https://www.faz.net/-gtl-3pdm

Morgeninterview : Jan Ullrich: „Bin ganz unten - will ganz nach oben“

  • Aktualisiert am

Jan Ullrich: „Kleine Lebenskrise” Bild: dpa

Aus seiner Lebenskrise und der zu erwartenden Doping-Sperre will Jan Ullrich gestärkt herausgehen. „Ich bin ganz unten, ich will wieder ganz nach oben.“

          3 Min.

          Jan Ullrich erklärt in einer öffentlichen Pressekonferenz seinen positiven Dopingtest mit der Einnahme von Party-Pillen bei einer Kneipentour.

          Es war am Abend des 11. Juni, als der frühere Tour-de-France-Sieger aus Frust über seine Knieverletzung eine alkoholreiche Zechtour unternommen habe. Doping im eigentlichen Sinne sei es nicht gewesen: „Ich wollte mir keinen Vorteil verschaffen.“ Dennoch hätte Jan Ullrich seinen Arzt oder Apotheker fragen sollen, denn die eingenommenen Tabletten haben für ihn starke Nebenwirkungen.

          FAZ.NET hat die entscheidenden Fragen und Antworten aufgezeichnet.

          Jan Ullrich, stecken Sie in einer Lebenskrise?

          Für mich war es schon eine kleine Lebenskrise. Ich hatte nie gesundheitliche Probleme. Es ist meine erste große Verletzung. Und die dauert nun schon über ein halbes Jahr und wird nicht besser. Ich sehe kein Licht am Horizont. Da ist es doch menschlich, dass man mal um die Häuser zieht und ein Ventil sucht.

          Haben Sie früher schon Tabletten genommen?

          Nein. Ich war öfters weg. Habe auch öfters mal was getrunken. Daraus resultiert natürlich auch der Unfall in Freiburg. Aber ich habe kein Alkohol- oder Drogenproblem. Und Tabletten habe ich überhaupt noch nie genommen.

          War es das erste und einzige Mal?

          Ja. Es war das erste und einzige Mal.

          Welche Tabletten waren das, und vom wem haben Sie die bekommen?

          Das kann ich gar nicht mehr genau sagen. Ich hatte was getrunken und das will ich auch gar nicht wegleugnen. Ich war den Abend ziemlich mies drauf. Ich als Sportler, der gewohnt ist, draußen zu trainieren, musste einfach mal raus. Das waren zwei Tabletten, von denen mir bestätigt wurde, dass das nichts Schlimmes ist. Und dass das mir hilft und dass das eigentlich harmloses Zeug ist.

          Sie haben die Pillen ohne Gedanken genommen?

          Ich in meiner Dummheit habe die Dinger halt geschluckt. Das ist mir auch unbegreiflich. Ich achte eigentlich immer auf meine Trinkflaschen, dass ich nur aus der eigenen trinke, und mir keiner was reintun kann. Vielleicht war es auch deswegen, weil ich gedacht habe, ich bin eh' nicht im Training. Da ist nichts Verbotenes drin. Ich betrüge keinen, sowieso nicht. Ich war am meisten geschockt, als die Kontrolle ergeben hat, dass ich eine positive A-Probe habe.

          Waren das Ecstasy-Tabletten?

          Ecstasy? Ich weiß gar nicht, wie die aussehen. Es hat auch keiner gesagt: 'Zieh Dir Ecstasy-Pillen rein'. Ich habe mir die Tabletten schön reden lassen. 'Wenn man Alkohol trinkt, hilft Dir das gegen Depressionen' hat man mir gesagt.

          Haben Sie von den Tabletten etwas gemerkt?

          Ich habe überhaupt nichts gemerkt. Deswegen habe ich auch die Kontrollen ganz normal durchgezogen. Ich hätte auch sagen können, ich mache keine Kontrollen. Aber ich hatte nicht gedacht, ich hätte was Verbotenes gemacht.

          Abends die Pille, morgens die Kontrolle. Dachten Sie an eine Verschwörungstheorie?

