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Nicolas Kiefer im Interview : „Steffi Graf und Andre Agassi helfen mir viel“

  • Aktualisiert am

„Es tut schon mal gut, sich abzuschotten” Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Der Tennisprofi Nicolas Kiefer in F.A.Z.-Gespräch über den Wert seiner olympischen Silbermedaille, die Hilfe des Ehepaares Graf/Agassi und seine Rückkehr in die Weltspitze.

          6 Min.

          Nach seiner Handgelenksverletzung, die ihn im Achtelfinale der US Open stoppte, spielt Nicolas Kiefer in Adelaide erstmals wieder ein ATP-Turnier. An diesem Montag trifft der an Nummer drei gesetzte Niedersachse auf den Niederländer Sjeng Schalken, den er Mitte Dezember im Finale des Schauturniers von St. Anton im vierten Duell zum viertenmal besiegte. Für den Australien-Fan Kiefer, der das Tennisjahr 2004 als bester Deutscher auf Platz 21 der Weltrangliste abschloß, der ideale Einstieg ins neue Tennisjahr.

          Haben Sie sich eigentlich die Sportjahresrückblicke im Fernsehen angeschaut?

          Auf jeden Fall. So was schaue ich immer gerne, wenn ich die Möglichkeit habe.

          Auch diesmal? Es hätte Sie ja auch abschrecken können, noch einmal dieses Drama von Athen mit den vier vergebenen Matchbällen zu sehen.

          Trotz allem war es ja auch ein Riesenerfolg und ein Riesenerlebnis sowieso. Was wir in diesen vier Stunden und der ganzen Nacht durchgemacht haben, so viele Höhen und Tiefen, so viele Emotionen - das hatte ich noch nie erlebt in meiner Karriere. Natürlich war es erst einmal sehr bitter, dieses Finale zu verlieren. Aber im nachhinein war es trotzdem ein Riesenerfolg.

          Immerhin saß Deutschland mal wieder vor dem Fernseher und drückte zwei Tennisspielern die Daumen. Hat Sie diese große Anteilnahme überrascht?

          Wie viele Leute sich mit dieser Silbermedaille identifiziert haben, hätte ich vorher nie für möglich gehalten. Das war irre, wie viele Menschen einen darauf angesprochen haben, wohl auch mitgelitten haben und mich danach aufgemuntert haben. Natürlich sage ich heute noch, es hätte eigentlich Gold sein können oder sogar müssen. Der Moment nach dem Matchball der Chilenen war schon hart.

          Zu den Medien hatten Sie lange ein sehr zurückhaltendes, kühles Verhältnis. Aber dann haben Sie nach dem Finale die emotionalste Pressekonferenz in Athen gegeben und Ihr Innerstes nach außen gekehrt. Haben Sie noch Erinnerungen daran, oder ist das alles wie in Trance geschehen?

          Es war total schwer, in Worte zu fassen, was da auf dem Platz geschehen war. Vor Athen haben mir viele Mut gemacht und gesagt, du kommst mit einer Medaille zurück. Aber ich konnte mit dem Wort Medaille noch nicht so viel anfangen. Plötzlich hatten wir die Chance auf Gold, und wir hatten sie ja fast schon in der Hand. Als wir sie verloren hatten, war ich total platt, leer. Da war es selbstverständlich, mich der Presse zu stellen, die hatten ja auch die ganze Nacht gewartet. Ich bin dann da hin, aber es war schwer, weil ich so am Ende war und wußte, was das für eine Riesenchance gewesen war. Mir war noch nicht bewußt, was wir mit Silber erreicht hatten, das habe ich erst später gemerkt. Ich bin direkt nach der Pressekonferenz wieder ins Olympische Dorf, da haben wir dann zusammengesessen. Dann ging es zum Flughafen, ab nach Hause, Sachen packen und schon wieder los nach New York. Das war alles nur Streß und Hektik. Was die Medaille für einen Wert hat, habe ich erst in New York gemerkt, als ich etwas zur Ruhe gekommen bin.

          Woher rührte Ihr mißtrauisches Verhältnis zu Journalisten? Man hatte früher immer das Gefühl, wenn man Ihnen guten Morgen sagte, würden Sie sofort auf die Uhr schauen, ob nicht schon Abend sei.

