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Nationalmannschaft : Deutschland blamiert sich gegen Litauen

  • -Aktualisiert am

Peinliches Gegentor: Tomas Razanauskas trifft gegen Oliver Kahn Bild: dpa/dpaweb

In der Qualifikation zur EM 2004 hat die deutsche Mannschaft eine böse Überraschung erlebt. Gegen den großen Außenseiter Litauen reichte es mit Mühe zu einem 1:1. Neuer Tabellenführer der Gruppe 5 ist Schottland.

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          Die deutsche Nationalmannschaft hat in der EM-Qualifikation gerade mal ein 1:1 gegen Litauen geschafft und nach einem 2:1 der Schotten gegen Island obendrein die Tabellenführung in der Gruppe 5 verloren. Es war eine noch größere Pleite als das voran gegangene magere 2:1 gegen die Färöer und die Bestätigung einer bekannten Erfahrung: Gegen vermeintlich leichte Gegner tut sich die Nationalmannschaft immer wieder mal schwer.

          Uwe Marx

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Viel hatte vor der Partie nicht dafür gesprochen, dass Rudi Völlers Auswahl einen besonders anstrengenden Fußball-Abend verleben würde. Litauen ist 104. der Fußball-Weltrangliste, hat einige Spieler in seinem Kader, die noch nicht einmal einen Verein haben und leistete sich in der Gruppe 5 dieser Qualifikation ein aussagekräftiges 0:3 auf Island. Weil auch noch gleich vier Stammspieler ausgefallen waren, kam zum Beispiel einer wie Igoris Morinas zum Einsatz, der beim FSV Mainz 05 in der zweiten Liga weit entfernt von einem Stammplatz ist. Furcht einflößende Gegner sehen anders aus.

          Ramelows „brasilianischer Moment“

          Da mochte Völler nach den Ausfällen der verletzten Michael Ballack, Jens Jeremies und Christoph Metzelder in gewohnter Vorsicht noch so sehr warnen: Litauen war nach zwei deutschen 1:3-Niederlagen in Testspielen gegen Holland und Spanien als vermeintlich braver Aufbaugegner nach Nürnberg gereist.

          Entsprechend häufig fanden sich die deutschen Offensivkräfte im Strafraum der Litauer in aussichtsreicher Schussposition wieder. Fredi Bobic durfte sich nach Eckbällen von Bernd Schneider gleich zwei Mal versuchen (4./6. Spielminute), bevor Carsten Ramelow einen „brasilianischen Moment“ erwischte: Er lenkte einen Fernschuss von Jörg Böhme per Hacke zur frühen 1:0-Führung ins Netz (8.). Wer den ausgelassenen Jubel des Torschützen sah, bekam eine Vorstellung davon, wie viel Frustabbau dieses 1:0 für den mit Bayer Leverkusen in der Bundesliga arg gebeutelten Mittelfeldspieler bedeutete. Litauens Torhüter Gintaras Stauce, der mal mit dem MSV Duisburg in der Bundesliga spielte, hatte bei diesem Treffer keine Chance.

          Temperamentvoller Beginn - Pfiffe zur Pause

          Im Anschluss verpassten es Bobic (10.) und der starke Bernd Schneider nach einem Solo über das halbe Feld (20.), weitere Treffer für die deutsche Mannschaft zu erzielen. Nach dem ersten Schwung und der ersten La-Ola im stimmungsvollen Nürnberger Frankenstadion wurde es nicht nur ruhiger unter den 46.000 Zuschauern, sondern auch eine Spur gefährlicher für den WM-Zweiten. Denn die Litauer verteidigten jetzt nicht mehr nur tapfer ihren Strafraum. Sie wagten sich auch mehr und mehr Richtung Torhüter Oliver Kahn - der, bemerkenswert genug, der einzige Vertreter des in der Bundesliga erdrückend überlegenen FC Bayern München im deutschen Kader war.

          Der junge Wolfsburger Tobias Rau, der zu Beginn seines erst zweiten Länderspiels sichtbar nervöser war als seine Mitspieler, musste für Kapitän Kahn bei einem Fernschuss auf der Linie retten (24.); außerdem vergab Saulius Mikalajunas, einer der vereinslosen Litauer, kurz darauf eine Möglichkeit (28.). Danach gingen die ersten 45 Minuten nach dem temperamentvolle Beginn erstaunlich emotionslos zu Ende.

          Ramelow lässt sich abhängen

          Völlers Mannschaft hatte zu stark nachgelassen und auch nach dem Seitenwechsel gegen einen nun selbstbewussteren Gegner mehr Schwierigkeiten als erwartet. Besonders phantasievoll war es nicht, was der Favorit anstellte, um die Vierer-Abwehrkette der Litauer in Gefahr zu bringen. Der vermeintliche Ballack-Vertreter Torsten Frings blieb unauffällig, ebenso wie Dietmar Hamann, sein Nebenmann im zentralen Mittelfeld. Erst nach etwa einer Stunde hatte Bobic mal wieder eine Chance - und zwar nach inzwischen bewährtem Muster an diesem Abend: Schneider bereitete über rechts vor, Bobic schloss ab, diesmal per Kopf, traf aber das Tor nicht.

          Als nach einer längeren Ruhephase der eingewechselte Darius Maciulevicius fast das 1:1 erzielt hatte (70.), gab es die ersten Pfiffe des ansonsten geduldigen Publikums. Der Ärger sollte sich noch steigern, denn in der 75. Minute traf tatsächlich ein Litauer in Kahns Tor - Tomas Razanauskas ließ dabei den deutschen Torschützen Ramelow bei einem lockeren Solo allzu leicht hinter sich.

          Mit dem eingewechselten Kevin Kuranyi für Bobic mühte sich Völlers Elf noch um den Sieg, kam dabei aber nicht recht vom Fleck. Miroslav Klose hatte zwar noch eine Chance (78.) - die Litauer allerdings zwei Minuten später auch. Kahn musste bei einem Schuss aus kurzer Distanz retten. Er verhinderte damit zwar eine noch größere Pleite - allerdings war das Ergebnis am Ende auch so peinlich genug. Die Litauer dagegen feierten einen ihrer größten Erfolge überhaupt, weil sie die abschließende Drangphase der Deutschen mit viel Einsatz und etwas Glück schadlos überstanden.

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