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Hugh McCutcheon : „Volleyball ist mein Beruf, meine Familie ist mein Leben“

Hugh McCutcheon: „Wenn Barbara nicht in so einem stabilen Zustand wäre, könnte ich nicht hier sein” Bild: AP

Die Schwiegereltern des amerikanischen Cheftrainers Hugh McCutcheon wurden in Peking von einem Chinesen angegriffen - sein Schwiegervater starb, die Schwiegermutter wurde schwer verletzt. Jetzt ist der Trainer zurück an der Seitenlinie.

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          Auf den ersten Blick sieht es aus, als hätten die amerikanischen Volleyballspieler eine wunderbare Zeit in Peking. Als einzige Mannschaft blieben sie in der Vorrunde des olympischen Turniers ungeschlagen. Sie bezwangen den WM-Dritten Bulgarien, Italien, Venezuela, Japan und China, und sie kamen dabei nicht ein einziges Mal ernsthaft in Gefahr, eines dieser Spiele zu verlieren.

          Bernd Steinle

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Schon vor Olympia, Ende Juli, hatten die Amerikaner Aufsehen erregt, als sie die Weltliga gewonnen und dabei Weltmeister und Olympiasieger Brasilien vor eigenem Publikum 3:0 entzaubert hatten. Seither gelten sie als ernsthafter Anwärter auf den Olympiasieg in Peking, und viele fühlen sich schon an die große Zeit des amerikanischen Männer-Volleyballs erinnert, an die Spiele 1984 und 1988, als die Vereinigten Staaten jeweils Gold holten, und an jene 1992 in Barcelona, als es immerhin noch die Bronzemedaille war.

          Der Schwiegervater starb, die Schwiegermutter rang mit dem Tod

          Tatsächlich aber hatte keine Mannschaft in Peking einen so furchtbaren Schlag zu verkraften wie die Amerikaner. Am Tag nach der Eröffnungsfeier wurden die Schwiegereltern ihres Cheftrainers Hugh McCutcheon während einer geführten Besuchertour in Peking von einem offenbar geistig verwirrten Chinesen mit einem Messer angegriffen. Todd Bachman starb an den Stichwunden, seine Frau Barbara, die ihm zu Hilfe eilte, wurde schwer verletzt.

          Für McCutcheons Team ist die Rückkehr des Trainers eine Erleichterung

          Ihre Tochter Elisabeth, Olympiateilnehmerin 2004 in Athen mit den amerikanischen Volleyball-Frauen und die Frau von Hugh McCutcheon, war Zeugin der Attacke. Als ihr Mann von der Tat hörte, fuhr er sofort zu ihr. Barbara Bachman wurde am Tag nach dem Angriff acht Stunden lang operiert, McCutcheon wachte danach an ihrem Bett. „Volleyball ist mein Beruf“, sagte der 38 Jahre alte Neuseeländer später, „meine Familie ist mein Leben. Das ist für mich keine schwere Unterscheidung.“

          „Ich hoffe, die Familie kann sehen, dass wir auch für sie spielen“

          In den ersten drei Partien der amerikanischen Auswahl in Peking übernahm Assistenztrainer Ron Larsen seinen Posten. McCutcheon blieb mit seiner Mannschaft in Telefonkonferenzen in Kontakt. Das Team selbst versuchte auf seine Weise, Anteilnahme zu demonstrieren. Auf den einen Schuh schrieben sie in großen Buchstaben TB, auf den anderen BB.

          „Wir wollten etwas für die Familie tun, aber wir hatten nicht genug Zeit, um etwas auf die Trikots zu schreiben“, sagte Mittelblocker Ryan Millar. „Ich hoffe, die Familie kann sehen, dass wir auch für sie spielen.“ Es war eine kleine Geste, mehr nicht. „Die Geschichte ist tragisch und schrecklich, und wir versuchen immer noch, damit zurechtzukommen“, sagte Außenangreifer Reid Priddy.

          Für die Mannschaft war die Rückkehr des Trainers eine Erleichterung

          Zum Vorrundenspiel gegen China am Samstag war Hugh McCutcheon wieder zurück an der Seitenlinie. Seine Schwiegermutter Barbara Bachman war in die Vereinigten Staaten geflogen worden, ihr Zustand wurde als gut beschrieben. Sie wurde in die Mayo-Klinik im Rochester im Bundesstaat Minnesota gebracht, wo sie wegen ihrer Stichverletzungen weiter behandelt wird.

          McCutcheons Frau flog ebenfalls zurück, um bei ihrer Familie zu sein. „Wenn Barbara nicht in einem so stabilen Zustand wäre, könnte ich nicht hier sein“, sagte McCutcheon. „Als ich eines der ersten Male bei ihr war, fragte sie mich, warum ich denn nicht das Team trainieren würde.“ Für seine Mannschaft war es eine große Erleichterung, ihren Trainer wieder an ihrer Seite zu wissen.

          „Wenn ich hier bin, bin ich hier“

          „Um ehrlich zu sein“, sagte Zuspieler Lloy Ball, der in Peking seine vierten Olympischen Spiele erlebt, „ich dachte, es würde ein bisschen komisch sein, aber das war es nicht. Es war ziemlich reibungslos.“ Gegen China wie auch in der letzten Partie der Vorrunde gegen Japan blieben die amerikanischen Volleyballer ohne Satzverlust.

          Nun, vor dem Viertelfinale, will sich das Team wieder voll auf den Sport konzentrieren. „Die letzte Woche hat emotional viel Kraft gekostet“, sagt McCutcheon. „Aber wenn ich hier bin, bin ich hier, und ich werde alles für das Team geben.“ Gegner an diesem Mittwoch ist der EM-Dritte Serbien, der sich in der Gruppe B gegen die deutschen Männer durchgesetzt hatte. Zuletzt waren die beiden in der Endrunde der Weltliga aufeinandergetroffen: Im ersten Spiel siegten die Serben 3:0, im Finale die Vereinigten Staaten 3:1.

          Gegen Serbien gibt es wohl ein enges Spiel

          „Wir haben in diesen Spielen viele Informationen über sie gewonnen“, sagte Kapitän Thomas Hoff, „sie spielen ähnlich wie wir, darum wird es wohl eine enge Partie werden.“ Dass sie die schwierige erste Woche so überzeugend überstanden haben, hat manchen im amerikanischen Team offenbar neue Zuversicht vermittelt - falls das überhaupt noch nötig war.

          „Wir sind für das Spiel gegen Serbien sehr zuversichtlich“, sagte Mittelblocker Ryan Millar. „Obwohl sie sich in letzter Zeit gesteigert haben, spielen wir besser Volleyball. Ich sehe keine große Schwierigkeit darin, sie zu schlagen.“ Die Amerikaner, so scheint es, sind rechtzeitig zum Kampf um die Medaillen wieder ganz die Alten.

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