          Als ich angefangen habe auf der ATP-Tour, ging ja alles sehr schnell, und ich wußte manchmal gar nicht, was um mich herum passiert. Da gab es schon mal Äußerungen, die hätte ich besser gelassen, und so würde ich mich heute nicht mehr äußern. Da hat man dann schnell ein Image. Aber mittlerweile bin ich 27 Jahre alt, und das ganze Drumherum muß man auch lernen. Das ist ein Prozeß, in den man hineinwächst. Trotzdem bin ich eigentlich schon froh, daß ich soviel durchgemacht habe. Ich habe da sehr viel lernen können, das war eine gute Erfahrung. Jetzt bin ich viel reifer, auch wenn ich immer noch dazulernen kann. Ich bin offener und lockerer geworden, und das hat auch mit Gesprächen mit Steffi Graf und Andre Agassi zu tun. Das muß ich ja nicht verschweigen, die beiden helfen mir viel und nehmen mich schon mal an die Seite.

          Als Sie bis auf den vierten Platz der Weltrangliste hochschossen, hieß es überall, "ein neuer Boris Becker" oder "einer wie Agassi". Wie sehr hat es Sie gestört, nie als Nicolas Kiefer gesehen zu werden?

          Einerseits war es ein großes Kompliment, daß mir viele soviel zugetraut haben. Andererseits war es schwer, und das ist ja, glaube ich, auch verständlich, weil man ganz schön was aufgeladen bekommt. Vor allem in den letzten Jahren, als es nicht so lief bei mir, war der Rucksack sehr schwer. Mittlerweile aber fühle ich mich wieder viel befreiter.

          Sie waren relativ schnell in der Weltspitze, aber dann begann ab 2001 der Abstieg aus den vorderen Regionen. Bei den French Open 2003 haben Sie gegen einen australischen Qualifikanten eine Erstrundenpartie in fünf Sätzen gewonnen, die ein schreckliches Niveau hatte und vielleicht der Tiefpunkt war. Jetzt sind Sie wieder die Nummer 20 der Weltrangliste - wie sind Sie aus diesem Leistungsloch herausgekommen?

          Der Australier hieß Todd Larkham, und in der Zeit habe ich eigentlich gar kein richtiges Tennis mehr gespielt und nur durch Krampf gewonnen, wenn ich mal gewonnen habe. Kurz danach war ich in Halle noch im Finale, das mag vielleicht Zufall gewesen sein, weil ich davor und danach nichts getroffen habe. Aber das vergangene Jahr, das war kein Zufall, das war das Ergebnis der vielen Arbeit. Ich habe vier Finales gespielt, war im Halbfinale in Toronto, bei den US Open im Achtelfinale, und da war überall noch mehr drin. Die Jahre davor habe ich auch ein bißchen Pech gehabt. Ich war oft verletzt, und wenn ich alle Verletzungen zusammenzähle, kann ich vielleicht am Ende der Karriere etwas länger spielen, so oft habe ich pausieren müssen. Ich habe im vergangenen Jahr sechs Kilo abgenommen, körperlich fühle ich mich total fit, und das macht es natürlich auch einfacher.

          Trotzdem noch mal zurück nach Paris 2003. Wer dieses Spiel gesehen hat, konnte kaum glauben, daß Sie auch so schlecht Tennis spielen können.

          An das Spiel will ich gar nicht mehr denken. Lieber, wie ich im vergangenen Jahr dort gegen Federer gespielt habe. Da lagen Welten zwischen diesen beiden Jahren. Ich glaube, jetzt kommt so das Alter, in dem ich am besten spielen kann und auch spielen werde, und darauf freue ich mich. Mir geht es gut, und auch die letzte Verletzung bei den US Open habe ich gut überstanden, Das hat lange gedauert, aber dafür habe ich es auch mental total überwunden. Ich war jetzt erst 12 Tage mit anderen Profis in Thailand auf einer Einladungstour mit Paradorn Srichaphan, danach habe ich im Dezember noch ein Schauturnier in St. Anton gewonnen und bin dann vor Weihnachten in Monte Carlo im Trainingslager gewesen. Das ist alles optimal für mich verlaufen, ohne jegliche Probleme.

          In solchen Krisenzeiten, wie Sie eine hatten, wären Sie da lieber Mannschaftssportler?

