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Nachwuchs : Bayern fehlt junges Blut

  • -Aktualisiert am

Talent mit beschränkter Einsatzzeit: Santa Cruz Bild: dpa

Seit Jahren hat sich kein Talent aus der eigenen Jugend in den Profikader gespielt. Der einzige junge Spieler im Kader, Roque Santa Cruz, wurde teuer eingekauft und spielt selten.

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          Olympique Lyon führte den Bayern vor, wie es geht: Ihr bis dahin kaum bekannter 21-jähriger Nachwuchsstürmer Sydney Govou erzielte beim demütigenden 3:0 gegen den deutschen Meister zwei Treffer.

          Kaum vorstellbar, dass beim Rekordmeister ein junger Anonymus über Nacht zum gefeierten Star würde. Was öffentlich möglichst nicht thematisiert werden soll, intern ist es seit langem in der Diskussion: Der FC Bayern München hat akute Nachwuchsprobleme.

          Es gab eine knapp bemessene Zeit beim Rekordmeister, da der Nachwuchs vehement in den professionellen Kader drängte. Es war die Ära Hermann Gerland, der Anfang der 90er Jahre die A-Jugend und die Amateure betreute. Einem einzigen Jahrgang entsprangen damals Markus Babbel und Dietmar Hamann (heute FC Liverpool), Christian Nerlinger (Borussia Dortmund) und Dieter Frey (Werder Bremen). Danach ist es keinem einzigen Spieler aus den eigenen Reihen gelungen, in die Stammelf der Profis aufzusteigen.

          Gibt der Jugend zu wenig Spielraum: Ottmar Hitzfeld
          Gibt der Jugend zu wenig Spielraum: Ottmar Hitzfeld : Bild: dpa

          Bayern-Amateure bald viertklassig

          Ein vielsagendes Abbild des Dilemmas ist die Amateurmannschaft des FC Bayern. Dem mit einer Million Mark pro Jahr gespeisten Talentschuppen droht der Sturz in die vierte Liga. Trainer Ottmar Hitzfeld informierte sich unlängst beim Spiel gegen Schweinfurt höchst persönlich über den Zustand des Sorgenkindes - und befand nach einer neuerlichen 0:1-Niederlage gelassen: „Die Einstellung stimmt, sie haben gut gespielt, nur das Tor nicht getroffen."

          Was nach Augenwischerei klingt. Die Mannschaft steht in der Regionalliga hinter so ruhmreichen Vereinen wie Wacker Burghausen, SV Wehen und den Sportfreunden Siegen auf einem Abstiegsplatz. Dabei ist die Mannschaft von Udo Bassemir mit Reservebänklern des Profikaders gut gespickt.

          Viele Talente verkümmern

          Star beim Abstiegskandidaten ist der Kanadier Owen Hargreaves, von Manager Uli Hoeneß seit gut einem Jahr als zukünftiger Stammspieler bei den Profis belobigt. Wer den 20 Jahre alten offensiven Mittelfeldspieler allerdings bei seinem Bundesliga-Gastspiel gegen Unterhaching sah, mußte Zweifel an dieser These bekommen.

          Der Stürmer Antonio di Salvo (21) wird zwar von der halben Bundesliga umworben, beim letzten Spiel der Amateure beobachteten ihn sieben Späher, hat aber bei den Bayern keine Option auf eine Profi-Zukunft. Auch der gebürtige Münchner Sebastian Backer hat den Sprung nach ganz oben verpasst: Der Abwehrspieler wird wohl ebenso zu einem anderen Verein wechseln wie Patrick Mölzl und Andrew Sinkala.

          Das haben Frank Wiblishauser und Nils-Eric Johannsson schon getan. Bei den Bayern wurden sie zwar von den Amateuren zu den Profis befördert , kamen dort aber nie zum Zug. Da erinnerte sich der ehemalige Münchner Klaus Augenthaler der beiden Abwehr-Talente. Augenthaler ist Cheftrainer beim designierten Erstliga-Aufsteiger 1. FC Nürnberg und hat Wiblishauser und Johannsson in dieser Saison groß heraus gebracht. Zumindest den 21-jährigen Schweden würden die Bayern gern zurück holen - in den Profikader.

          Amateure ziehen A-Jugend mit nach unten

          Das bringt die Amateure nicht weiter. Deren nähere Entwicklung wirkt sich auch auf die A-Jugend aus. Sollten die Amateure absteigen, so werden nach Einschätzung von Bassemir etliche talentierte Jugendliche mangels Perspektive dem FC Bayern den Rücken kehren. Mit Nachwuchs, der den Ansprüchen des Profikaders genügen würde, ist unter solchen Bedingungen nicht zu rechnen.

          „Es kommt nichts nach", soll Ottmar Hitzfeld erst kürzlich intern geäußert haben. Die Amateur-Abteilung des FC Bayern München ist demnach zu einem Abschreibemodell mit inzwischen fragwürdigem Image geworden. Kritische Stimmen geben dem Trainer allerdings eine Mitschuld an der Misere: Er vertraue jungen Spielern zu wenig, heißt es.

          Bayern kauft seine Talente für viel Geld

          Und es muß schon auffallen, dass ein 21jähriger Nobody aus Lyon den FC Bayern fast alleine aufs Kreuz legte. Ein Streich, der dem für 10 Millionen Mark aus Paraguay gekauften Bayern-Stürmer Roque Santa Cruz kaum gelingen dürfte. Dafür setzt ihn Hitzfeld, der sich stets mit dem Hinweis verteidigt, der Südamerikaner dürfte nicht „verheizt" werden und müsse sich „langsam entwickeln", viel zu wenig ein.

          Immerhin, in Dortmund hat Hitzfeld Lars Ricken und Ibrahim Tanko groß gemacht. Doch ähnlich wie Santa Cruz setzte er auch sie über einen langen Zeitraum nur jeweils sporadisch ein. Santa Cruz ist eine Entdeckung von Wolfgang Dremmler, dem Chefspäher des Vereins. Der junge Mann aus Paraguay hatte für Olympique Asuncion in der Copa Libertad drei Treffer gegen Buenos Aires erzielt. Dremmler schaute Santa Cruz kurz darauf bei der U20-WM in Ghana auf die Füße.

          Der Vertrag mit Santa Cruz war bislang der einzige Ertrag an externem Nachwuchs, den die Bayern seit Bestehen ihres fein verästelten Netzes an Fußballspionage erzielen konnten. Merkwürdig, dass es sich nie über den Fußball-Osten ausdehnte. Die Kontakte des bei den Bayern beliebten Spielervermittlers Branchini erstrecken sich auf Mittel- und Westeuropa. Das Nachwuchsbecken des europäischen Ostens, aus dem Freiburgs Trainer Volker Finke viele Talente schöpft, scheint dem FC Bayern nicht bekannt.

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