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Jörg Roßkopf im Interview : „Jacques Rogge war sehr naiv“

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In China kein Unbekannter: Jörg Roßkopf Bild: picture-alliance/ dpa

Mit Wehmut blickt Jörg Roßkopf in diesen Tagen nach Peking, wo er sich gerne als Fahnenträger gesehen hätte. Doch eine sechste Teilnahme bei Olympischen Spielen war ihm nicht vergönnt. Dem IOC hält er im Interview mit FAZ.NET Versäumnisse vor.

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          Mit Wehmut blickt Jörg Roßkopf in diesen Tagen nach Peking, wo er sich gerne als Fahnenträger gesehen hätte. Doch eine sechste Teilnahme bei den Olympischen Spielen war ihm nicht vergönnt. Dem IOC hält er im Interview mit FAZ.NET Versäumnisse vor.

          Kam die 0:3-Niederlage der deutschen Tischtennismannschaft im Finale gegen China überraschend für Sie?

          Es war klar, dass die Jungs die Partie verlieren können. Ich hatte nur gehofft, dass ein bisschen mehr Gegenwehr da gewesen, dass das Spiel spannender und enger geworden wäre. Die Deutschen haben ihr Maximum abgerufen. Aber die Chinesen waren einfach zu gut. Es ist aber noch Luft nach oben. Die können sich die Deutschen ja für die Spiele in vier Jahren in London aufheben.

          „Ich habe gedacht, die Fahne hätte auch ich tragen können. Als Highlight und Abschluss meiner Karriere wäre das das i-Tüpfelchen gewesen”

          Wird Timo Boll im Einzel spätestens im Viertelfinale ausscheiden, in dem er aller Voraussicht nach wieder auf den starken Chinesen Ma Lin träfe?

          Wenn es zu dieser Paarung kommt, ist Timo so gut, dass er dann gegen Ma Lin gewinnt. Timo kann sich in einem Wettkampf immer steigern. Und man kann ja aus den Fehlern lernen. Taktisch würde Timo ein paar Sachen verändern.

          Wie behagt Ihnen bei Olympia die Zuschauerrolle vor dem Fernseher?

          Als die deutsche Mannschaft in das Stadion einzog, war ich sehr traurig. Ich habe gedacht, die Fahne hätte auch ich tragen können. Als Highlight und Abschluss meiner Karriere wäre das das i-Tüpfelchen gewesen. Ich war nie bei der Eröffnungsfeier dabei, weil gleich danach die Wettkämpfe für uns begannen. Es wäre in Peking doppelt schön und etwas Besonderes gewesen, zumal ich in China sehr bekannt bin.

          Glauben Sie, dass Sie anstelle von Dirk Nowitzki die deutsche Fahne getragen hätten?

          Ja, sehr wahrscheinlich. 2004 wurde mir das zumindest so von den Funktionären gesagt. Es gibt ja nicht viele Sportler, die in Peking sechsmal dabei gewesen wären, zwei Medaillen gewonnen und sich einigermaßen benommen haben in den Jahren als Sportler. Vor Olympia hatte ich ein kurzes Gespräch mit Michael Vesper, dem Generalsekretär des Deutschen Olympischen Sportbundes. Er hat mir bestätigt, dass ich eine sehr gute Chance gehabt hätte.

          Sie gelten als meinungsstarker Zeitgenosse. Hätten Sie sich vor Ort zum Tibet-Konflikt geäußert?

          Als Sportler bei Olympia muss man immer vorsichtig sein, was man sagt. Ich hätte mich aber mit Sicherheit geäußert. Den Dalai Lama habe ich in Frankfurt kennengelernt. Mit der chinesischen Geschichte beschäftige ich mich schon seit langem. Ich bin verwundert, dass das alles jetzt erst so aktuell geworden ist. Ich habe sofort Kritik geübt, als das Internationale Olympische Komitee (IOC) 2001 die Olympischen Spiele nach Peking vergeben hat. Dass die Internetzensur kommen würde, war klar. Wenn wir in China sind, wissen wir, dass wir nicht alle Internetseiten aufmachen können. Vielleicht war IOC-Präsident Jacques Rogge in dieser Angelegenheit sehr naiv.

