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Jörg Roßkopf im Interview : „Jacques Rogge war sehr naiv“

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Nach der Weltmeisterschaft im Februar habe ich mit dem Herrentrainer der Chinesen gesprochen, zu dem ich einen relativ guten Kontakt habe. Er war sehr überrascht, dass ich nicht dabei bin, weil ich einfach bei der Weltmeisterschaft sehr, sehr gut gespielt habe. Er zollte mir Respekt vor meiner guten Leistung mit damals 38 Jahren. Er ist aber auch froh, dass ich nicht dabei bin, weil es sonst für seine Leute schwieriger gewesen wäre.

Hätte Sie der chinesische Nationaltrainer nominiert?

Ich glaube, in China wäre ich schon seit zehn Jahren aus der Mannschaft draußen. Sie haben Spieler, die 24 oder 25 Jahre alt sind und immer bis ans Limit gehen. Wegen der enormen Belastungen auch im täglichen Training sind chinesische Sportler generell schnell ausgebrannt. Es gibt wenige Athleten in China, die über 30 und noch in der Nationalmannschaft sind. Der Drill ist einfach zu hart. Den würde es in Europa nie geben, weil keine Eltern die Mittel zulassen würden, mit denen in China gearbeitet wird.

Wie ergeht es einem Tischtennisspieler in China?

Die Sportler haben einen unglaublichen Druck. Der Alltag ist anders als bei uns. Wenn ein Kind mit vier bis fünf Jahren in ein Trainingszentrum kommt, übt es zweimal am Tag. Wenn es das Kind nach fünf, sechs Jahren nicht geschafft hat, wird es von einem auf den anderen Tag zurück zu seinen Eltern geschickt. Ich könnte meinen Sohn mit drei Jahren nicht in ein Trainingszentrum abgeben, wo sie mit ihm schon anfangen, stundenlang zu trainieren und wo er dann vielleicht fünf bis sechs Jahre gar nicht in die Schule geht.

Hätten Sie sich in diesem System wohl gefühlt?

Für mich wäre es kein Problem gewesen, weil ich sehr ehrgeizig gewesen bin. Ich hätte mich da durchgesetzt. Früher haben wir auch sechs Stunden am Tag trainiert. Ich habe aber erst später angefangen, so hart zu trainieren. Nur die Kreativität, die wir Europäer hatten oder haben, die fehlt den Asiaten ein bisschen. Es ist ein sehr einseitiges Training.

Können Sie sich vorstellen, dass die Chinesen den Europäer Roßkopf in ihren Trainerstab aufnehmen?

Nein. Die Chinesen sind ein sehr cleveres Volk. Einen Teil ihrer jetzigen Nationaltrainer haben sie als Spieler nach Europa geschickt und sie in der Bundesliga oder in der schwedischen Liga spielen lassen. Sie konnten ihre Erfahrungen danach gut in ihrem Training in China auswerten. Das war eine ideale Voraussetzung, um im Tischtennis Erfolg zu haben.

Sind die Deutschen ähnlich clever?

Wir waren damals sehr oft in China. Irgendwann haben die Chinesen natürlich gewusst, dass ich auch gut Tischtennis spielen kann. Da haben sie mich nicht mehr ins Land gelassen. In ihr Trainingszentrum in Peking kommen ganz, ganz wenige Sportler. Speziell vor den Olympischen Spielen haben sie jedem Fremden den Zutritt verwehrt. Und ihre chinesische Liga haben sie abgesagt. Die findet erst nach Olympia wieder statt. Vor zwei, drei Jahren haben sie noch Europäer in der Liga spielen lassen, damit sie ein bisschen mehr Wettkampferfahrung gegen Spieler aus Europa bekamen.

Haben Sie im Moment Kontakt zu Timo Boll und seinen Kollegen?

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