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Nicolas Kiefer im Interview : „Steffi Graf und Andre Agassi helfen mir viel“

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In solchen Krisenzeiten, wie Sie eine hatten, wären Sie da lieber Mannschaftssportler?

Ich trainiere ja manchmal bei den Fußballspielern von Hannover 96 mit, und dieses Mannschaftsgefühl ist schon was anderes. Nicht nur bei den ,Roten', das ist ja im Davis Cup auch so, beispielsweise im September in Bratislava. Ich war zwar verletzt und nur Zuschauer, aber wenn man als Mannschaft irgendwo zusammen ist, das macht alles viel lockerer und einfacher. Wir sind ja ansonsten immer Einzelkämpfer, aber als Team, das ist schon was anderes. Das war auch in Thailand so, unsere Crew, die da rumgereist ist, hat aus 40 Leuten bestanden, mit denen man tagtäglich zusammen war. Das macht schon Spaß. Ich glaube, deshalb spiele ich auch so gerne Fußball.

Vereinsamt man als Tennisspieler?

So schlimm ist es auch wieder nicht. Man ist ja den ganzen Tag auf der Anlage und trainiert. Man sieht so viele Menschen, da bin ich schon mal froh, die Tür zuzumachen und alleine zu sein - oder noch besser, mit meiner Freundin zusammenzusein. Es will ja dauernd irgend jemand was von dir, da tut es schon mal gut, sich abzuschotten.

In den schlechteren Phasen hieß es immer, daß sich Ihre Eltern zu sehr einmischten und Ihnen Entscheidungen abnähmen. Haben Sie sich jetzt abgenabelt?

Das war immer übertrieben, ohne meine Eltern hätte ich das ja nie geschafft, überhaupt Tennisprofi zu werden. Die haben mich jahrelang überall hingefahren, und das habe ich schon oft versucht zu erklären, auch wenn es nicht jeder verstanden hat. Ohne meine Eltern würde ich jetzt irgendwas studieren und nicht Tennis spielen. Meine Eltern sind meine größten Fans, und egal wie es läuft, sind sie immer für mich da. Das ist gut zu wissen. Sie sind jetzt so für mich da wie früher auch.

Ist Selbstvertrauen neben der Fitness der entscheidende Unterschied, ob es auf dem Platz klappt oder nicht?

Natürlich ist das eine riesige Kopfsache. Inzwischen hack' ich wieder auf die Bälle drauf und die Schläge kommen. Wenn man das merkt, macht man immer wie selbstverständlich weiter. Aber wenn die Bälle ständig ins Aus fliegen, dann beginnst du nachzudenken, vor jedem Schlag. Du wirst immer unsicherer und vorsichtiger und spielst immer schlechter. So ging es mir, aber das habe ich überwunden. Das war ein großer Schritt nach vorne für mich, ein Sieg über mich selbst. Vor drei, vier Jahren habe ich gesagt, meine besten Tennisjahre kommen noch, und da haben viele gelacht und wahrscheinlich gedacht, der erzählt irgendwas. Aber verglichen mit den anderen Jahren, bin ich jetzt am fittesten, und das merkt man ja auch spielerisch. Ich spiele wieder sehr aggressives Tennis, die Schläge sind da.

Sie sind ja auch wieder der derzeit beste deutsche Tennisspieler - und trotzdem ohne Ausrüster. Ist Ihr Aufstieg so unbemerkt geblieben?

Der Zeitpunkt ist ja gar nicht so schlecht, daß der Vertrag ausgelaufen ist. Vor einem Jahr wäre das schwieriger gewesen, aber jetzt nach Olympia und dem ganzen Jahr sieht das viel besser aus für mich. Ich schaue mir die Angebote in Ruhe an, ich habe da keine Eile.

Aber vermutlich haben Sie es eilig, wieder auf den Tennnisplatz zu kommen. Sie haben seit September kein Spiel auf der ATP-Tour mehr bestreiten können. Wie ungeduldig sind Sie, daß es endlich losgeht?

Ich brenne darauf. Ich habe eine harte Zeit hinter mir. Immer mit der Schiene am Arm herumlaufen, dann die Reha und das Aufbautraining, das ist schon monoton und kostet Kraft. Aber jetzt bin ich bereit und freue mich richtig auf die Sonne. Ich mag Australien, das ist ein tolles Land, entspannte Leute. Das wird schön, da bin ich sicher.

Seit Weihnachten sind Sie überraschenderweise wieder solo. Hilft Tennis da als Ablenkung?

Siebeneinhalb Jahre sind eine lange Zeit. Dann ist es plötzlich vorbei, und keiner kann erklären, warum. Inga und ich haben uns über die Weihnachtstage nach einer langen, tollen Beziehung getrennt, uns aber einen weiterhin freundschaftlich fairen Umgang versprochen. Ich habe ihr vieles zu verdanken.

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