          Gab es Reaktionen aus China, in denen Verwunderung über Ihre Nichtteilnahme an den Spielen zum Ausdruck kam?

          Nach der Weltmeisterschaft im Februar habe ich mit dem Herrentrainer der Chinesen gesprochen, zu dem ich einen relativ guten Kontakt habe. Er war sehr überrascht, dass ich nicht dabei bin, weil ich einfach bei der Weltmeisterschaft sehr, sehr gut gespielt habe. Er zollte mir Respekt vor meiner guten Leistung mit damals 38 Jahren. Er ist aber auch froh, dass ich nicht dabei bin, weil es sonst für seine Leute schwieriger gewesen wäre.

          Hätte Sie der chinesische Nationaltrainer nominiert?

          Ich glaube, in China wäre ich schon seit zehn Jahren aus der Mannschaft draußen. Sie haben Spieler, die 24 oder 25 Jahre alt sind und immer bis ans Limit gehen. Wegen der enormen Belastungen auch im täglichen Training sind chinesische Sportler generell schnell ausgebrannt. Es gibt wenige Athleten in China, die über 30 und noch in der Nationalmannschaft sind. Der Drill ist einfach zu hart. Den würde es in Europa nie geben, weil keine Eltern die Mittel zulassen würden, mit denen in China gearbeitet wird.

          Wie ergeht es einem Tischtennisspieler in China?

          Die Sportler haben einen unglaublichen Druck. Der Alltag ist anders als bei uns. Wenn ein Kind mit vier bis fünf Jahren in ein Trainingszentrum kommt, übt es zweimal am Tag. Wenn es das Kind nach fünf, sechs Jahren nicht geschafft hat, wird es von einem auf den anderen Tag zurück zu seinen Eltern geschickt. Ich könnte meinen Sohn mit drei Jahren nicht in ein Trainingszentrum abgeben, wo sie mit ihm schon anfangen, stundenlang zu trainieren und wo er dann vielleicht fünf bis sechs Jahre gar nicht in die Schule geht.

          Hätten Sie sich in diesem System wohl gefühlt?

          Für mich wäre es kein Problem gewesen, weil ich sehr ehrgeizig gewesen bin. Ich hätte mich da durchgesetzt. Früher haben wir auch sechs Stunden am Tag trainiert. Ich habe aber erst später angefangen, so hart zu trainieren. Nur die Kreativität, die wir Europäer hatten oder haben, die fehlt den Asiaten ein bisschen. Es ist ein sehr einseitiges Training.

          Können Sie sich vorstellen, dass die Chinesen den Europäer Roßkopf in ihren Trainerstab aufnehmen?

          Nein. Die Chinesen sind ein sehr cleveres Volk. Einen Teil ihrer jetzigen Nationaltrainer haben sie als Spieler nach Europa geschickt und sie in der Bundesliga oder in der schwedischen Liga spielen lassen. Sie konnten ihre Erfahrungen danach gut in ihrem Training in China auswerten. Das war eine ideale Voraussetzung, um im Tischtennis Erfolg zu haben.

          Sind die Deutschen ähnlich clever?

          Wir waren damals sehr oft in China. Irgendwann haben die Chinesen natürlich gewusst, dass ich auch gut Tischtennis spielen kann. Da haben sie mich nicht mehr ins Land gelassen. In ihr Trainingszentrum in Peking kommen ganz, ganz wenige Sportler. Speziell vor den Olympischen Spielen haben sie jedem Fremden den Zutritt verwehrt. Und ihre chinesische Liga haben sie abgesagt. Die findet erst nach Olympia wieder statt. Vor zwei, drei Jahren haben sie noch Europäer in der Liga spielen lassen, damit sie ein bisschen mehr Wettkampferfahrung gegen Spieler aus Europa bekamen.

          Haben Sie im Moment Kontakt zu Timo Boll und seinen Kollegen?

