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Nationaltrainer Vogts : „Berti spricht deutsch“

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Gefällt sich als McBerti: Nationaltrainer Vogts Bild: ap

Noch immer ist jede Rückkehr in seine deutsche Vergangenheit für den Fußball-Trainer Berti Vogts von Argwohn und Misstrauen geprägt. FAZ.NET-Porträt.

          3 Min.

          Die Begeisterung der Fachleute war groß - die vorweihnachtliche Harmonie unübersehbar. Uli Stielike hatte „93 Minuten Spektakel und eine vorweihnachtliche Gabe“ registriert. Rudi Völler lobte „den positiven Trend der Talente.“

          Nur Berti Vogts nutzte seine Hymne auf den neuen Jugendtrend sogleich zur verbissenen Vergangenheitsbewältigung: „Es war ein großartiges Spiel. Und ein Zeichen dafür, dass ich in 22 Jahren beim DFB und jetzt in Schottland so viel nicht falsch gemacht haben kann.“

          Hoffnung für die Zukunft

          Im empfindlich kühlen Mainzer Stadion am Bruchweg erwärmte sich eine Trainer-Gilde geschlossen an einem 3:3 zwischen den Perspektiv-Teams aus Deutschland und Schottland. In der Tat war der zweite Auftritt des DFB-Teams 2006, zur langfristigen Talent-Förderung aus der Taufe gehoben, ein wirklich sehenswerter.

          Dass sich die von ihm betreuten schottischen Perspektiv-Profis prächtig präsentierten, „erstmals seit vielen, vielen Jahren wieder eine schottische Mannschaft drei Tore in Deutschland geschossen hat“ (Vogts), davon möchte der vom Niederrhein stammende Mann Schlüsse für die nahe Zukunft ableiten. „Ich bin sehr, sehr zufrieden, welche Visitenkarte die Mannschaft für den schottischen Fußball abgegeben hat. Ich habe einiges gesehen, was mir Mut macht.“

          Unversöhnliche Sätze

          Aber bitte keine Hoffnung für das EM-Qualifikationsspiel am 7. Juni in Glasgow gegen Deutschland. „Da spielen wir gegen die zweitbeste Mannschaft der Welt und haben keine Chance. Wir müssen uns gegen Litauen und Färöer behaupten“, behauptet „McBerti“.

          Den lobenden Worten lässt er viele unversöhnliche Sätze folgen. Der am 30. Dezember 1946 in Büttgen geborene Vogts betrachtet jede Reise in die deutsche Vergangenheit mit Argwohn. „Ich habe so viele gute deutsche Talente gesehen, so schlecht kann ich gar nicht gearbeitet haben.“

          Direkt zurück nach Glasgow

          Man hätte sich in Mainz gewünscht, Vogts hätte etwas von dieser jugendlichen Unverbrauchtheit, mit der die deutschen Ernst und Kuranyi, die schottischen Crainey, Caldwell und Co. zu Werke gegangen waren. Doch der ehemalige Bundestrainer, der derzeit seine Anweisungen über Assistent Tommy Burns an die schottischen Akteure weitergibt, konnte sich verbissene Seitenhiebe nicht verkneifen.

          Ob er denn noch ein paar Tage in Deutschland bleibe, hier Weihnachten feiere und Verwandte besuche? Berti blickt in dem provisorischen Presseraum des FSV Mainz irritiert an die Blechdecke. Solche Fragen mag er nicht. Auch mochte er nicht zum obligatorisches Fernsehinterview beim DSF gehen - noch immer schmerzt eine über ein halbes Jahrzehnt zurück liegende Beleidigung.

          Schottische Freundlichkeit

          „Ich fahre sofort zurück nach Schottland: Das ist ein wunderschönes Land, in dem alle freundlich zu mir sind. Und in dem ich und meine Familie sich sehr wohl fühlen. Unwahrheiten, die über mich verbreitet werden, kommen nur aus Deutschland.“

          Der 55-Jährige, ewig als der „kleine Mann aus Korschenbroich“ tituliert, leidet noch immer an seinem erzwungenen Rücktritt vom 7. September 1998. „Die gesamte Arbeit, die ich gemacht habe, wird eh nicht honoriert. Wenn ich nur an die Jugendprojekte denke. Das alles interessiert in Deutschland nicht", meinte Vogts damals verbittert.

          Unverstanden und verkannt

          Nach zwei Jahrzehnten beim DFB und den gescheiterten Kurzengagements bei Bayer Leverkusen und als Nationalcoach im Kuwait fühlt er sich noch immer unverstanden, verkannt. Dass jetzt in Deutschland alles über einen neuen Jugendstil redet, Talentarbeit groß geschrieben und die Förderung an der Basis propagiert wird, kann den gelernten Werkzeugmacher nicht versöhnen.

          Denn was wird über ihn berichtet? Dass er dieselben Selbstdarstellungsprobleme auf der Insel wie in Deutschland hat, dass es Irritationen mit den großen Clubs aus Glasgow, Celtic und den Rangers gibt. „Wer behauptet so etwas?“ herrscht Vogts den Fragesteller an, „das ist alles eine Erfindung der deutschen Medien.“ Dabei ignoriert er allerdings die öffentlichen Beschwerden der schottischen Clubtrainer, Vogts würde sich nicht an Absprachen halten.

          „In Mainz hat es mir gefallen“

          Mit den deutschen Medien möchte Berti Vogts wenn überhaupt nur über seine sportlichen Ziele sprechen. Sich als Gruppenzweiter der EM-Qualifikation 2004 für Portugal zu qualifizieren, „da sind Litauen, Island und Färöer unsere Gegner.“ Er will, dass schottische Spieler in der Premiere League wichtige Positionen besetzen. „Die brauchen eine key-position“, sagt Vogts.

          Hauptproblem des schottischen Fußballs, für den er verantwortlich ist: Es fehlt an Spielpraxis und Vergleichsmöglichkeiten. „Sie spielen immer nur auf der Insel. Deswegen sind wir für jede Reise ins Ausland dankbar.“ So wie jetzt den Ausflug in die Hauptstadt von Rheinland-Pfalz. „In Mainz hat es mir gefallen“, sagt er.

          Ein kleines Stück Versöhnung

          Und vielleicht gab es doch ein ganz kleines Stück Versöhnung. Denn als die Färöer in „McBertis“ erstem Pflichtspiel die Schotten (2:2) blamierten, beantwortete er deutsche Fragen nur in englischer Sprache.

          Als jetzt seine Perspektivmannschaft im Mainzer Hotel Atrium abstieg, lehnte er zwar noch Interviewwünsche ab, hockte sich am Dienstagabend nach dem Match aber zur Pressekonferenz aufs Podium. Vorher hatte Pressesprecher Harald Stenger mit ihm gesprochen und erstaunliches vorangeschickt: „Berti spricht deutsch.“

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