könnte aber auch ganz böse sagen, dass Laufen nun mal im wahrsten Sinne des Wortes überholt ist. Hat Laufen denn einen Wert an sich?

          Ja, weil Laufen wie jede Ausdauersportart ganz wichtige Werte vermittelt wie Durchhalten, Biss, das Überwinden des inneren Schweinehunds aber auch den Wettkampfgedanken. Wir sind als Kinder ständig um die Wette gerannt, das gibt es heute gar nicht mehr. Dass in Deutschland nicht mehr gerannt wird, ist ein Kulturverlust. Dagegen müsste im Schulsport viel mehr gegengesteuert werden.

          Verfolgen Sie die Spiele eigentlich mit Wehmut? Sie waren selbst nie dabei.

          Das ist richtig. 1980 war ich Boykottopfer. 1984, als ich in einer Topverfassung war, habe ich mir eine Infektion zugezogen und musste verzichten. 1988 hätte ich als Deutscher Meister ohne Norm mitfahren können, wollte aber nicht als Olympia-Tourist ohne Aussichten nach Seoul. Aus heutiger Sicht war das eine Fehlentscheidung, weil ich mir das Drumherum schon hätte geben müssen. Aber trotzdem ist der Sport nur ein Lebensabschnitt. Wie hat schon Stepanovic gesagt: „Lebbe geht weiter.“

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