          Täglich. Auch zu ausländischen Spielern. Ich habe einen guten Überblick über das, was passiert und wie die Spieler drauf sind. Die Tischtennisspiele versuche ich schon alle anzuschauen.

          Denken Sie dabei wie ein Trainer?

          Da denkt man als einer, der den Spielern Tipps geben will, damit sie besser spielen können. Der Druck für Timo Boll ist sehr groß. Er hat mich im Vorfeld mehrmals gefragt, wie er damit umzugehen hat.

          Wäre es nicht sinnvoll gewesen, wenn Sie der Deutsche Tischtennis-Bund (DTTB) in irgendeiner Funktion nach Peking mitgenommen hätte?

          Der Mannschaft hätte es mit Sicherheit geholfen. Das ist aber nicht immer so einfach, eine Akkreditierung zu bekommen. Und für mich persönlich wäre es auch schwierig gewesen, vor Ort zu sein. Man sieht dann nämlich, welche schlechten Spieler aus anderen Nationen dabei sind. Da sind Sportler, die in der Weltrangliste viel weiter hinten sind als ich.

          Schauen die deutschen Spitzentrainer im Tischtennis über den Tellerrand hinaus?

          Nein. Sie gucken sich nur in der eigenen Sportart um. Bei den Lehrgängen sind mal Schweden, Kroaten oder Japaner da. Unsere Trainer sollten offensiver werden und sich bei anderen Kollegen informieren. Man kann sich mit Sicherheit austauschen. Im Basketball macht Bundestrainer Dirk Bauermann auch außerhalb seiner Sportart ein ziemlich gutes Training.

          Wird es Zeit, dass Sie Tischtennis-Bundestrainer werden?

          Nein. Es kann aber nicht sein, dass Bundestrainer Richard Prause mehr oder weniger allein durch die Welt fährt und die Turniere mit den Sportlern aus Deutschland besucht. Es ist einfach zu wenig. Wir brauchen drei, vier Trainer. Ein Coach, der so ehrgeizig und gut ist wie Prause, da muss der Verband aufpassen, dass er nach einigen Jahren nicht mit seinen Kräften am Ende ist. Er braucht die Unterstützung von einem Team. Auch vom Deutschen Olympischen Sportbund muss mehr Geld zur Verfügung gestellt werden.

          Wie kommen Ihre Vorstellungen bei der Spitze des Tischtennis-Bundes an?

          Es ist immer schwierig, mit Funktionären zu verhandeln. Es geht natürlich auch um Geld. Aber ein Trainerteam wäre die Idealvorstellung. Beim Deutschen Fußball-Bund ist es möglich, weil die Finanzierung da ist. Man muss sich nur mal den Betreuerstab der Chinesen ansehen: ihm gehören ausschließlich Weltmeister, Olympiasieger und asiatische Meister an. Die haben 15 Trainer. Bei einer WM haben die mehr Trainer als Spieler dabei, unter anderem einen Mentalcoach. Man sollte mehr als einen Trainer haben. Das wäre mein Ziel.

          Demnach wollen Sie nach Ihrer aktiven Karriere Trainer werden?

          Ich würde gerne schauen, ob die Trainertätigkeit eine Aufgabe für mich ist. Aber auch, ob die Spieler mit mir als Trainer zufrieden wären. Der chinesische Nationaltrainer sagt immer, dass die Voraussetzungen relativ gut sind, ein guter Trainer zu sein, wenn man zuvor ein guter Spieler war. Ich bin in Verhandlungen mit verschiedenen Verbänden, auch mit dem DTTB. Ich sehe meine Aufgabe als eine Art Zusatz-Bundestrainer. Richard Prause macht auf jeden Fall weiter, er bliebe der Cheftrainer für den Herrenbereich - und ich finge ganz klein an.

          Welche Schwerpunkte würde ein Trainer Roßkopf denn setzen?

