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Kritik am Gastgeberland : Geheimwaffe Händedruck

Fußball-WM 1978 in Argentinien: Das Turnier gewann schließlich der Gastgeber Bild: picture-alliance / dpa

Regimekritik, Diskussion um Menschenrechte und Doping: Vieles von dem, was dieser Tage aus Peking berichtet wird, erinnert an die Fußball-WM in Argentinien vor 30 Jahren. Die Frage, wie viel Politik der Sport machen müsse, ist alt. Weniger einfältig als heute zeigten sich auch damals die Funktionäre nicht.

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          Vieles von dem, was dieser Tage aus Peking berichtet wird, erinnert an die Fußball-Weltmeisterschaft in Argentinien vor 30 Jahren. Damit sich die Welt ein gutes Bild vom Gastgeberland mache, ließen sich damals die argentinischen Taxifahrer auf Geheiß der Regierung ihre Haare kurz schneiden und trugen bei der Ausübung ihres Berufs einen Schlips. Außerdem durfte schon ein halbes Jahr vor Beginn des Turniers der Abfall der Hauptstadt Buenos Aires nicht mehr in den üblicherweise dafür vorgesehenen Verbrennungsanlagen entsorgt werden. Stattdessen sollten sich die Wohnungseigentümer - mit Hilfe besonderer Kredite - teure Pressgeräte kaufen, die den Hausmüll komprimierten.

          Timo Frasch
          Politischer Korrespondent in München.

          Zu jener Zeit herrschte in Argentinien die Militärjunta unter General Jorge Rafael Videla. Er hatte sich im März 1976 an die Macht geputscht. Da war die Sportgroßveranstaltung schon an Argentinien vergeben worden. Videla folgte der Maßgabe, es müssten in Argentinien „so viele Menschen wie nötig sterben, damit das Land wieder sicher ist“. Tatsächlich wurden unter seiner Regierung, die bis 1981 im Amt war, Gegner des Regimes zu Tausenden entführt, gefoltert und ermordet. Davon hatte die Weltöffentlichkeit auch schon 1978 zumindest eine Ahnung. Vor allem in Frankreich, Schweden und in den Niederlanden wurde deshalb gegen die Austragung der WM in Argentinien protestiert. Keiner der qualifizierten nationalen Fußballverbände sprach sich aber für einen Boykott aus.

          Kritik am Verhalten des DFB

          Lange war unklar, ob Argentinien überhaupt in der Lage sein würde, das Turnier zu organisieren und die Spielstätten rechtzeitig fertigzustellen. Noch 1975 beriet der Weltfußballverband Fifa über ein mögliches Ersatzland. Im April 1976 trat dann das gesamte argentinische WM-Organisationskomitee zurück, wenige Monate später wurde der neue Chef des Komitees von Linksextremisten erschossen. Der damalige DFB-Präsident Hermann Neuberger wollte sich der wachsenden internationalen Kritik dennoch nicht anschließen. Mit der Übernahme der Macht durch die Militärs, sagte er, sei gar eine „Wende zum Besseren“ eingetreten.

          Peking : Proteste kurz vor Beginn der Olympischen Spiele

          Als sich im Juni 1977 Pfarrer Helmut Frenz, späterer Generalsekretär von Amnesty International Deutschland, im Zusammenhang mit einem Freundschaftsspiel Deutschlands und Argentiniens kritisch über das Militärregime und das Verhalten des DFB äußerte, schrieb Neuberger an den Intendanten des Süddeutschen Rundfunks: Der „politische Zungenschlag dieses Wortes zum Sonntag sei allzu deutlich“. Es sei „ja so leicht, über irgendeinen anderen Menschen, ein anderes Land, ein anderes Volk, eine nicht passende Regierung den Stab zu brechen“.

          Es gab aber auch andere Stimmen in Deutschland: Paul Breitner etwa, der freilich schon aus der Nationalmannschaft zurückgetreten war, warf Neuberger und Bundestrainer Helmut Schön vor, sie hätten versäumt, „politisch auf die Zustände in Argentinien einzuwirken“. Vom DFB hieß es daraufhin: „Es ist nicht die Aufgabe der Nationalmannschaft, für oder gegen ein politisches System zu agieren.“ Breitner schlug auch vor, beim Turnier den argentinischen Generälen den Handschlag zu verweigern.

          „Jetzt wird das Ganze zum Skandal hochgespielt“

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