          Ich trainiere ja manchmal bei den Fußballspielern von Hannover 96 mit, und dieses Mannschaftsgefühl ist schon was anderes. Nicht nur bei den ,Roten', das ist ja im Davis Cup auch so, beispielsweise im September in Bratislava. Ich war zwar verletzt und nur Zuschauer, aber wenn man als Mannschaft irgendwo zusammen ist, das macht alles viel lockerer und einfacher. Wir sind ja ansonsten immer Einzelkämpfer, aber als Team, das ist schon was anderes. Das war auch in Thailand so, unsere Crew, die da rumgereist ist, hat aus 40 Leuten bestanden, mit denen man tagtäglich zusammen war. Das macht schon Spaß. Ich glaube, deshalb spiele ich auch so gerne Fußball.

          Vereinsamt man als Tennisspieler?

          So schlimm ist es auch wieder nicht. Man ist ja den ganzen Tag auf der Anlage und trainiert. Man sieht so viele Menschen, da bin ich schon mal froh, die Tür zuzumachen und alleine zu sein - oder noch besser, mit meiner Freundin zusammenzusein. Es will ja dauernd irgend jemand was von dir, da tut es schon mal gut, sich abzuschotten.

          In den schlechteren Phasen hieß es immer, daß sich Ihre Eltern zu sehr einmischten und Ihnen Entscheidungen abnähmen. Haben Sie sich jetzt abgenabelt?

          Das war immer übertrieben, ohne meine Eltern hätte ich das ja nie geschafft, überhaupt Tennisprofi zu werden. Die haben mich jahrelang überall hingefahren, und das habe ich schon oft versucht zu erklären, auch wenn es nicht jeder verstanden hat. Ohne meine Eltern würde ich jetzt irgendwas studieren und nicht Tennis spielen. Meine Eltern sind meine größten Fans, und egal wie es läuft, sind sie immer für mich da. Das ist gut zu wissen. Sie sind jetzt so für mich da wie früher auch.

          Ist Selbstvertrauen neben der Fitness der entscheidende Unterschied, ob es auf dem Platz klappt oder nicht?

          Natürlich ist das eine riesige Kopfsache. Inzwischen hack' ich wieder auf die Bälle drauf und die Schläge kommen. Wenn man das merkt, macht man immer wie selbstverständlich weiter. Aber wenn die Bälle ständig ins Aus fliegen, dann beginnst du nachzudenken, vor jedem Schlag. Du wirst immer unsicherer und vorsichtiger und spielst immer schlechter. So ging es mir, aber das habe ich überwunden. Das war ein großer Schritt nach vorne für mich, ein Sieg über mich selbst. Vor drei, vier Jahren habe ich gesagt, meine besten Tennisjahre kommen noch, und da haben viele gelacht und wahrscheinlich gedacht, der erzählt irgendwas. Aber verglichen mit den anderen Jahren, bin ich jetzt am fittesten, und das merkt man ja auch spielerisch. Ich spiele wieder sehr aggressives Tennis, die Schläge sind da.

          Sie sind ja auch wieder der derzeit beste deutsche Tennisspieler - und trotzdem ohne Ausrüster. Ist Ihr Aufstieg so unbemerkt geblieben?

          Der Zeitpunkt ist ja gar nicht so schlecht, daß der Vertrag ausgelaufen ist. Vor einem Jahr wäre das schwieriger gewesen, aber jetzt nach Olympia und dem ganzen Jahr sieht das viel besser aus für mich. Ich schaue mir die Angebote in Ruhe an, ich habe da keine Eile.

          Aber vermutlich haben Sie es eilig, wieder auf den Tennnisplatz zu kommen. Sie haben seit September kein Spiel auf der ATP-Tour mehr bestreiten können. Wie ungeduldig sind Sie, daß es endlich losgeht?

          Ich brenne darauf. Ich habe eine harte Zeit hinter mir. Immer mit der Schiene am Arm herumlaufen, dann die Reha und das Aufbautraining, das ist schon monoton und kostet Kraft. Aber jetzt bin ich bereit und freue mich richtig auf die Sonne. Ich mag Australien, das ist ein tolles Land, entspannte Leute. Das wird schön, da bin ich sicher.

          Seit Weihnachten sind Sie überraschenderweise wieder solo. Hilft Tennis da als Ablenkung?

          Siebeneinhalb Jahre sind eine lange Zeit. Dann ist es plötzlich vorbei, und keiner kann erklären, warum. Inga und ich haben uns über die Weihnachtstage nach einer langen, tollen Beziehung getrennt, uns aber einen weiterhin freundschaftlich fairen Umgang versprochen. Ich habe ihr vieles zu verdanken.

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