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Oliver Bierhoff : Golden Goal und Blackout

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Erst Stunden später wird sich Bierhoff der Wirkung seines Treffers bewußt

Erst Stunden später wird sich Bierhoff der Wirkung seines Treffers bewußt Bild:

Wie ein genervter Reservist den Fußball um ein glänzendes Kapitel bereichert.

          6 Min.

          Gerechnet hat Oliver Bierhoff an diesem sonnigen, schwülen 30. Juni 1996 im Londoner Wembleystadion mit gar nichts mehr, gehofft vielleicht auf ein paar Minuten Teilhabe zum guten Schluß eines aus seiner persönlichen Sicht verkorksten Turniers. Quasi "als kleines Dankeschön, denn ich war vor dem Spiel davon ausgegangen, daß wir das Finale klar gewinnen".

          Vor dem Wiedersehen mit den Tschechen, die den Deutschen in der ersten Vorrundenbegegnung beim 2:0-Erfolg nicht weiter im Wege standen, hat der damals 28 Jahre alte, 1,91 Meter lange, wuchtige Mittelstürmer mit dieser Europameisterschaftsendrunde im Mutterland des Fußballs fast schon abgeschlossen. Der hochaufgeschossene Mann mit dem sanften Antlitz und dem geraden Blick für das Wesentliche in seinem Sport, der König der Provinz in der Serie A, der für Udinese Tor auf Tor geschossen hat, glaubt sich von dem kleingewachsenen Bundestrainer Berti Vogts glatt übersehen.

          Andere Angreifer werden vorgezogen

          In den letzten sieben Minuten, als die Partie längst entschieden ist, darf er im Auftaktmatch gegen die Tschechen noch ein wenig mitkicken. Zuwenig, um Manchesters legendäres Stadion Old Trafford in freudiger Erinnerung zu behalten; auch sein zweiter, immerhin 83 Minuten währender Einsatz gegen die Russen an derselben Kultstätte ist für Bierhoff kein Tag ungetrübter Freude. Kollege Jürgen Klinsmann ist nach zwei Toren beim 3:0-Sieg der gefeierte Star des Tages, Bierhoff fällt dagegen kaum auf. "Der Stürmer mühte sich trotz spielerischer Schwächen beständig ab und deutete seine Kopfballgefährlichkeit an", heißt es tags darauf in dieser Zeitung.

          Da weiß Oliver Bierhoff noch nicht, daß seine Zeit der Andeutungen fürs erste vorbei ist und andere Angreifer ihm vorgezogen werden. Bis zum Endspiel, das die von Sperren und Verletzungen gebeutelten Deutschen dank ihres ungebrochenen Teamspirits, dank unbeugsamer Spielerpersönlichkeiten und Kämpfernaturen wie Matthias Sammer, Thomas Helmer und Dieter Eilts erreichen, steht Bierhoff auf keinem Besetzungszettel mehr. Sollte das schon alles gewesen sein für den nach einer Hinterbänklerkarriere in Deutschland, Österreich und Italien spät entdeckten Essener Sohn aus gutem Hause?

          „Der kann ja nur Kopfball spielen"

          "Ich weiß noch, wie eigenartig meine Grundstimmung vor meinem ersten Länderspiel im Februar 1996 in Porto gegen Portugal war. Ich war überhaupt nicht nervös und kam voller Selbstvertrauen bei der Nationalmannschaft an. Du hast es bis hierhin geschafft, sagte ich mir, in Italien, wo du außerhalb jeder Diskussion stehst, läuft es klasse, also spiel einfach drauflos. So kam ich denn auch Schritt für Schritt, Länderspiel für Länderspiel voran. Doch meine Lockerheit habe ich während der Europameisterschaft verloren, zumal ich mich durch manchen Kommentar aus Deutschland eingegrenzt fühlte. Da hieß es immer wieder, der kann ja nur Kopfball spielen."

          Selbst der Spezialist in dem Fernstudenten der Betriebswirtschaftslehre ist in den englischen Juniwochen nicht mehr gefragt. Vogts setzt auf andere Stürmer. Sogar, nachdem sich der im ersten Spiel gesperrte und beim 2:1-Sieg über Kroatien mit einem Muskelfaserriß ausgeschiedene Klinsmann zunächst aus dem Spielbetrieb verabschiedet hat. Bierhoffs Konkurrenten um den Platz neben Klinsmann heißen von vornherein Fredi Bobic und Stefan Kuntz. Vogts probiert beide aus und vertraut schließlich dem umtriebigen Lauterer Kuntz den Part neben dem leidlich genesenen Klinsmann im Endspiel an. Bierhoff, mit großen Erwartungen in dieses Turnier gestartet, schiebt längst den Frust des Spielers, der sich mal getäuscht, mal enttäuscht fühlt.

          "Es war da so eine Egalstimmung"

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