https://www.faz.net/-gtl-95752

Kommentar zu Mutkos „Auszeit“ : Groteske Scharade

Triumvirat: Wladimir Putin, Gianni Infantino und Witalij Mutko Bild: dpa

Witalij Leontjewitsch Mutko pausiert sechs Monate als Präsident des russischen Fußballverbandes. Trotz Verwicklungen in den Doping-Skandal behält er andere Ämter.

          2 Min.

          Sage niemand, die treuen Diener des russischen Sports gingen nicht mit der Zeit. Witalij Leontjewitsch Mutko nimmt eine Auszeit, geht in ein Sabbatical, lässt ein halbes Jahr seine Präsidentschaft im Rossijski Futbolniy Sojus ruhen. Der Präsident des Verbandes der Gastgeber der kommenden Fußball-WM macht sechs Monate Pause, bleibt aber einstweilen Chef des Aufsichtsrats der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 – also deren Chef-Organisator. Und selbstverständlich bleibt Witalij Mutko auch stellvertretender Ministerpräsident der Russischen Föderation.

          Über seinen Verbleib an der Spitze der WM-Organisatoren entscheide nicht er, sondern „das Staatsoberhaupt, der Regierungschef, der Aufsichtsrat“. Mutko organisiert die Weltmeisterschaft so lange, wie Wladimir Putin das möchte. Die beiden ehemaligen stellvertretenden Bürgermeister Sankt Petersburgs verbindet eine bald drei Jahrzehnte zurückreichende Beziehung, und ganz offenkundig lässt Putin Mutko auch jetzt nicht fallen, da der ehemalige Sportminister lebenslang von Olympischen Spielen ausgeschlossen ist.

          Mutko, befand das Internationale Olympische Komitee Anfang des Monats, trage schließlich die „administrative Verantwortung“ für das russische Doping-System. Tatsächlich belegen die Aussagen des Kronzeugen und früheren Laborleiters in Moskau, Gregorij Rodtschenkow, dass Mutko einer der Initiatoren des Betruges von Staats wegen war, zum Ruhme Russlands und seiner Sportler. Das hat ihn in vielen Ländern untragbar gemacht als Funktionär. Heitere Bilder mit Mutko, wie es sie im Sommer noch beim Confed Cup und jüngst bei der WM-Auslosung im Kreml-Palast gab, Flüge in Mutkos Privatjet, wie vor einem Jahr, kann sich Gianni Infantino, der Präsident des Internationalen Fußballverbandes, plötzlich nicht mehr leisten. Aus Zürich kommt Beifall für die groteske Scharade, die Fifa dankt „Herrn Mutko für diesen verantwortungsvollen Schritt“.

          Dessen Rücktrittchen auf Zeit vom unwesentlichsten seiner drei Ämter belegt vor allem, dass es ohne Witalij Leontjewitsch Mutko im russischen Sport einstweilen nicht geht. Mutko wird weiter seinen Kopf hinhalten müssen, falls weitere Vorwürfe auftauchen. Wie steht es um die Daten zu russischen Fußballspielern aus der Moskauer Labormanagementdatei, die der Fifa vor knapp zwei Wochen vom Chefermittler der Welt-Anti-Doping-Agentur übergeben wurden? Ergeben sich neue Doping-Fälle? Wird endlich aufgeklärt, ob der Verdacht, die Spieler des russischen WM-Kaders 2014 hätten sich vor der Abreise nach Brasilien 2014 einer Ausreisekontrolle – alle sauber, nichts zu entdecken? – unterziehen müssen, aus der Luft gegriffen war?

          Mutko leugnet weiter, die Fifa mauert weiter. Die internationalen Spitzenverbände drängen dem Kreml die Strategie geradezu auf. Wäre Mutkos Rolle umfänglich belegt und benannt worden, hätte das IOC Russland umfänglich ausgeschlossen vom Olymp und eben nicht die Rückkehr noch vor Ende der Winterspiele im Februar in Aussicht gestellt, der Regisseur des Kreml-Theaters hätte es mit dem Drehbuch dieses Stücks ein wenig schwerer gehabt. So bleibt es, wie es ist: Für Theaterdonner und Bühnennebel wird Mutko weiter gebraucht. Der Spielplan steht.

          Weitere Themen

          Das Milliarden-Spiel der NFL

          Zum Nachteil der Spieler : Das Milliarden-Spiel der NFL

          Die NFL verabschiedet einen neuen Tarifvertrag – doch die Profis profitieren am wenigsten vom boomenden Geschäft. Die Spielgewerkschaft steht in der Kritik. Ein Profi führt die Opposition gegen die Einigung an.

          Topmeldungen

          Mitglieder der chinesischen Führung verneigen sich am Samstag im Gedenken an die im Kampf gegen das Coronavirus Verstorbenen.

          Totengedenken in China : Die Ahnen per Livestream ehren

          Nach Wochen des Ausnahmezustands sehnen die Chinesen sich nach Normalität. Die Regierung lässt das aber nur streng dosiert zu – denn ihre Prioritäten sind andere: die Partei und die Wirtschaft.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.