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Nationalmannschaft : Auf Bodenhaftung bedacht

  • -Aktualisiert am

Beklagt Abstimmungsprobleme: Rudi Völler Bild: dpa

Das 6:2 gegen Österreich hat gezeigt: In der Offensive hat das DFB-Team weniger Probleme als erwartet. Sorgen bereitet Rudi Völler die Abwehr.

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          Hans Krankl war sichtlich beeindruckt. Er, der vor 24 Jahren einmal weltmeisterliche Träume des amtierenden Titelträgers Deutschland beendete, machte nun der verunsicherten Nation im Jahre 2002 Mut. „Die Mannschaft spielt in der Offensivbewegung sehr gut. Daher sehe ich für die WM gar nicht schwarz“, erklärte Krankl und nannte sogleich konkrete in Angriff zu nehmende Ziele: „Mit dieser physischen Überlegenheit kommen sie unter die letzten Acht.“

          Der Coach einer überforderten österreichischen Auswahl hatte gut reden. So konnte Krankl ein bisschen von den Problemen des Nachbarn ablenken, der bei der 2:6 (1:3-)Niederlage wie ein idealer Aufbaugegner agierte. Bieder, brav, beinahe stümperhaft stolperte die blutjunge und blutjunge österreichische Mannschaft in die Niederlage. „Batsch, batsch ging das“, grantelte Andreas Herzog, „wir haben uns gar nicht gewehrt.“

          Bodenhaftung behalten

          Eine Analyse aus österreichischer Sicht ist nötig, um die Geschehnisse in der BayArena von Samstagabend in die richtigen Relationen zu rücken. So euphorisch die Stimmung unter den 21.500 Augenzeugen (Lieblingssong: „Ohne Holland fahren wir zur WM“) auch war: Zu übersteigertem Optimismus besteht für Fußball-Deutschland kein Anlass.

          Positiv gestimmt nach dem letzten WM-Test: Rudi Völler

          „Wenn man sechs Tore schießt, ist man mit der Offensive zufrieden“, bilanzierte Rudi Völler, „doch ich bewerte den Sieg nicht über.“ Der Teamchef, der sich nach dem Crash von Cardiff schützend vor die Mannschaft gestellt hatte, trat nach der Torflut von Leverkusen als Mahner auf. „Wir dürfen jetzt nicht glauben, es wird ein Alleingang bei der WM.“ Der 42-Jährige möchte ein bisschen bremsen: „Wir dürfen nicht die Bodenhaftung verlieren.“

          Minimalziel bekannt, Maximalziel gesucht

          Fazit der WM-Vorbereitung: Der Test gegen Kuwait war wertlos, gegen Wales nicht alles schlecht, gegen Österreich nicht alles gut. Der Teamchef funktioniert in der Gesamtbetrachtung als besonders ausgleichender Faktor: Eine Konstellation, die Borussia Dortmund und Matthias Sammer das Meisterstück bescherte.

          Bei Völler und der Nationalelf wird diese Eigenschaft aber nicht reichen, um in den Kreis der ganz großen Nationen vorzustoßen. Irgendwie ahnt das auch Völler, der die Tage der WM-Vorbereitung auch nutzte um unablässig „vom Minimalziel Achtelfinale zu sprechen“, das Maximalziel aber nicht wagte, zu formulieren.

          Seine Mannschaft ist in der Lage, gegen zwei- und drittklassige vom Schlage Israel (7:1), USA (4:2), Kuwait (7:0) oder nun Österreich torreiche Fußball-Feste zu feiern. Ob es zu mehr reicht, ist ungewiss, weil der Spielverlauf und -ausgang gegen Argentinien (0:1) und Wales (0:1) zu ernüchternd.

          Faustpfand Lufthoheit

          Erfreulich: Deutschland schießt Tore, wenn es im eigenen Land erwartet wird. „Vor allem dank ihrer immensen physischen Überlegenheit in der Luft“, stellte Krankl treffend fest, „gegen die Kopfballstärke von Bierhoff, Jancker, Bode und Klose haben wir kein Mittel.“

          Fast allen sechs Toren durch Miroslav Klose (15./29./53.), Marco Bode (36./70.) und Daniel Bierofka (83.) gingen gewonnene Kopfballduelle voraus. Und doch dürfte das für die WM - mit Ausnahme beim Auftaktspiel gegen Saudi Arabien am 1. Juni - zu wenig sein.

          Dann nämlich, wenn die deutsche Abwehr, für die Völler derzeit die Viererkette favorisiert, nicht die Abstimmungsprobleme ablegt. „Das stört mich“, sagte der Teamchef, „denn in den wichtigen Spielen ist das entscheidend.“ Und wird noch konsequenter bestraft, als dies die Österreicher Rene Aufhauser (37.) und Roman Wallner (46.) taten.

          Nicht abgestimmte Abwehr

          Alternativen hat Völler viele - im Abwehrbereich kaum welche. Die noch nicht aufeinander eingespielten Christoph Metzelder („Die Verständigung klappt noch nicht.“) und Thomas Linke dürften zunächst auch in Japan in der Innenverteidigung erste Wahl sein.

          Die Qual der Wahl hat Völler in allen anderen Mannschaftsteilen: Für den nun an der Schulter lädierten Marko Rehmer bot sich erneut der stark spielende Torsten Frings als Alternative an. Dietmar Hamann bestätigte seinen Anspruch auf einen Stammplatz als strategisch spielender Ballverteiler, Jens Jeremies ist auf dem Wege der Besserung. Und auch Carsten Jancker eine echte Konkurrenz zu Oliver Bierhoff.

          Bodes Anspruch, Kloses Bescheidenheit

          Die Feldspieler von Bayer Leverkusen , die gegen Österreich auf der Tribüne saßen - Michael Ballack, Carsten Ramelow, Bernd Schneider und Oliver Neuville - stellen allesamt Ansprüche für die Anfangself. Dort aber möchte nun auch der Bremer Bode nach seinen zwei Toren vom Samstag sein. „Ich arbeite mich Stück für mich Stück an die Mannschaft heran und möchte es dem Teamchef so schwer wie möglich machen, mich nicht aufzustellen.“

          Ein bisschen bescheidener tritt Klose auf - trotz seiner drei Tore. „Dass ich gesetzt bin, möchte ich nicht sagen“, erklärte der Torjäger des 1. FC Kaiserslautern, „für mich wird das eine Erfahrungs-WM.“ Auch er hat den Torrausch gegen Österreich eher als Mahnung verstand: „Wir müssen schneller von Angriff auf Abwehr umschalten.“

          Abflug mit einem Lächeln

          Wofür war der Sieg am Samstag also dienlich? „Wir haben ein bisschen Ruhe“, sagte Völler, der den Seinen ohnehin bis Dienstagabend heimatliches Schonprogramm verordnet hat. Beisammensein im Familienkreis, Verabschiedung von den Liebsten.

          Erst nach den Pfingstfeiertagen trifft sich die Mannschaft am Dienstagabend im Kempinski-Hotel Gravenbruch in Neu-Isenburg, ehe dann am Mittwoch der Abflug ins WM-Quartier nach Miyazaki erfolgt. „Da fliegen sie jetzt mit einem Lächeln hin“, glaubt Jürgen Klinsmann. Und das soll in Japan ja wahre Wunder bewirken.

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