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FAZ.NET-Glosse „Unzensiert“ : So groß und stark

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„Unzensiert” - Die FAZ.NET-Olympia-Glosse Bild: FAZ.NET - Bernd Helfert

Kaum etwas macht in Peking so viel Spaß wie vergleichende europäisch-chinesische Gespräche über landestypische Alltagsphänomene. Zum Beispiel Männer. Auch wenn Frau dabei schnell errötet.

          2 Min.

          Es gibt viele Möglichkeiten der interkulturellen Gesprächseröffnung. Am besten beginnt man mit einer Frage. So wie die 21 Jahre alte Studentin des Transportwesens, die in ihrer Freizeit Dienst in den Olympia-Bussen leistet. Eine neugierige junge Frau, die sicherlich auch bemüht ist, ihre Sprachkenntnisse zu erweitern, schließlich muss man sich in China höllisch anstrengen, um aus der Masse herauszuragen.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Sie nimmt all ihren Mut zusammen und erkundigt sich in tadellosem Englisch: „Isst man in Ihrem Land eigentlich auch so gerne Klößchen wie in China?“ Sie meint wohl diese bleichen gefüllten Teigtaschen, die hier in allerlei Flüssigkeiten herumschwimmen. Also kann die richtige Antwort gar nicht anders lauten als: Ach nein, vielleicht nicht ganz so gern. Weil man als Europäer nie weiß, was darin ist. So? Und was essen die Deutschen denn am liebsten? Ja, was? Wurst vielleicht. Was Wurst ist? So etwas Ähnliches wie chinesische Klößchen natürlich. Man weiß selbst als Europäer nie genau, was darin ist.

          Alle Passagiere genauestens gemustert

          Kaum etwas macht in China so viel Spaß wie vergleichende europäisch-chinesische Gespräche über landestypische Alltagsphänomene. Zum Beispiel Männer. Auch darüber hat sich die Studentin des Transportwesens natürlich schon viele Gedanken gemacht, sieht sie doch täglich Hunderte von Europäern in ihren Bus ein- und wieder aussteigen, und sie hat sie genau gemustert.

          Ein bisschen verlegen wird sie jetzt schon, aber nicht, weil sie nicht gerne über Männer spräche, das merkt man. Eher sucht sie nach höflichen Worten, um ihre Gesprächspartnerin angesichts der europäischen Männer-Auswahl nicht zu brüskieren. „Sie sind so groß und stark“, sagt sie schließlich, und es klingt nicht sehr sehnsüchtig.

          Nicht nett und nicht wahr

          Also wirklich. Das ist nicht nett. Und auch nicht wahr. Es gibt, versichert die China-Reisende der chinesischen Studentin des Transportwesens, in Europa auch kleinere und schlankere Männer als diese bulgarischen Journalisten, die eben in den Bus steigen. Die junge Frau will trotzdem an ihrem einstigen Klassenkameraden festhalten, der ebenfalls ein Student ist und angeblich angenehm breite Schultern und schmale Hüften hat. Sie deutet mit ihren zarten Händen, ein bisschen errötet zwar, aber entschlossen, die Schulter- und Hüftbreite ihres einstigen Klassenkameraden an, mit dem sie vielleicht sogar in Peking zusammenziehen wird, wozu sie, wie sie versichert, mit Leichtigkeit die Erlaubnis ihrer Eltern einholen könne.

          Da nützt es nicht zu beharren, dass sie zur Not auch in Europa einen jungen Mann von solcher Gestalt würde finden können. Im Gegenteil, es ist völlig sinnlos: Der Bus fährt zum Olympiafinale der Gewichtheber im Superschwergewicht.

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