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Fußball-Nationalmannschaft : Nach der Karriere nach München und zu Nike

  • -Aktualisiert am

Akzeptiert im Kollegenkreis: Oliver Bierhoff (M) Bild: dpa

Oliver Bierhoff will gegen Argentinien spielen und bei der WM Stammkraft sein - langfristig wird er als Repräsentant von Nike arbeiten.

          3 Min.

          Deutschland diskutiert über seine Stürmer. Über Typen, die Tore garantieren und einer Fußball-Nation zurzeit fehlen.

          Oliver Bierhoff, der Mann, der in 61 Einsätzen, davon ein großer Teil nicht Vollzeit, immerhin 33 vollwertige Tore erzielte, vermag die Thematisierung nicht zu verstehen: „Wir haben kein Stürmerproblem.“ Sein persönliches Ziel für die WM? „Ich will Stammspieler sein.“

          Seine verbale Offensive ist durchdacht als Werbung in eigener Sache. „Wir haben zuletzt elf Tore in zwei Spielen gemacht, in allen Spielen zuletzt viele Chancen, viele Situationen herausgespielt. Und meine zwei Tore in 120 Minuten sind ja nicht so schlecht“, spielt er auf seine Treffer gegen Israel und USA an.

          „Ich fühle mich nicht als kleine Wurst“

          „Wenn ich Tore erziele“, sagt Bierhoff, „stellt sich die Frage nach dem Wert meiner Person für die Mannschaft nicht.“ Er weiß darum, dass nach dem Rückzug von Kapitänsamt andere mehr im Mittelpunkt stehen. „Ich fühle mich deshalb nicht als kleine Wurst.“ So hatte er sich noch vor seinem Golden Goal bei der Europameisterschaft 1996 selbstkritisch beschrieben. Keine Lobby, von Berti Vogts gerade im Februar 1996 erstmals berufen.

          Nach dem EM-Finale mit zwei Toren war er plötzlich unersetzlich, im Nationaltrikot bis 2000 immer dabei und fast immer unter den Torschützen. Bierhoff jetzt: „Meine Situation ist nicht so wie bei der WM 1998. Aber ich fühle mich genauso stark und kann mit meiner Erfahrung und Abgeklärtheit eine Stütze sein.“ Vorausgesetzt, es kommen viele Flanken und hohe Hereingaben.

          Aufholbedarf in der Jugendarbeit

          Er kann die Vorlagen vollstrecken und verwandeln. Er hat als 17-Jähriger mit Vater Rolf in Uerdingen stundenlang den Spannstoß geübt, ist ans Kopfballpendel gegangen. „Ich bin noch auf dem Bolzplatz in Essen aufgewachsen“, sagt Bierhoff. „Da habe ich mir diese Technik angeeignet.“ In der Jugendarbeit habe Deutschland in der Vergangenheit „einiges verschlafen“.

          Bierhoff, der einen bis 2006 laufenden Vertrag mit dem Sportartikel-Giganten Nike hat, kommt bei Events mit kickenden Kids mit seinen Nachfolgern in Kontakt. Daher ahnt er: „Die Mängel hierzulande aufzuholen, braucht Zeit.“

          Anschlussvertrag mit Nike

          Fest steht schon, dass Nike sein künftiger Arbeitgeber für die Zeit danach sein wird. Die neue Rolle verlangt auch ein gewisses offensives Auftreten, um die Marke „zur EM 2004 und WM 2006 besser zu positionieren“ (O-Ton Bierhoff). Was nicht einer gewissen Pikanterie entbehrt: Denn im Nationaldress trägt der Repräsentant ausnahmslos Produkte mit den drei Streifen.

          „Eigentlich macht es keinen Sinn, dass ich nicht in den Schuhen spielen darf, die ich auch sonst immer trage“, findet Bierhoff, der sich auch eine Diskussion über Persönlichkeitsrechte und Eigenvermarktung vorstellen kann. Vor der WM wird er nicht darüber reden - „das ist beim DFB ein delikates Thema.“

          Das Karriereende naht

          Bierhoff macht sich ungern Feinde. Dafür ist er zu gut erzogen und zu gut beraten. Der einstige ISPR-Mann Peter Olsson ist sein Manager und mittlerweile einer seiner engsten Vertrauten, das ehemalige Model und Zweitliga-Basketballerin Klara Szalantzy seine Frau. Der eine hat seine Agentur in München, die andere dort studiert und gelebt. „Ich bin ziemlich wurzellos“, gesteht dagegen Bierhoff, der im Sommer nun von Monaco nach München ziehen wird. „Das ist es schön und nach Italien nicht weit.“

          Denn das Ende der Karriere naht. Lose Anfragen lehnt der erfolgreiche Stürmer ab. Möglich, dass eine gute WM für ihn der Anlass ist, ganz aufzuhören. „Das könnte sein. Auf jeden Fall genieße ich es, zum ersten Mal allein entscheiden zu können. Sonst hatte ich ja immer Vertrag oder habe Ablöse gekostet.“

          Keine sportliche Zukunft im Fürstentum

          In Monaco wird sein Wert von Trainer Didier Deschamps nur noch als gering erachtet. Bierhoff unterlief ein Eigentor gegen Lille, lächerlich machten ihn danach die Fans. Ausgepfiffen, ausgewechselt. Wieder einmal Hohn und Spott für einen, der polarisiert.

          Bierhoff: „Das liegt an meiner Spielweise. Ich war immer einer, der gespalten hat.“ Er wirkt trotz der Situation in Monaco gelassen, „die zwei Spiele überstehe ich auch noch, dann konzentriere ich mich auf das Wesentliche: die Weltmeisterschaft.“

          „Gelaber“ ist nicht Bierhoffs Sache

          Er kann Subjekt, Prädikat und Objekt ohne Unfälle aneinander reihen, er vertreibt sich die Zeit nicht mit tumben Spielen an der Playstation. „Ich muss gefordert werden.“ Dazu taugte jahrelang das Fernstudium der Betriebswirtschaft. In Ascoli büffelte er einst in langen Wintern fürs Vordiplom, die letzten Klausuren sind noch in guter Erinnerung.

          Als letztes Prüfungsfach zog er die Produktionstheorie dem Marketing vor, „weil es für das eine klare Formeln gab, das andere war Gelaber.“ Und so wie das Gerede vom Sturmproblem war das nicht Bierhoffs Sache.

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