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Neujahrsspringen : Unentschieden zwischen Last und Lust

Springer kommt: Feinstes Sprungwetter in Garmisch Bild: dpa

„Unserer Mannschaft fehlt nicht viel“, sagt Bundestrainer Schuster. Aber auch in Garmisch-Partenkirchen gelingt seinen Skispringern nicht der große Befreiungsschlag.

          3 Min.

          Neujahr und Skispringen, das gehört zusammen wie Silvester und Feuerwerk. Es ist dieser eine Tag im Jahr, an dem die Sportwelt nach Garmisch-Partenkirchen guckt. Kann es etwas Schöneres geben für einen Sportler, als diese Aufmerksamkeit für sich zu nutzen? Oder ist der Druck zu groß, wenn es raus geht aus der Nische ins Licht der Öffentlichkeit?

          Die deutschen Skispringer hinterließen am Neujahrstag einmal mehr den Eindruck, dass sie sich nicht so recht zwischen Lust und Last entscheiden können. Beim zweiten Wettbewerb der Vierschanzentournee zeigten Richard Freitag, Severin Freund und Marinus Kraus jeweils einen tollen Sprung – und einen mittelmäßigen. Das reichte für das Gefühl, es eben doch ganz gut zu können, aber es reichte wieder einmal nicht für einen Platz auf dem Postest. Beim Sieg des Norwegers Anders Jacobsen, der mit Flügen auf 135,5 und 136,5 Meter mit 286 Wertungspunkten vor dem Schweizer Simon Ammann (279,4) und dem Slowenen Peter Prevc (276,9) gewann, belegte Freitag als bester Deutscher den neunten Rang (261,8 Punkte), knapp hinter ihm kam Severin Freund (260,2) auf Platz zehn. „Das ist schon okay“, sagte Freund, „auch wenn es nicht der ganz große Befreiungsschlag war.“

          Richard Freitag: Erst mal den Frust rausgelassen

          Marinus Kraus, der am Ende als drittbester Deutscher den 13. Platz belegte, hatte das Glück, das Neujahrsspringen eröffnen zu dürfen, und er war darüber begeistert: „Wetter passt, Stimmung passt, das neue Jahr beginnt richtig gut“, sagte der 23-Jährige aus Oberaudorf. Übermäßige Anspannung verspüre er nicht, versicherte er, auch wenn mehr als 20.000 erwartungsfrohe Zuschauer an der Olympiaschanze erst mal nur auf ihn schauten: „Ich mag das gerne, als Nummer 1 zu springen, dann weiß ich ganz genau, wann ich dran bin.“ Und der junge Mann nutzte seine Chance, flog auf 132 Meter, und führte das Klassement lange an, ehe ihn die Topleute verdrängten, er aber immerhin als Neunter in die Pause ging.

          Nicht ganz so toll war es den beiden Vorspringern des deutschen Skiverbandes ergangen: Freund und Freitag übten gemeinsam mit Michael Neumayer und Stephan Leyhe Zielspringen auf 127 Meter. Damit waren ihre Hoffnungen auf Topplatzierungen schon wieder dahin. „Unserer Mannschaft fehlt nicht viel, ich habe mehr Positives als Negatives gesehen“, analysierte Bundestrainer Werner Schuster in milder Weise, nachdem er seine Springer nach ähnlichen Resultaten in Oberstdorf noch harsch kritisiert hatte.

          Severin Freund: Wir werden es weiter versuchen

          Der gütige war offenbar der richtige Ansatz, denn im zweiten Durchgang zeigten beide, was sie drauf haben: Vom langgezogenen „Zieeh“ des fähnchenschwenkenden Publikums nach unten getragen, flog erst Richard Freitag auf 134,5 Meter, dann übertrumpfte ihn Severin Freund sogar noch um einen Meter, blieb aber in der Punktwertung knapp hinter seinem Teamkollegen. Er habe in der Pause „erst mal den Frust rausgelassen“, begründete Freitag seine Leistungssteigerung. „Die Spitze ist nicht so weit weg“, sagte Severin Freund, immerhin Skiflug-Weltmeister und Team-Olympiasieger fast schon entschuldigend: „Und wir werden nicht aufhören, es zu versuchen.“

          Doch Weltelite sieht anders aus, erkannte Schuster, der in der ARD zu dem Fazit kam, dass „eine gewisse Stressresistenz noch nicht gegeben zu sein scheint.“ Somit erfüllten die deutschen Skispringer einmal mehr die sich erfüllende Prophezeiung von Altmeister Sven Hannawald, der sich nach dem ersten Springen in Oberstdorf via Bild-Zeitung kritisch zu Wort gemeldet hatte: „Immer, wenn Tournee ist, kriegen sie nichts gebacken. Sie sind wieder am Kopf gescheitert“, kritisierte Hannawald seine Nachfolger.

          Der letzte Deutsche, der in Garmisch ein Neujahrsspringen gewann, war Hannawald selbst, als er 2001/2002 dort und auch auf den anderen drei Schanzen sein „Zeug“ besser machte als jeder andere jemals zuvor und danach – es war das Jahr, als ihm der Grand Slam gelang.

          Marinus Kraus: Dieses Jahr ist besser als das vergangene

          Diese Spitzenstellung muss Hannawald auch in dieser Saison nicht fürchten, denn im zweiten Springen gab es den zweiten Sieger. In der Tournee-Gesamtwertung führt weiterhin Oberstdorf-Gewinner Stefan Kraft (Österreich) mit 561,9 Punkten. Zweiter ist nun Prevc (560,8) vor Hayböck (554,8). Als bester Deutscher folgt Freund abgeschlagen auf Rang zwölf (515,2). Freitag als 13. (513,2) und Kraus auf Platz 15 (495) folgen auf den angemessene Plätzen.

          Kraus hatte im zweiten Sprung von Garmisch nachgelassen, und damit die Hierarchie im Team ungewollt wieder hergestellt. Dennoch blieb er bei seinem Fazit: „Ich fühle mich viel besser als im alten Jahr.“ Da hatte er beim abgebrochenen Auftaktspringen in Oberstdorf „Horror pur“ erlebt, und nur mit Mühe einen Sturz vermieden. Auch der Bundestrainer hatte sich fürs neue Jahr offenbar vorgenommen, die Welt positiv zu sehen: „Ein bisschen kleiner sind die Sorgen geworden.“

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