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Nationalmannschaft : Angezapft, angespannt und angegriffen

  • -Aktualisiert am

Muss Nackenschläge verkraften: Rudi Völler Bild: DPA

Die deutschen Nationalspieler setzen sich gegen öffentliche Attacken zur Wehr. Zumindest außerhalb des Platzes beweisen sie Defensiv-Qualitäten.

          3 Min.

          Eigentlich könnte es ein schöner Tag sein. Die Sonne scheint und den Weg ins Mannschaftsquartier der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in Siegburg-Kaldauen finden nur einige Einheimische.

          Durch verkehrsberuhigte Zonen schlängelt sich der Weg, ganz oben am Waldrand liegt das „Waldhotel Grunge“. Wieder einmal hat der Deutsche Fußball-Bund ein idyllisches Plätzchen gefunden, dass weitgehend unbehelligt bleibt.

          Doch eitel Sonnenschein herrscht hier nicht, das ist schon an den Gesichtern abzulesen. Angespannt statt entspannt. Gereizt statt gelöst. Abwehrend statt offen. Oliver Kahn schlendert im Zeitlupentempo in T-Shirt und Badelatschen zur Hotelrezeption und verzieht das Gesicht. Torsten Frings grüßt so leise, dass man ihn kaum versteht.

          „Es geht um das Ansehen Deutschlands“

          Zur Mittagszeit sitzen an diesem Donnerstag, sechs Tage vor dem Abflug nach Japan, Michael Skibbe und Christian Ziege auf dem Podium in der Turnhalle Troisdorf. Sie setzen das fort, was Rudi Völler seit dem Crash in Cardiff begonnen hat. Abrechnung mit den Kritikern. Sich wehren gegen eine aus ihrer Sicht von Günter Netzer angezettelte Kampagne.

          „In anderen Ländern ist das nicht so krass“, sagt der im Liga-Alltag in England beherbergte Christian Ziege, „das steht die ganze Nation zusammen, die Presse eingeschlossen.“ Ziege ist jetzt 30 Jahre alt, hat die meisten Länderspiele (65) und gilt zumindest außerhalb des Platzes als Führungsfigur. Sein Appell richtet sich an die Nation „Es geht um das Ansehen von Deutschland.“

          Keine Chance für Jörg Böhme

          Und da darf öffentlich nicht die Ära Rudi Völler in Frage gesellt werden. „Es ist doch ein Riesenunterschied zur EM 2000“, stellt Ziege heraus. „Damals war jeder mit sich selbst beschäftigt und hat alles kritisiert. Nur sich selbst nicht.“ Seine Feststellung entspricht Völlers Haltung vom grundsätzlichen Optimismus. „Wir ziehen alle an einem Strang.“ Verbal auf jeden Fall.

          Für Völler gehört dazu, einen einmal eingeschlagenen Kurs ebenso wenig zu verlassen wie einmal auserwählten Akteuren das Vertrauen nicht zu entziehen. Völler hat sich im internen Kreis bereits heftig widersetzt, den Forderungen nach Jörg Böhme nachzukommen. Er vertraut statt dessen lieber Harmoniemenschen wie Marco Bode und Jörg Heinrich.

          Böhmes Aussetzer gegen England und Argentinien, zudem seine Weigerung, einmal nicht zur Nationalelf anreisen zu wollen, hat ihm der Teamchef nicht verziehen. „Wir dürfen nicht nur als Zweckgemeinschaft funktionieren“ - so lautet das Credo des Teamchefs.

          Wörns sagt ab

          Und das Team folgt. „Was kann der Heinrich dafür, dass Böhme nicht im Aufgebot ist?“ fragt Ziege. Seine Antwort: „Gar nichts.“ Und Bundestrainer Michael Skibbe stellte klar. „Wir haben unsere 23 Spieler und werden mit ihnen zur WM fahren. Da gibt es keinen Diskussionsbedarf.“

          Diese entschlossene Ankündigung musste aber schon am Nachmittag umgeworfen werden. Denn da erreichte den DFB die endgültige Absage von Christian Wörns nach seiner Meniskusoperation. Eine Hiobsbotschaft, aber eigentlich auch ein angekündigter Abschied auf Raten. Nachrücken wird, nein nicht Böhme, sondern der brave Bremer Frank Baumann.

          Völlers leise Töne

          Überhaupt wird um die in Wales sichtbaren Probleme, im internen Kreis der DFB-Auswahl offensichtlich viel weniger Aufhebens gemacht als außerhalb. Hat der Teamchef den Versagern die Leviten gelesen?

          „Er hat uns ganz sachlich und ruhig gesagt, was wir in Wales falsch gemacht haben. Das hat er auch schon in der Halbzeit gemacht“, berichtet Christoph Metzelder, ein leiser Vertreter der jungen Generation. Richtig laut sei Völler nicht geworden. Ist auch nicht Rudis Art.

          Ballack: „Am liebsten acht Wochen Urlaub“

          Am Freitag, 15 Tage vor dem ersten WM-Spiel, ist endlich der Kader komplett. Dann stößt der Block von Bayer Leverkusen zum Nationalteam. Am Samstag in der ihnen bestens bekannten BayArena gegen Österreich (19 Uhr/ZDF) sollen sich Michael Ballack und Co. indes schonen. Für die Anfangsformation allesamt nicht vorgesehen. „Sie brauchen erst einmal Ruhe“, meinte Skibbe. Zumal eher die psychischen statt physischen Nachwirkungen zu beheben sind.

          „Am liebsten würde ich jetzt acht Wochen in Urlaub fahren“, erklärt Ballack. „Ich
          brauche jetzt ein bisschen Zeit zum Regenerieren. Aber ich würde gerne am Samstag spielen, danach brauche ich ein paar Tage bei der Familie“, sagt Bernd Schneider. Carsten Ramelow verspricht, „alle Kräfte zu mobilisieren.“

          Lippenbekenntnisse für Leverkusen

          „Wir werden die aufpäppeln müssen“, glaubt indes der Münchner Jens Jeremies. „Wir Dortmunder können das schlecht. Die glauben uns das nicht“, sagt der Dortmunder Metzelder. „Die Leverkusener werden ein wichtiger Bestandteil bei der WM sein“, verspricht Ziege.

          Skibbe erklärt: „Ich befürchte nicht, dass es einen psychologischen Knacks gibt.“ Lippenbekenntnisse. Die Bilder von Glasgow sprachen für sich. Vielleicht trifft es sich ganz gut, dass man einmal richtig Abstand gewinnt. Teamchef und Assistent sind am Donnerstag nach Dublin geflogen, um am Abend den deutschen WM-Gruppengegner Irland im Spiel gegen Nigeria zu beobachten.

          Völler kehrt am Freitag schon wieder zurück, Skibbe fliegt weiter nach Kopenhagen, wo am Freitagabend Dänemark gegen Kamerun spielt. Vielleicht kann man sich dort etwas abgucken, wie man auch auf dem Platz gut abwehrt und angreift.

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