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Morten Olsen : Es kann keinen Besseren geben

  • -Aktualisiert am

„Kreativität und Intuition ist gleich Freiheit, davon sind wir Dänen überzeugt“: Nationaltrainer Morten Olsen Bild: dapd

Morten Olsen ist seit 30 Jahren eine dänische Fußball-Institution. Für seine Spieler ist der Trainer der Lehrer ihres Vertrauens. Der Verband vertraut ihm grenzenlos. Doch andere Nationen buhlen um Olsens Dienste.

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          Wenn Morten Olsen über seine runden Brillengläser hinwegschaut, dann sieht er aus wie ein Oberstudienrat kurz vor der Pensionierung. Augen, die schon alles gesehen haben, jeden Schülerstreich schon in der Entstehung erkennen, den Ausgang jeder Lehrerkonferenz vorhersehen, jeden Spickversuch eines Pennälers enttarnen.

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Morten Olsen ist kein Oberstudienrat, sondern Fußballtrainer. Er will mit der dänischen Nationalmannschaft an diesem Sonntag (20.45 Uhr / Live im F.A.Z.-Ticker) nach dem Spiel gegen Deutschland ins Viertelfinale der Europameisterschaft einziehen. Aber für die Spieler stellt er so etwas dar wie einen Lehrer ihres Vertrauens, so wie ihn Robin Williams im Film „Der Club der toten Dichter“ gespielt hat.

          „Wir hängen an seinen Lippen, wenn er etwas zu uns sagt“, beschreibt Jungstar Christian Eriksen das Verhältnis. Ganz Dänemark ist davon überzeugt, dass sie keinen Besseren auf der Bank haben könnten, um sich über den großen Favoriten hinwegzusetzen, als den Dreiundsechzigjährigen.

          Eigentlich wollte Olsen nach dieser EM-Endrunde seinen Posten aufgeben, zwölf Jahre seien genug. Aber dann bestürmten ihn der Verband und die Spieler, sie nicht im Stich zu lassen. Als der Trainer im November 2011 zustimmte, den Vertrag bis für die WM 2014 zu verlängern, jubelte ganz Fußball-Dänemark.

          Mannschaftskapitän Thomas Sørensen sagte damals: „Das sind großartige Neuigkeiten für die Nationalmannschaft und für den dänischen Fußball. Als Team stehen wir im Moment sehr gut da. Es wäre sehr frustrierend gewesen, wenn diese Entwicklung unterbrochen worden wäre, und das wäre der Fall gewesen, wenn ein neuer Trainer gekommen wäre.“

          „Ich habe einen Job, in dem ich nicht jedem gefallen muss“

          Der Generalsekretär des Verbandes, Jim Stjerne Hansen, lässt keinen Zweifel daran, mit Olsen am liebsten noch länger zusammenzuarbeiten. „Wir haben besprochen, dass wir uns im November 2013 (nach Ende der WM-Qualifikation) zusammensetzen, um über die Zukunft zu sprechen. Aber wenn Sie mich jetzt fragen: Mortens Qualitäten, sein Engagement sind so phantastisch, dass wir gerne über diesen Zeitpunkt hinaus verlängern würden.“

          Hansen gab im dänischen EM-Trainingslager auch preis, dass auch andere Fußballnationen um Olsen buhlten: „Mit seinem Fachwissen und seiner Art, die Dinge anzupacken, hat er sich großen Respekt erarbeitet, nicht zuletzt international. Es gibt vier andere Nationen, die bei der EM teilnehmen, die ihn sehr gerne verpflichtet hätten.“

          Die Spielerkarriere nimmt relativ spät Fahrt auf

          Eine dänische Fußball-Institution ist Morten Olsen seit dreißig Jahren, in die Hall of Fame seines Landes wurde der 102-malige Nationalspieler 1998 aufgenommen. Seine Spielerkarriere nahm relativ spät so richtig Fahrt auf. Nachdem er längere Zeit wenig beachtet bei verschiedenen kleineren belgischen Klubs gespielt hatte, gelang ihm 1980 mit dem Wechsel zum RSC Anderlecht der Sprung zu einer damaligen europäischen Spitzenmannschaft.

          Olsen gewann 1983 den Uefa-Cup und war 1984 Mitglied der Nationalmannschaft, die bei der EM den Begriff „Danish Dynamite“ begründete. Mit ihm als spielgestaltenden Libero à la Beckenbauer zogen die Dänen bis ins Halbfinale ein, wo sie erst im Elfmeterschießen an Spanien scheiterten.

          Der Trainer und sein Star: Morten Olsen im Hintergrund, vorne Stürmer Nicklas Bendtner

          Frank Arnesen, damals Mitspieler und heute Sportdirektor des HSV, erzählte vor dem EM-Gruppenspiel gegen Portugal in Lemberg über alte Zeiten: „Morten ging bei der EM 1984 häufig ganz lange allein spazieren, weil er sagte, ich halte diese Kinder nicht mehr aus.“ Die Kinder, das waren die jungen Kollegen Arnesen, Elkjar Larsen oder Michael Laudrup, immer zu einem Spaß aufgelegt.

          Olsen dachte damals schon, mit 35, wie ein Trainer. „Und er wusste, dass sein Körper sein Kapital ist“, sagt Arnesen. Weil er ihn pflegte, konnte Olsen bis vierzig als Profi spielen, das war beim 1.FC Köln. Ihm hatte es in Deutschland wegen der verbreiteten professionellen Berufsauffassung besonders gut gefallen.

          „Kreativität und Intuition ist gleich Freiheit“

          Als seine Karriere als Profitrainer beim dänischen Spitzenklub Bröndby Kopenhagen begann, verwirrte er seine Landsleute. Sie dachten sich verhört zu haben, als Olsen den Trainingsbeginn auf acht Uhr morgens festsetzte. Als Trainer, der Wert auf harte Arbeit und Disziplin legt, gilt er immer noch.

          Doch zu extremen Maßnahmen neigt er nicht mehr, über die Jahre ist er milder geworden, was der ehemalige Nationalspieler als entscheidenden Punkt in Olsens Entwicklung als Trainer ansieht: „Davon hat Morten profitiert.“ Es scheint, Olsen hat sich mit der lockeren dänischen Lebensauffassung arrangiert. „Kreativität und Intuition ist gleich Freiheit, davon sind wir Dänen überzeugt.“

          Olsen und die drei Kollegen der Gruppe B bei der Auslosung

          Dem trägt er Rechnung, indem er seine Spieler in kein enges taktisches Konzept zwängt, ihnen individuelle Lösungsmöglichkeiten der Spielsituationen lässt. Aber er verteidigt auch seine Überzeugung: „Ohne Organisation gibt es keine Freiheit. Jeder muss Teamplayer sein, egal, wie gut er als Individuum ist.“

          Olsen vertritt seine Ansichten so überzeugend, aber auch menschlich, dass ihm die Spieler folgen, auch wenn der Trainer manchmal immer noch einen harten Kurs fährt. Auf Olsens Wunsch hin erteilte der dänische Verband den Spielern während der EM ein absolutes Twitter- und Facebook-Verbot.

          In Dänemark ist der Trainer der Star

          Das Murren einiger Spieler kommentierte der Trainer so: „In jedem Team gibt es ein oder zwei, die nicht mit Entscheidungen einverstanden sind. Aber ich habe einen Job, in dem ich nicht jedem gefallen muss.“ Und dennoch tut er es. Auch wenn sein Team an Deutschland scheitern würde, kratzte das nicht an seiner Reputation. In Dänemark ist nicht ein Spieler oder die ganze Mannschaft der Star, sondern der Trainer.

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