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Belgien trifft auf Frankreich : Ziemlich beste Nachbarn

Jubel bei den Franzosen, Enttäuschung bei den Belgiern: Die Niederlage im WM-Halbfinale in Russland 2018 lässt die Nation nicht los. Bild: dpa

Beide eint der Gedanke an eine Revanche: Vor der abermaligen Begegnung in der Nations League spielt für Frankreich und Belgien das WM-Halbfinale von 2018 immer noch eine Rolle.

          3 Min.

          Beide sinnen auf Revanche. Für die Franzosen geht es um die Wiedergutmachung für das blamable Ausscheiden bei der EM. „Wir haben alle versagt, wir sind uns einig“, beteuert Kylian Mbappé vor dem Halbfinale in der Na­tions League in Turin gegen Belgien. „Wenn man gegen einen mutmaßlich schwächeren Gegner zehn Minuten vor Schluss mit 3:1 führt . . .“ Und nach der Verlängerung dann den letzten Elfmeter verschießt? „Ja“, antwortete Frankreichs Superstar nach einigem Zögern auf die Nachfrage des Interviewers, ob es sich bei seinem Versagen gegen den Schweizer Gladbach-Hüter Yann Sommer um den „schwarzen Punkt“ in seiner noch jungen Karriere handle. „Na ja, ich habe immerhin ein Endspiel der Champions League (gegen Bayern München) verloren. Jetzt war es nur ein Achtelfinale, aber es ist schon so, es bleibt ein schwarzer Punkt.“

          Nations League
          Jürg Altwegg
          Freier Autor im Feuilleton.

          Kylian Mbappé hatte der Zeitung L’Équipe ein über mehrere Seiten gehendes Gespräch gewährt. Sein Hintergrund ist ein diplomatischer: Mbappé versucht, die öffentliche Erregung über seine Rivalität zu Messi und Neymar, den er einen „Clochard“ nannte, über den Konflikt bei der EM mit Olivier Giroud, der mehr Bälle forderte, und seine Abwanderungsgelüste nach Madrid zu besänftigen. Bei seinem Arbeitgeber Paris St. Germain zeigt man sich über das Interview alles andere als erfreut. In der Nationalmannschaft aber hörte man die frohe Botschaft gerne: Die allerjüngste Vergangenheit, lautet sie, ist bewältigt und mit „Les Bleus“ alles im grünen Bereich. Und Mbappé feiert ein Jubiläum: Er wird zum 50. Mal für die Nationalmannschaft antreten.

          „Nicht von der Vergangenheit besessen“

          Im Gegensatz zur Jahrtausendwende, als die Franzosen nach dem WM-Titel auch noch die EM gewannen, sind ihre Auftritte seit 2018 wenig berauschend. In der laufenden Qualifikation für Qatar, wo es um die Titelverteidigung gehen wird, kann ihnen zwar nicht viel passieren. Aber ein Schaulaufen sieht anders aus. Das jüngste 2:0 gegen Finnland wird schon als Erfolg verbucht.

          Für die Belgier hat die Möglichkeit zur Revanche alle Anzeichen einer gezielten Rache: für die unverdiente Niederlage im WM-Halbfinale in Russland. Zwischen den Nachbarländern, den Spielern und den Trainern Martínez und Deschamps gab es danach heftige Auseinandersetzungen. Als Assistent von Martínez wirkte damals Thierry Henry, der mit Deschamps 1998 französischer Weltmeister geworden war. Das lange Nachspiel war spektakulärer als die 90 Minuten im Stadion. Und noch immer hadern die Roten Teufel mit dem Schicksal. Am zweiten Jahrestag der Niederlage etwa sagte Martínez, dass er die Begegnung mittlerweile mehr als zehn Mal analysiert habe: „Noch in Russland habe ich sie mir erneut angeschaut.“

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          Obwohl Eden Hazard bei Real Madrid zwei schwierige Jahre hinter sich hat und von Carlo Ancelotti seit Saisonbeginn nur fünf Mal in die Startformation nominiert wurde, setzt Martínez weiter auf ihn. „Wann immer er in der Nationalmannschaft spielt, tut er es mit klarem Kopf“, sagt Hazards Teamgefährte Axel Witsel. „Angesichts des Halbfinals in Russland wird es ein ganz spezielles Spiel“, prophezeit der Dortmunder Borusse: „Aber wir sind nicht von der Vergangenheit besessen. Wir haben bei der Vorbereitung nicht mehr von der Niederlage gesprochen. Wir wollen einen kühlen Kopf bewahren.“

          Das wird nach einem allfälligen Sieg schwierig sein. Für die Belgier ist der Augenblick zur Revanche günstig. „Ja, wenn die Franzosen wie im September spielen. Nein, wenn man bedenkt, dass es sich um Frankreich handelt“, relativiert Witsel: „Man weiß nie, wozu sie in einem Spiel fähig sind.“ An Selbstvertrauen mangelt es den Roten Teufeln nicht: „Wir haben noch mehr Erfahrung als 2018 und spielen auf dem gleichen Niveau.“

          Französische Überheblichkeit, belgische Selbstironie

          Die Franzosen werden ihre Gegner jedenfalls nicht unterschätzen. Aber auch Deschamps ist um Besänftigung bemüht: „Technik, Taktik und die körperliche Verfassung werden entscheiden. Roberto Martínez und ich haben sehr viel Respekt voreinander. Das gilt auch für die Spieler, die sich aus den Klubs kennen. Es kam 2018 in der Hitze des Gefechts auf beiden Seiten zu verbalen Exzessen, man hat ihnen eine viel zu große Bedeutung beigemessen.“

          Deschamps hat jüngere Spieler normiert. Erstmals seit Langem wurden zwei Brüder für die Nationalmannschaft aufgeboten, Lucas und Theo Hernández, die bei Bayern München und AC Mailand unter Vertrag stehen. Welcher der beiden Linksfüßer zum Zuge kommt, ist ungewiss – aber ein gleichzeitiger Einsatz eher unwahrscheinlich. Obwohl ihn Deschamps keineswegs ausschließen mag.

          Die Beziehungen zwischen den ziemlich besten Nachbarn sind ein Musterbeispiel freundnachbarlicher Verhältnisse. Die Franzosen machen ihre Witze über die Belgier wie die Deutschen über die Ostfriesen. Auf ihre bekannte Überheblichkeit reagiert man in Belgien mit feiner Selbstironie. Doch 2018 verging den Belgiern das Lachen und den Franzosen die Arroganz. Wohl aus Angst, dass es Deschamps und seine Truppe mit der forcierten Entspannung übertreiben könnten, begab sich der französische Verbandspräsident Noël le Graët ins Vorbereitungslager nach Clairefontaine. Um die Spieler zu motivieren und mobilisieren, redete er ihnen ins Gewissen: „Wir sind der amtierende, Belgien aber der offiziöse Weltmeister. Es steht auf Platz eins der FIFA-Rangliste.“

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