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Tischtennis : Traumfinale im Ping-Pong-Land

Rudelbildung: Das deutsche Team freut sich über die Finalqualifikation Bild: ddp

Nach dem nervenzerfetzenden 3:2 über Japan haben die deutschen Tischtennisspieler Silber sicher. Nun hoffen sie, dass im Endspiel die Chinesen am Druck scheitern.

          3 Min.

          Manche Goldmedaille für China war eine Überraschung, viele kamen, wie von der Sportführung eingeplant. Aber nur einen Olympiasieg hatten alle Chinesen bereits fest verbucht, bevor die Flamme überhaupt entzündet war. Das Mannschaftsgold der Tischtennisherren. Ein Chinese mag bezwingbar sein, drei Chinesen am Tischtennistisch sind eine unüberwindbare Streitmacht.

          Cai Tore Philippsen

          Leitender Redakteur vom Dienst bei FAZ.NET

          Timo Boll, Dimitrij Ovtcharov und Christian Süß kommt nun die ehrenvolle Aufgabe zu, im ersten Teamfinale der Olympiageschichte das chinesische Vertrauen in die Stars Wang Hao, Ma Lin und Wang Liqin (siehe auch: Olympia-Countdown (22): Wang Liqin siegt und leidet) zumindest ein wenig zu erschüttern. Silber haben die drei für Deutschland spielenden Düsseldorfer nach ihrem hart erkämpften Sieg gegen Japan schon sicher. Am Montag besteht zumindest die theoretische Chance, Gold zu gewinnen.

          Wie ein Mantra wiederholen alle Spieler die Druckthese

          Das Trio mit seinem Bundestrainer Richard Prause klammert sich dabei an die Hoffnung, die Nerven könnten der Nummer eins, zwei und vier der Weltrangliste einen Streich spielen. „Unser Ziel war, das Finale zu erreichen“, sagt Christian Süß. „Wir haben nichts zu verlieren. Der Druck ist weg, aber die Chinesen stehen unter einem immensen Druck.“

          Der Moment des Sieges gegen Japan: Timo Boll

          Wie ein Mantra wiederholen alle Spieler die Druckthese immer wieder, vielleicht glauben sie ja am Ende tatsächlich an ihre Chance. Die Begegnung der beiden top gesetzten Teams ist für die Chinesen einer der Olympia-Höhepunkte. „Auf dem Schwarzmarkt sollen Tickets für 10 000 Yuan angeboten werden“, berichtete DTTB-Sportdirektor Dirk Schimmelpfennig. Das sind rund 1000 Euro. Eine Niederlage wäre für die Chinesen eine nationale Sportkatastrophe. Sie haben alle vier Goldmedaillen in ihrem Volkssport fest eingeplant.

          China ist siegesgewiss

          Prauses Trainerkollege Liu Guoliang macht den Deutschen entsprechend keine Hoffnung. „Vielleicht ist das Finale für uns etwas schwerer als das Halbfinale gegen Südkorea, aber ich bin mir ganz sicher, dass wir Gold gewinnen“, stellte der Olympiasieger von 1996 klar. Das Halbfinale hatte sein Team ebenso mit 3:0 gewonnen wie die drei Gruppenspiele zuvor.

          Gegen Japan im Semifinale war Deutschland als Favorit in große Not geraten. Dreieinhalb Stunden, fünf von fünf möglichen Spielen mit insgesamt 23 von 25 möglichen Sätzen benötigten Ovtcharov, Boll und Süß, bis der große Traum erfüllt war. Nach dem Auftaktsieg von Ovtcharov gegen den in China geborenen Kan Yo (3:2) gewann auch Boll das Einzel gegen seinen bisherigen Teamkollegen bei Borussia Düsseldorf, Jun Mitzutani (3:1). So weit lief alles nach Plan, doch dann setzte Prause seinen Besten auf die Bank, um ihn in einem Einzel noch einsetzen zu können. Prompt verloren Ovtcharov und Süß das Doppel gegen Seiya Kishikawa und Mitzutani (1:3). Nachdem Christian Süß dann trotz dreier Matchbälle gegen Kan Yo (2:3) nicht gewann, hing das Wohl des deutschen Tischtennis wieder einmal an Timo Boll.

          Jubel auf dem Hallenboden

          „Ich wünsche keinem, unter einem solchen Druck arbeiten zu müssen“, sagte der Europameister. „Das war an der Grenze dessen, was noch gesund ist.“ Eigentlich sollte Kishikawa vom Bundesligaverein Werder Bremen, der in der Weltrangliste auf Platz 63 weit hinter Boll (6.) geführt wird, ein leichter Gegner sein. Doch der Gedanke an Silber schien die Beine und den Schlagarm des siebenundzwanzig Jahre alten Profis zu lähmen.

          Nach vier Sätzen gab es noch immer keine Entscheidung. „Vor dem fünften Satz habe ich zu mir gesagt, jetzt kannst du zeigen, ob du ein Gewinner oder ein Verlierer bist“, erzählte Boll. Fünf Minuten und elf Punkte später lang er mit dem Rücken auf dem Hallenboden und Ovtcharov, Süß und Prause jubelnd obendrauf.

          Bolls ersehnte Medaille

          Nach der Bronzemedaille für Jörg Roßkopf (1996) und Doppelsilber von Rosskopf und Steffen Fetzner (1992) kommt nun die dritte Olympiamedaille für den Deutschen Tischtennis-Bund (DTTB). Als Boll sich wieder befreit hatte, flossen die Tränen. „Das war das wichtigste Spiel meiner Karriere. Am Ende ist alles aus mir rausgekommen“, sagte er später.

          Von seinen dritten Olympischen Spielen kann Timo Boll endlich die ersehnte Medaille mitbringen. 2000 in Sydney hatte er im Einzel das Achtelfinale, 2004 in Athen das Viertelfinale erreicht. Und auch in Peking sind die Aussichten im Einzel schlecht. Schon im Viertelfinale würde der Linkshänder auf Ma Lin treffen. Umso wertvoller ist die Mannschaftsmedaille.

          Bislang nur Niederlagen in 17 Spielen

          „Wir dürfen uns nicht überraschen lassen. Und nicht überrascht sein, wenn Chancen kommen“, sagte Bundestrainer Prause. Nicht gleich das erste Spiel 0:3 zu verlieren, ist seine Vorgabe. In den bisher 17 Vergleichen bei Weltmeisterschaften gab es aber nur Niederlagen, wenn auch zuletzt bei der Mannschafts-Weltmeisterschaft in Bremen eine relativ knappe 1:3-Schlappe vor ausverkaufter und begeisterter Halle.

          Zudem liegt Bolls mittlerweile legendäre Siegesserie gegen alle Stars bei den China Open schon drei Jahre zurück. Vor seinen Verletzungen sei das gewesen, erinnert Boll entschuldigend. (siehe auch: Olympia-Countdown (2): Das große Fragezeichen Timo Boll)

          Christan Süß sagte nach dem Spiel gegen Japan, er werde Boll „ein Leben lang dankbar sein“. Er hätte es sich nie verziehen, wenn das Team seinetwegen das Finale verpasst hätte. „Ich hätte mich umgebracht oder wäre ausgewandert.“ Über diese Alternativen werden auch Chinas Nationalhelden nachdenken, sollten sie das Finale verlieren.

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