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Badminton : Der große Kampf der kleinen Frau Xu

In China geboren, in China verloren: Huaiwen Xu Bild: dpa

Weil sie aus dem Nationalkader aussortiert wurde, kehrte die Badmintonspielerin Huaiwen Xu China den Rücken. Für Olympia kam sie im deutschen Trikot zurück und scheiterte nur knapp an der chinesischen Übermacht.

          Der große Traum der kleinen Huaiwen Xu endete mit einem kollektiven Jubelschrei aus 5.000 chinesischen Kehlen. Denn obwohl die Badmintonspielerin vor 33 Jahren in Guiyang in China geboren wurde, hatte sie am Mittwochabend im Viertelfinale des olympischen Turniers gegen Xingfang Xie kaum einen Zuschauer hinter sich. Sie führte in beiden Sätzen, kämpfte großartig, wehrte einen Matchball ab und verlor das Match dennoch nach hochspannenden 50 Minuten 0:2 (20:22, 19:21) gegen die derzeitige Weltranglistenerste aus dem Gastgeberland. Und kehrt ohne Medaille nach Deutschland zurück.

          Cai Tore Philippsen

          Leitender Redakteur vom Dienst bei FAZ.NET

          Dort lebt Huaiwen Xu seit nunmehr sieben Jahren, seit sie frustriert beschlossen hatte, ihrem Geburtsland den Rücken zu kehren, um weiter international Badminton spielen zu können. In China hatten die Trainer sie wegen ihrer Körpergröße aussortiert. 160 Zentimeter sind zu wenig für eine Weltklassespielerin, lautete das unbarmherzige Urteil. Huaiwen Xu durfte weiter mittrainieren, im Wettkampf eingesetzt wurde sie von einen auf den anderen Tag nicht mehr. Kein ungewöhnliches Schicksal im chinesischen Staatssport.

          Huaiwen Xu wuchs nicht mehr

          „Ich hätte so gerne gewonnen, weil sie mich ja damals nicht haben wollten“, sagt Huaiwen Xu nach dem Spiel. Ihr Groll gegen China beschränkt sich jedoch auf den Badmintonsport. Dass die Spiele in Peking ausgetragen werden, findet sie „sehr schön. Alle Chinesen, die im Ausland leben, sind stolz auf Olympia.“ Sie werde hier von allen sehr nett behandelt, sagt Huaiwen Xu und scheint darüber sehr erleichtert zu sein.

          Knapper Sieg gegen ihre ehemalige Landsfrau: Xingfang Xie

          Bevor sie durch das Raster fiel, war Huaiwen Xu alle Stufen des strengen Systems erfolgreich hinaufgeklettert. Mit zehn Jahren wurde das Talent des kleinen Mädchens erkannt, mit 13 kam sie auf eine Sportschule in der Millionenstadt Chengdu und spielte fortan tagaus, tagein nur noch Badminton, ehrgeizig und erfolgreich. Irgendwann war sie dann in der Provinzmannschaft von Sichuan und wurde schließlich in die Sportschule des Nationalkaders nach Peking berufen. Aus dieser Kaderschmiede kommen die meisten Olympiasieger dieses Sports, der von China dominiert wird. Doch in der Hauptstadt endete der bis dahin steile Weg nach oben. Huaiwen Xu wuchs nicht mehr.

          Ohne Druck und Schikane

          Für Huaiwen Xu blieb die Tür zur Nationalmannschaft und damit zu Olympischen Spielen verschlossen, wegen einer Kleinigkeit, wegen ein paar Zentimetern. Sie trainierte noch härter, bot sich immer wieder an, doch die Trainer blieben unnachgiebig. „Ich hatte keine Chance.“ Erst mit 24 Jahren war sie bereit, sich einzugestehen, dass das sie zu klein ist, um gegen das große China anzukämpfen.

          So lernte sie englisch, schrieb E-Mails an Klubs im fernen Europa. Nur der VfB Friedrichshafen meldete sich zurück. Huaiwen Xu reiste nach Deutschland, durfte den kleinen Federball wieder mit bis zu 330 Kilometern pro Stunde über das Netz dreschen, von nun an ohne Druck und Schikane. 2003 erhielt sie einen deutschen Pass, die endgültige Loslösung von China. Seit fünf Jahren spielt sie nun für den saarländischen Klub 1. BC Bischmisheim in der Bundesliga.

          In ihrer neuen Heimat ist sie eine Badminton-Riesin. Nun fehlt ihr die Konkurrenz, die in der Heimat zu groß war. Seit 2004 hat die Frau mit dem strahlenden Lächeln alle deutschen Meisterschaften gewonnen, wurde 2006 und 2008 Europameisterin, 2005 und 2006 Dritte bei den Weltmeisterschaften. Ihre ersten Olympischen Spielen in Athen (2004) endeten allerdings in der ersten Runde.

          „Mit Kopf und Körper vorbereitet“

          In das Land ihrer Eltern reiste die für ihre mentale Stärke bekannte Profispielerin als Achte der Weltrangliste, als einzige des fünfköpfigen deutschen Teams mit Medaillenchancen. Doch als sie die Auslosung sah, wusste Huaiwen Xu bereits, dass ihr Xingfang Xie im Viertelfinale begegnen würde. „Seitdem habe ich mich im Kopf und mit dem Körper auf dieses Spiel vorbereitet. Ich wusste, dass ich ganz genau spielen musste.“

          Die Hoffnung, dass die 27 Jahre alte Weltmeisterin Xingfang Xie dem Druck, in der Heimat gewinnen zu müssen, nicht standhalten würde, erwies sich als falsch. Nach der Schlussfeier fliegt die Deutsche nach Chengdu zu ihren Eltern. „Nach dem Erdbeben habe ich sie noch nicht gesehen“, sagt Huaiwen Xu. Ein Jahr will die Frau mit den unglaublich schnellen Beinen noch spielen, dann ist Schluss. „Ich habe so lange gespielt, und ich bin ja nicht mehr die Jüngste. Morgens nach einem harten Training aufzustehen, wird immer schwerer.“

          Es ist eine bittere Ironie ihrer Lebensgeschichte, dass sie an einer so großen Spielerin scheiterte. Xingfang Xie ist 1,78 Meter groß, 18 Zentimeter größer als die kleine Huaiwen Xu.

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