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Die Sieger von der Insel : Sitzen gegen das Scheitern

Christine Ohuruogu triumphierte über die Stadionrunde Bild: AP

Die Briten staunen über die überraschenden Erfolge ihrer Athleten bei Olympia: „Man muss sich nur die richtigen Sportarten suchen.“ Solche, die hirnerweichend stumpfsinnig sind, oder in denen man viel Geld und jede Mange Know-How braucht.

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          Was ist nur aus Eddie the Eagle geworden? Und aus der urbritischen Lust am lächerlichen Scheitern? Vor zwanzig Jahren, 1988 in Calgary, waren die Abstürze des überforderten Skispringers ein Welterfolg. Und vor zwölf Jahren, 1996 in Atlanta, wurden auch die anderen britischen Olympiastarter daheim zum Gespött, alle außer dem unschlagbaren Steven Redgrave und seinen drei Mitruderern, die die einzige olympische Goldmedaille für das Königreich gewannen.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Nun, in Peking, sind es schon 16. Nur China und die Vereinigten Staaten haben mehr. Dabei wollten die sportlichen Planer 2008 nur Platz acht im Medaillenspiegel erreichen und 2012 in London Platz vier.

          Die Briten sind verwirrt: Ist man plötzlich eine Siegernation? Wie soll das erst in vier Jahren inklusive Heimvorteil werden? Acht Goldmedaillen, so viele wie Michael Phelps, haben allein die britischen Radfahrer gewonnen. Bei den Sprint-Erfolgen von Chris Hoy und Victoria Pendleton am Dienstag strahlte auch der Zuschauer Tony Blair in die olympischen Kameras, als wäre er wieder im Wahlkampf.

          Rebecca Adlington brach über 800 Meter Freistil den ältesten aller Schwimm-Weltrekorde

          Die Australier scherzen gerne - haben aber recht

          Aber auch im Segeln und Rudern sind sie stark. Wie komme das nur, fragt ein Leser den "Guardian", der für solch ratlose Landsleute einen olympischen Auskunftsdienst eingerichtet hat: "Warum sind wir so gut im Segeln, Rudern und Radfahren, aber so unfähig in der Leichtathletik?" Die Antwort der Zeitung: "Die Australier scherzen gern, dass wir Briten gut seien in Sitzsportarten. Unglücklicherweise haben sie recht. Hindernislauf, Kugelstoßen, Gewichtheben, hoffnungslos. Aber gib uns einen Sitz auf einem Rad, in einem Boot oder auf einem Pferd, und wir können alle schlagen."

          Natürlich ist die Wahrheit profaner. Seit den frühen neunziger Jahren überweist die "National Lottery" Jahr für Jahr viele Millionen aus den staatlichen Glücksspielerlösen in die Spitzensportförderung. Das ermöglicht olympischen Sportlern auf der Insel, wie Profis zu arbeiten, mit den besten Trainern und mit ausreichenden Mitteln für Hightech-Sportarten. So bekommen allein die Bahnradfahrer vier Millionen Pfund pro Jahr, und ein Wissenschaftler-Team versorgt sie mit dem besten Material. Für die Commonwealth Games 2002 in Manchester wurden neue Sport- und Trainingsstätten geschaffen, darunter eine Weltklasse-Bahnradstrecke.

          Hirnerweichend stumpfsinnig

          So sammelt man Medaillen, so haben es andere, auch Deutschland, vorgemacht. Der Ratgeber des "Guardian" erklärt es seinen Lesern so: "Versuche es nicht in Sportarten, in denen jeder gut sein kann - Leichtathletik, Boxen, Fußball. Suche dir technologisch komplizierte und teure Sportarten wie Segeln. Oder, noch besser, solche, die sowohl hirnerweichend stumpfsinnig sind, als auch teure Einrichtungen benötigen wie Bahnradfahren oder Rudern." Er fordert, man solle darauf dringen, Formel 1 für 2012 olympisch zu machen: "Dann gucken wir doch mal, ob Jamaika einen findet, um Lewis Hamilton und seinem McLaren Konkurrenz zu machen."

          Aber es gibt auch ein paar britische Champions ohne Hightech-Vorteil: etwa die zweifache Olympiasiegerin Rebecca Adlington, die den ältesten aller Schwimm-Weltrekorde brach, den letzten aus dem letzten Jahrtausend, den von Janet Evans über 800 Meter Freistil aus dem Jahr 1989. Oder die Londoner Läuferin Christine Ohuruogu. Sie gewann am Dienstag über 400 Meter. Und sogar eine Turn-Medaille wurde gefeiert, die erste für einen Briten seit achtzig Jahren.

          Es gab dem "Guardian"-Ratgeber sogar ein Stückchen Glauben in das heimische Schulsystem und seine pädagogischen Prinzipien zurück: Denn Louis Smith, der Bronze am Seitpferd gewann, wurde als Kind in seinem Turnklub für seine Hyperaktivität stets zu 200 Strafkringeln auf dem Gerät verdonnert. "Die Strafe", befand der Ratgeber, "hat sich ausgezahlt."

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