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Ägypter beim DFB-Pokalfinale : „Das ist Beihilfe zur Repression“

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Gebete für die Toten: Fußballfans in Kairo nach den Vorfällen vom 9. Februar 2015 Bild: Picture-Alliance

Durch die Brutalität von Sicherheitskräften sind Dutzende Fußballfans in Ägypten gestorben. Jetzt will das Bundesinnenministerium ägyptische Polizisten beim DFB-Pokalfinale schulen. Grünen-Politiker Nouripour spricht im Interview von „Hohn“.

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          Alle Ultra-Gruppen in Ägypten sind durch Gerichtsbeschluss zu Mitgliedern einer Terrororganisation erklärt worden. Ihre Auflösung wurde angeordnet.  Wie beurteilen Sie als außenpolitischer Sprecher der Grünen und Vorsitzender eines Fanklubs von Eintracht Frankfurt diese Entwicklung?

          Es gibt so viele fürchterliche Nachrichten aus Ägypten mit seinen geschätzt 40.000 politischen Gefangenen und Massentodesurteilen gleichsam im Minutentakt. Da verwundert diese Entscheidung eigentlich nicht mehr. Aber das hat dennoch eine Dimension, die wahnsinnig wütend macht. Die Repression hat den politischen Raum weit hinter sich gelassen und massiv auf den Sport übergegriffen.

          Nouripour: „Große Ängstlichkeit von Sisi“

          Haben Sie durch Ihre Fußball- und Fanverbindungen Kontakt zu Leuten aus Ägypten, die zu Terroristen erklärt worden sind?

          Ich habe indirekten Kontakt, den direkten Kontakt scheuen selbst die Fußballfans in Ägypten mittlerweile. Die Ultras haben große Angst, dass ihnen Gespräche mit mir oder anderen Ausländern als Spionage zur Last gelegt. Wenn man weiß, dass selbst gegen Mitarbeiter der Konrad-Adenauer-Stiftung in Ägypten Gerichtsverfahren laufen, dann sieht man, dass diese Sorgen nur zu berechtigt sind.

          Wie sollte Deutschland auf diese Entwicklung reagieren?

          Dass Staatspräsident Sisi nächste Woche auf Einladung der Bundeskanzlerin überhaupt nach Berlin kommt, ist sehr misslich. Frau Merkel hatte zunächst gesagt, er darf erst kommen, wenn das Parlament gewählt ist. Nun wurde die Parlamentswahl verschoben und Sisi darf trotzdem kommen. Aber wenn er kommt, dann muss man ihm klar die Meinung sagen. Da gibt es eine sehr lange Liste. Auf keinen Fall darf man dabei vergessen, dass mit einem Federstrich alle Ultra-Fanklubs des Landes zu Terroristen erklärt worden sind. Wir reden da über eine hohe vierstellige Zahl an Personen. Eine Stadt wie Port Said ist sehr bekannt für eine lebhafte Fußballkultur und eine starke Ultraszene. In Kairo ist das nicht anders. Es sind vor allem diese beiden Städte, die seit Jahrzehnten eine große Fußball-Rivalität pflegen, die von dieser Entscheidung immens betroffen sind.

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          Warum werden Ultras zu Terroristen erklärt?

          Ich kann mir diese Entscheidung nur mit einer großen Ängstlichkeit von Sisi und seiner Umgebung erklären, die jede  gut organisierte gesellschaftliche Bewegung unterdrücken wollen. Nun auch im Fußball. Natürlich gab es immer wieder Ausschreitungen, auch mit Ultras. Das hat mit einer verfehlten Entwicklung der Fankultur zu tun, aber nichts mit Terrorismus.

          Welche Parallele  sehen Sie zu der Entwicklung in der Türkei, wo 35 Mitglieder eines Ultra-Klubs wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung vor Gericht standen?

          Das ist eine sehr ähnliche Entwicklung, auch wenn es in der Türkei nur die Ultravereinigung Çarşi von Besiktas Istanbul betrifft. Die Çarşi-Ultras waren in den Hochzeiten der Gezi-Proteste die Initiatoren für gemeinsame, friedliche Märsche der eigentlich verfeindeten Fangruppen der drei großen Istanbuler Vereine. Das hatte es noch nie gegeben. Es war ein Signal, dass die ganze Stadt aufsteht, gegen den repressiven Größenwahn Erdogans. Und das ist die Parallele zu Ägypten. Auch da gibt es über den Fußball eine gesellschaftliche Bewegung, die Sisi ein Dorn im Auge ist.

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          Beim DFB-Pokalfinale werden an diesem Samstag ägyptische Sicherheitskräfte geschult. Bei den  Hospitanten handelt es sich um Vertreter des „National Security Sectors“, von denen das Innenministerium nicht ausschließen kann, dass sie auch bei den Fußballspielen in Ägypten eingesetzt wurden, bei denen es im Februar 2012 in Port Said und im Februar 2015 in Kairo zu Todesfällen kam.

          Das ist ein Hohn. Die Bundeskanzlerin hat in den Tagen von Tahrir gesagt, sie würde auf der Seite der Menschen von Ägypten stehen. Die Polizei ist in Ägypten aber nicht auf der Seite der Menschen. Im Fall der Fußballfans sieht man das einmal mehr ganz deutlich. Und jetzt auch noch ägyptische Sicherheitskräfte zum Pokalfinale nach Berlin einzuladen, um sie hier auszubilden, wie sie am besten mit aufmüpfigen, regierungskritischen Fußballfans umgehen sollen, ist Beihilfe zur Repression. Eine solche Schulung darf nicht stattfinden, sie muss abgesagt werden.  

          Das Gespräch führte Michael Horeni. 

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