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Nordische Ski-WM : Auch Heß sieht Schmitt am liebsten als "Giftpilz"

  • -Aktualisiert am

Ohne Balance: Martin Schmitt Bild: dpa

Der zweifache Titelverteidiger im Skispringen ist auf der Suche nach seinen verlorenen Stärken. „Ich krabbel irgendwo da unten rum und komm nicht richtig von der Stelle“, sagt er.

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          CAVALESE. Martin Schmitt ist einer der Lieblinge des Bundestrainers. Deshalb hat Reinhard Heß so mitgelitten in den vergangenen Wochen und Monaten. "Ich krabbel irgendwo da unten rum und komm nicht richtig von der Stelle", sagte Schmitt, bevor er mit der Mannschaft aufbrach nach St. Moritz, ins Trainingslager für die Weltmeisterschaften.

          Eine Arthroskopie hatte ihn im vergangenen September von seinen chronischen Kniebeschwerden befreit; aber irgendwo zwischen Operationsaal und Rehaklinik ist auch sein Sprunggefühl verlorengegangen. Schmitt sprach zuletzt von einer "gewissen inneren Unruhe". Zwischen der Vierschanzentournee und dem Weltcupspringen in Willingen, dem letzten Auftritt vor der WM, habe er eher "zwei, drei Schritte zurück gemacht".

          Mit körperlichen Defiziten mußte er nach dem chirurgischen Eingriff und der Trainingspause zwar rechnen. Aber zugleich war Schmitt davon ausgegangen, wieder den Anschluß zu finden. Doch dem Doppelweltmeister von 1999 und 2001 mangelt es nicht bloß an ein paar Zentimetern Sprungkraft. "Irgendwo fehlt das Vertrauen ein bißchen."

          Der "Unsicherheitsfaktor" ist er selber. Darauf, daß er zweifacher Titelverteidiger ist, mit der Mannschaft und im Einzelwettbewerb von der großen Schanze, wurde er gar nicht mehr gerne angesprochen. "Nach vorne wird die Luft doch ein bißchen dünn", sagte er zu den Aussichten seines Teams. Und für ihn persönlich? "Da wird's noch dünner."

          Zur WM-Pressekonferenz in Val di Fiemme erschien Heß am Donnerstag lediglich mit einem Athleten: Sven Hannawald, seinem derzeit einzigen Spitzenmann. Schmitt wollte der Trainer den immergleichen, vielleicht schon quälenden Fragen nicht mehr aussetzen. Dafür versuchte Heß, Optimismus zu demonstrieren. "Ich hatte in St. Moritz eigentlich das Gefühl, daß er neue Motivation findet."

          Seine Einschätzung machte der Trainer an kleinen Beobachtungen fest: "Martin wurde immer für seine Ausgeglichenheit gelobt, dafür, sich seine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. Ich habe ihn aber lieber, wenn er mit uns Trainern diskutiert, vielleicht auch in Opposition geht. Das sind die Charakterzüge, die ihn immer auszeichneten." Heß schilderte seine letzten Eindrücke so: "Er war im Trainingslager herzerfrischender, aggressiver. Da war mehr Leben drin. Ich habe Martin endlich wieder mit klarem Blick die Schanze hochgehen sehen."

          Zu seinen besten Zeiten war Schmitt "ein Giftpilz, bei dem auch auch mal die Ski durch die Gegend fliegen", so sein Heimtrainer Wolfgang Steiert. Hannawald habe das größere Talent, Schmitt müsse sich mehr erarbeiten. Diese unterschiedlichen Voraussetzungen hätten auch ihren Charakter geprägt. Die Verletzungsprobleme in den vergangenen beiden Jahre haben aus dem ehrgeizigen und mitunter aufbrausenden Arbeiter Schmitt jedoch einen zurückhaltenden und stillen Grübler gemacht.

          "Man kann diese Zeit einfach nicht wegschieben", sagt Steiert. Bundestrainer Heß wollte die Lebenszeichen von St. Moritz nicht überbewerten. "Es war Detailarbeit, Regeneration, athletische Aktivierung, ein paar Sprünge. Hannawald hat dabei weniger gemacht als die Athleten, die einen kleinen Schub brauchten. Aber daß wir alle Probleme bewältigt haben, das glaube nicht einmal ich."

          Wo also steht Schmitt vor dem großen WM-Wochenende? "Ich warne davor, ihn schon wieder in eine Position zu rücken, in der er die Welt einreißen könnte." Die Verluste in der Saisonvorbereitung, der Mangel an athletischen Grundlagen sei in kurzer Zeit nicht zu kompensieren. "Jetzt hat man seine Form oder man hat sie nicht. Da ist nichts mehr zu korrigieren. Martin hat technisch das Springen nicht verlernt, und er muß sehen, daß er sein Potential aus den Füßen kriegt."

          So sehr Schmitt den Trainern am Herzen liegt, sie denken vor allem auch an die Teamwertung. "Man braucht in der Mannschaft einen guten Springer Martin Schmitt", sagte Heß. "Die Leistung abrunden, das Zünglein an der Waage spielen, wenn es um die Medaillen geht, das kann aber nur Sven Hannawald. Wir haben derzeit keinen zweiten, der ihm Paroli bieten könnte." Der Bundestrainer weiß um die unterschiedliche Bedeutung von Schmitt und Hannawald fürs Mannschaftsgefüge. "Sven ist keiner, der die Kollegen motivieren kann. Das war bei früheren sogenannten Führungspersonen aber oft nicht anders. Seine Leistung ist der Maßstab, das erkennen die Kollegen ohne Neid an." Schmitt dagegen traut Heß zu, daß er die Kameraden auch verbal einschwören kann. Das macht ihn so wertvoll und wichtig.

          In seiner Not stellte Schmitt jedoch vieles in Frage. Er zweifelte nicht nur an sich selber, sondern auch an den Beurteilungen der Trainer. Schmitt traute ihnen nicht mehr so ganz, wenn sie Fortschritte attestierten, seine Technik lobten, ihm zu bestimmten Ski oder Anzügen rieten. "Ich habe den psychologischen Krieg, der im Weltcup um das Material geführt wurde, abgewürgt", stellte Heß klar. "Wir diskutieren seit vierzehn Tagen über diese Dinge nicht mehr. Man mußte ja auch mal wieder auf die eigenen Fehlerbilder schauen." Doch nun ist's auch damit vorbei. In den letzten Stunden vor dem Wettkampf läßt Heß seinen Springern völlige Ruhe. "Wenn sie uns brauchen, werden uns die Athleten rufen. Wir können sowieso nur noch versuchen, die gute Stimmung von St. Moritz zu erhalten."

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