          Die Spieler müssten sich schon auf härtere Trainingseinheiten einstellen. Sie wären schon verwundert, dass es auch andere Trainingselemente geben würde. Aber im Endeffekt würde ich nicht so trainieren, wie ich vor 15 Jahren geackert habe. Die Spieler müssen heute generell etwas mehr, aber gezielter trainieren. Sechs Stunden stupides Training - wie früher oft bei uns - das reicht nicht.

          Wären Sie als Trainer ein Vorreiter beim DTTB?

          Ich würde gerne einiges verändern. Aber auch Richard Prause, der ein sehr guter Trainer ist, würde ganz gerne einiges verändern.

          Wer sind die anderen Verbände, mit denen Sie Gespräche führen?

          Die Engländer haben sich gemeldet. In vier Jahren finden die Olympischen Spiele in London statt. Es gibt aber auch Exoten, die ihre Sportart nach vorne bringen wollen. Steffen Fetzner ist Trainer in Qatar. Die haben da noch ein bisschen mehr Geld. Ich habe in meiner Karriere aber genug verdient. Ich brauche jetzt nicht dem größeren Scheck nachzurennen. Ich brauche auch eine Aufgabe, ein Ziel. Und mein Ziel liegt, glaube ich, eher in Deutschland. Die Gespräche mit dem DTTB sind schon relativ weit.

          Sie haben Ihren Vertrag als Spieler in Jülich um ein Jahr verlängert. Wird das Ihr letztes Profijahr?

          Ich weiß es noch nicht. Es kommt ja immer drauf an, wie gut oder schlecht man spielt. Auf keinen Fall will ich mir in der Bundesliga meinen Namen kaputtmachen lassen. Solange ich noch gut spielen und meinem Verein helfen kann, mache ich weiter.

          Macht das denn Ihre Gesundheit mit?

          Dadurch, dass ich inzwischen weniger trainiere, ist mein Körper sehr dankbar. Früher habe ich zwei- oder dreimal am Tag trainiert, heute normalerweise nur noch ein Mal. Die Belastung, die ich über Jahre hatte, merkt mein Körper immer noch. Ich kann kein Sprungkrafttraining mehr machen. Meine Knie sind relativ kaputt.

          Sie sind Fußballfan der Frankfurter Eintracht. Könnten Sie sich dort ein Engagement vorstellen?

          Sehr gerne. Es gab auch schon Treffen. Für mich war es ein sehr interessantes Gespräch mit Präsident Peter Fischer über die Chancen, die ein Posten eines Sportlichen Beraters bietet. Die Eintracht hat außer Fußball auch noch andere Sportarten, in denen sie auch erfolgreicher werden und ihre Strukturen verändern will. Man braucht Leute, die Visionen haben für so einen Verein. Für die Eintracht wäre mit Sicherheit jede Tür offen. Ich hänge sehr an dem Klub. Ich würde ja keinen Vertrag auf Lebenszeit unterschreiben bei irgendeinem Verband.

          Glauben Sie, dass Timo Boll in absehbarer Zeit erfolgreicher wird als Sie?

          Ja. Ich bin sicher, dass er mal Weltmeister wird. Wenn ich seine Voraussetzungen hätte, gepaart mit meinem Ehrgeiz, dann wäre es bei mir noch weiter nach vorne gegangen.

          Gibt es jemanden in Deutschland, der Boll auf absehbare Zeit sportlich gefährlich werden kann?

          Nein. Dazu sind die spielerischen Möglichkeiten von Dimitrij Owtscharow vergleichsweise zu limitiert. Wenn Timo möchte, beherrscht er die Szene in Europa noch sehr lange.

          Wie beurteilen Sie den Hype um Boll in China?

          Das wird hier natürlich auch ein bisschen zu groß gemacht. Das ist eine Sache, bei der ich an seiner Stelle ein bisschen auf die Bremse treten würde. Es ist nicht so, dass er dort von Tausenden von Leuten belagert wird. Der große Superstar ist Timo dort nicht. Der größte Star in China als Tischtennisspieler ist Jan-Ove Waldner, weil er die Chinesen als einer der Ersten das Fürchten gelehrt hat.

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