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Norwegens Nationalmannschaft : Corona-Chaos in der Nations League

Darf nicht mitspielen: Erling Haaland Bild: Picture-Alliance

Die norwegischen Behörden wollen mit ihren Fußball-Stars „nicht weniger streng" verfahren als mit anderen Bürgern, sagt Regierungschefin Solberg. Der Verband hat einen Not-Kader aufgeboten. Die Uefa blendet den Fall einfach aus

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          Wer am Montag auf die Website der Europäischen Fußball-Union (Uefa) schaute, dem präsentierte sich dort eine Welt, wie sie derzeit vielleicht nur in der wichtigsten Fußballorganisation Europas existiert: alles in schönster sportlicher und kommerzieller Ordnung. Die Uefa zeigt den Fußballfans auf ihrer Seite an prominentester Stelle die erste Folge einer Dokumentarserie über die Einführung des Videoschiedsrichters in der Champions League. Darunter finden sich Jubelbilder und -beiträge über die Siege von Italien, Belgien und Deutschland in der Nations League. Den wahren Aufreger des Wochenendes in diesem Wettbewerb blendete die Uefa aus. Das wegen der Infektion eines Spielers ausgefallene Länderspiel von Norwegen in Rumänen wird mit keinem Wort erwähnt. Auch nicht die Folgen, die es auslöst. Der ganze Fall hat bei der Uefa buchstäblich nicht stattgefunden.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Der norwegische Verband war am Sonntag bemüht, ein neues Team für das kommende Spiel in der Nations League an diesem Mittwoch in Österreich zusammenzustellen, nachdem die gesamte Stammmannschaft am Wochenende wegen des Corona-Falls des ehemaligen Braunschweiger Profis Omar Elabdellaoui in Quarantäne musste und nicht zum Spiel nach Rumänien reisen durfte. Am Sonntag erhielten die im Ausland beschäftigten Profis des norwegischen Kaders für das Rumänien-Spiel die Erlaubnis, ihr Heimatland zu verlassen. Eine Notauswahl von 18 Spielern aus zehn Ländern, zu denen auch Julian Ryerson von Union Berlin gehört, sollte sich daraufhin am Montag in Oslo am Flughafen treffen, in einem dortigen Hotel einquartiert und auf Corona getestet werden. Für diesen Dienstag ist die Weiterreise nach Österreich geplant. U-21-Trainer Smerud übernimmt die Leitung des Teams.

          Für Norwegens Auswahlmannschaft geht es um einiges. Die Mannschaft hatte bis zuletzt gute Chancen, in die Gruppe A der Nations League aufzusteigen und in einem günstigen Lostopf für die Qualifikationsspiele zur WM 2022 zu landen. Doch die Norweger fürchten nun, dass die Uefa das Spiel in Rumänien, zu dem das Team wegen der Entscheidungen ihrer Gesundheitsbehörde nicht antreten durfte, als Sieg für Rumänien wertet. Der Fall dürfte an die Kontroll-, Ethik- und Disziplinarkammer der Uefa gehen und dort entschieden werden.

          Zehn Tage Quarantäne für die Nationalelf

          Die zehntägige Quarantäne, die über das norwegische Team verhängt wurde, hat nach der Rückkehr der im Ausland beschäftigten Profis am Sonntag auch in der Bundesliga Unruhe ausgelöst. Nach Angaben der Deutschen Presse-Agentur berichtete der norwegische Rundfunksender NRK, dass die Kommune Oslo der Rückreise der Auslandsprofis nur unter der Voraussetzung zugestimmt habe, dass sie sich dort direkt nach Hause begeben und dort bis zum Ende der Quarantänezeit aufhalten. Der Osloer Amtsarzt Steen soll demnach der Zeitung „Dagbladet“ gesagt haben, eine Zuwiderhandlung werde von norwegischer Seite als Bruch der Quarantäne und als Nichteinhaltung der Voraussetzungen aufgefasst, die für die Ausreise gegeben worden seien.

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          Ein entsprechendes Dokument, das die Spieler angeblich unterschrieben, haben nach Informationen der F.A.Z. aber weder der Dortmunder Stürmer Erling Haaland noch der Leipziger Stürmer Alexander Sörloth unterzeichnet. Während das Gros der norwegischen Spieler in Linienflugzeugen das Land verlassen habe, sollen Haaland und Sörloth mit Privatmaschinen die Rückreise zu ihren Klubs angetreten haben. Auch Hertha-Torwart Rune Jarstein ist wieder in Berlin eingetroffen.

          Frage nach der Rechtsauffassung

          Die Leiterin der Spitzenfußballabteilung des norwegischen Fußballverbands sagte gegenüber der Nachrichtenagentur NTB, dass die Profis keinen Grund hätten, die Regeln zu brechen, und dies auch nicht tun sollten. „Aber die Zuständigkeiten der norwegischen Behörden und der Geltungsbereich des norwegischen Regelwerks hören auf, wenn die Spieler das Land verlassen“, sagte Lise Klaveness. Bei Borussia Dortmund geht man von der Rechtsauffassung aus, dass auch für ihre ausländischen Angestellten auf deutschem Boden das deutsche Recht gelte. Demnach entbinden zwei negative Tests von der Quarantänepflicht. Haaland war schon beim norwegischen Team zweimal negativ auf Corona getestet worden, am Montag sollte in Dortmund ein weiterer Test erfolgen. Einen Tag vor dem Bundesligaspiel bei Hertha BSC (20.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-Bundesliga und bei Sky) würde ein vierter Test vorgenommen. Hertha BSC geht in der juristischen Frage ebenfalls davon aus, dass „das für uns zuständige Gesundheitsamt federführend ist und Rune nach zwei negativen Testergebnissen gegen Ende der Woche ins Training einsteigen kann“, wie Medienchef Jung mitteilte.

          Setzt seine Politik auch gegenüber den Fußballern durch: Bent Hoeie
          Setzt seine Politik auch gegenüber den Fußballern durch: Bent Hoeie : Bild: AP

          Die harte Linie der norwegischen Gesundheitspolitik hat in diesen Tagen aber nicht nur Folgen für den europäischen Fußball. Nur zweieinhalb Wochen vor Beginn der Handball-EM (3. bis 20. Dezember) der Frauen hat sich das Land als einer der beiden Austragungsorte des Turniers zurückgezogen. Dieser Entschluss sei ebenfalls vor dem Hintergrund der Bewertungen der norwegischen Gesundheitsbehörden und der im Land geltenden Corona-Beschränkungen gefasst worden, teilte der norwegische Handballverband am Montag mit. Man arbeite daran, dass alle Begegnungen beim Mitveranstalter Dänemark stattfinden könnten.

          Der dänische Verband will weitere Informationen zum Ablauf der EM an diesem Dienstag präsentieren. Ursprünglich war geplant, die Hälfte der Vor- und Hauptrundenspiele sowie alle Finalspiele in Trondheim auszutragen. Auch die Vorrundenspiele der deutschen Handballspielerinnen gegen Norwegen, Rumänien und Polen sollten dort stattfinden.

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