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Leser fragen, FAZ.NET antwortet (2) : Wann ist der Amateurparagraph abgeschafft worden?

Dabseisein ist alles, nachdem Ronaldinho bei Barcelona zuletzt nur noch Ersatz war

Dabseisein ist alles, nachdem Ronaldinho bei Barcelona zuletzt nur noch Ersatz war Bild: AP

Kobe Bryant, Ronaldinho, Dirk Nowitzki, Roger Federer? Das sind doch alles Profis! „Ich war bisher der Meinung, dass nur Amateure an den Olympischen Spielen teilnehmen dürfen.Wann ist diese Regel geändert worden?“, fragt FAZ.NET-Leser Dr. Franzjoseph Janssen. Daniel Meuren antwortet.

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          Der FAZ.NET-Leser Dr. Franzjoseph Janssen ist erstaunt über die Teilnahme der gutbezahlten Profisportler an den olympischen Wettbewerben: „Ich war bisher der Meinung, dass nur Amateure an den Olympischen Spielen teilnehmen dürfen. Nowitzki ist zweifellos ein Profi und die beiden brasilianischen Fußballspieler von Werder Bremen und Schalke 04 sind es ebenfalls. Wann ist diese Regel geändert worden?

          Daniel Meuren
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Fast keine Beschränkungen mehr für Profis

          Bei den olympischen Spielen gibt es mittlerweile nahezu keine Beschränkungen mehr für Profisportler. Deshalb dürfen selbst Sport-Millionäre wie die Basketball-Stars aus der nordamerikanischen Profiliga NBA und auch Fußball-Weltklassespieler wie Ronaldinho oder Juan Roman Riquelme und Tennis-Großverdiener wie Roger Federer in Peking olympische Atmosphäre schnuppern.
          Lediglich der Fußball-Weltverband Fifa engt den Teilnehmerkreis fürs Männerturnier mit einer Altersbeschränkung ein. Lediglich drei Spieler im Kader der Nationalteams dürfen älter als 23 Jahre alt sein.

          Überzeugter Olympier: Dirk Nowitzki
          Überzeugter Olympier: Dirk Nowitzki : Bild: dpa

          Bis 1980 galt der „Amateurismus“

          Bis zu den Winter- und Sommerspielen 1980 war das noch ganz anders. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hielt recht strikt am sogenannten Amateurparagraphen fest, der Profisportlern den Zugang zu den Spielen untersagte. Olympiateilnehmer durften demgemäß weder direkt über Preisgelder, noch indirekt über Werbung Geld durch ihren Sport verdienen.

          Diese „Amateurismus“-Regelung wurde vor allem im Verlauf der siebziger Jahre immer absurder, als sich westliche Sportler der Konkurrenz der sogenannten Staatsamateure aus dem Ostblock gegenübersahen, die unter Profi-Bedingungen ihren Sport betrieben. Die Bundesrepublik reagierte beispielsweise mit staatlichen und privaten Sportförderprogrammen (etwa über die nun schon rund vierzig Jahre alte die Stiftung Deutsche Sporthilfe), um ihren Olympiateilnehmern Chancengleichheit zu ermöglichen.

          Karl Schranz als prominentestes Opfer der Regel

          Der wohl bizarrste und prominenteste Streitfall rund um den Amateurparagraphen war der Skirennfahrer Karl Schranz. IOC-Präsident Avery Brundage schloss den Österreicher 1972 von den Winterspielen in Sapporo aus, weil ein Foto von Schranz auftauchte, auf dem er ein Jersey mit Werbeaufdruck trug. Schranz hat dieses Jersey indes wohl nicht einmal zum Zwecke kommerziellem Gewinns, sondern lediglich bei einem Benefiz-Fußballspiel im Jahr zuvor als Trikot getragen.

          Schranz wurde durch diese wohl ungerechtfertigte Sanktionierung zur Legende in Österreich, da er nach seiner Rückkehr nach Österreich von Bundeskanzler Bruno Kreisky und einer riesigen Menschenmenge auf dem Wiener Heldenplatz empfangen wurde.

          Amateurparagraph schützte einst die Adligen vor niederklassigen Konkurrenten

          In den Jahrzehnten vor diesem absurden Gerangel um Amateurismus im sich stetig mehr kommerzialisierenden Sport diente der Amateurgedanke ganz anderen Zielen: Tatsächlich war es lange Zeit eine der Grundideen der Olympischen Spiele und des Sports überhaupt, dass die Athleten kein Geld mit ihrem Treiben verdienen sollten. Sport sollte gemäß der offiziellen Erklärung eine reine Freizeitbeschäftigung bleiben.

          In Wahrheit pervertierte diese Bestimmung indes beispielsweise in Großbritannien den Sportgedanken: Er taugte vielmehr dazu, die Adligen in ihren sportlichen Wettstreiten vor Niederlagen gegen Konkurrenten aus sozial niedrigeren und somit nicht standesgemäßen Klassen zu bewahren. Diese konnten sich ihren Sport wie beispielsweise Tennis oder Golf nur dann leisten, wenn sie als Tennis- oder Golflehrer ihr Geld verdienten. Schon dies verstieß jedoch gegen den Amateurparagraphen.

          Amateurparagraph fiel 1981

          1981 wurde der Amateurparagraph schließlich aus den IOC-Statuten gestrichen, bei der Session in Baden-Baden - auch weil die Trennlinie zwischen Profi- und Amateursportlern in vielen Disziplinen nicht mehr wirklich aufrechtzuerhalten war. Fortan galten immer weniger Schranken für eine Teilnahem von Berufssportlern. Hauptmotor dieser Veränderung war der damalige IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch, der sich vor allem auch kommerzielle Vorteile für die Entwicklung der damals finanziell notleidenden Olympischen Spiele erhoffte.

          1988 startete etwa Tennisprofi Steffi Graf in Seoul, wo sie Gold holte. Endgültig freien Zugang zu den Spielen erhielten Profis dann in den 90ern. Die Teilnahme des sogenannten Dream Team der USA am olympischen Basketballturnier 1992 in Barcelona markierte das Ende der Restriktionen.

          Kommerzialisierung dank Profis

          Samaranch erhielt in seinem Bemühen Unterstützung durch die Lobby-Arbeit von Adidas-Chef Horst Dassler, der in jenen Jahren das Geschäft mit Sportrechten als Einnahmequelle für sich entdeckte. Tatsächlich explodierten nach der Aufnahme der Profisportler in die olympische Familie die Preise für die Übertragungsrechte der Spiele. Das IOC entwickelte sich vom armen Funktionärsclub zum entscheidenden Akteur im Weltsport.

          Mittlerweile sind die Olympischen Spiele auch für die Bestverdiener im Sport attraktiv, weil eine Goldmedaille selbst für einen Top-Star wie Roger Federer gut zu vermarkten wäre. Zudem erfreut sich die etwas weniger glamouröse Atmosphäre beispielsweise in der Großkantine gerade bei den sonst so vom Luxus verwöhnten Spitzenverdienern großer Beliebtheit. Ein bisschen fühlen sie sich wohl auch zurückversetzt in jene unschuldige Zeit, als sie ihren Sport aus reiner Liebe zum Sport als Amateur betrieben.

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