          Es ist schwer zu beweisen. Es gab Leute, die ich kenne, die dabei waren, aber auch Unbekannte. Ich möchte keinen Unschuldigen da mit reinziehen. Das nehme ich allein auf meine Kappe.

          Haben Sie die falschen Freunde?

          Es war für mich sehr schwer, auszusortieren. Ich habe gute Freunde, aber auch Schulterklopfer. Ich werde nun mein Leben überdenken und einen Schnitt machen.

          Welche Rolle spielt Ihre Freundin?

          Es ist ganz wichtig in dieser schweren Zeit, dass meine Freundin zu mir steht. Hut ab, dass Gaby zu mir steht, wirklich zu mir steht, und auch in dieser Situation stark ist, da kann ich mich nur bedanken.

          Warum kam die positive A-Probe so kurz vor der Tour raus?

          Ich habe keine Ahnung. Ich wäre gerne selber an die Öffentlichkeit gegangen. In meinem Fall kommt eben immer alles raus. Es wussten nicht viele Leute. Aber irgendwo muss halt einer geredet haben. Ich bin eine Person aus Glas.

          Mit welchen Konsequenzen, welcher Sperre rechnen Sie?

          Ich habe mich noch nicht erkundigt. Es ist jetzt auch eigentlich egal. Für mich ist es kein Betrug, da ich keinen Gegner betrogen habe. Es war für mich auch kein Doping, sondern nur ein Riesenochsenfehler.

          Aber der Imageschaden ist schon da?

          Ich weiß nicht, ob's einen Imageschaden gibt. Es ist ja nicht aus der sportlichen Aktivität entstanden.

          Wie sehen Sie Ihre persönliche Lage?

          Ich hatte ja nun schon ein paar Tage Zeit zum Überlegen. Aber ich brauche noch mehr Abstand. Für mich ist das der absolute Horror. Ich werde erst mal mit meiner Freundin wegfahren.

          Gibt es Unterstützung vom Team Telekom?

          Ich hatte Kontakt. Die Freunde aus dem Team haben angerufen. Sie haben mich irgendwo verstanden. Natürlich verzeiht mir das keiner und sie sagen alle das gleiche. Es war eine totale Dummheit, die einem Jan Ullrich nicht passieren darf.

          Laufen Ihre Verträge noch?

          Ich bin nicht rausgeschmissen worden, sondern ich bin - absolut gerechtfertigt - beurlaubt. Jetzt müssen wir erst Mal abwarten, was entschieden wird, dann können wir weiterreden. Ich muss jetzt auch den Leuten, die in der Verantwortung stehen, zeigen, dass ich überhaupt will, dass ich aus diesem Ding gestärkt rauskomme, dass ich mein Leben umstelle und auch wirklich gut Rad fahren will. Mein Ziel ist, wieder zu kommen, und Erfolge zu feiern. So kann ich meine Karriere nicht beenden.

          Haben Sie einen aktuellen Zeitplan?

          Ich muss jetzt noch ein halbes Jahr aussetzen, wegen meines Knies sowieso. Jetzt hoffe ich und setze alles dran, dass mein Knie wieder heil wird. Es gibt ja auch ein Leben nach dem Sport, da brauche ich mein Knie. Es muss heil werden. Ich will aus dieser beschissenen Sache noch was Gutes herausholen. Jetzt bin ich ganz unten, ich will wieder nach oben.

          Werden Sie sich die Tour de France ansehen?

          Es ist immer schwer, nicht dabei zu sein. Ich wollte in diesem Jahr die Tour gewinnen. Die schaue ich mir nicht im Fernsehen an. Wenn andere fleißig radeln und sich bewegen dürfen, das tu ich mir nicht an.

          Weitere Themen

          WTA setzt Turniere in China aus Video-Seite öffnen

          Peng Shuai : WTA setzt Turniere in China aus

          Die ehemalige Doppel-Weltranglistenerste hatte einem führenden chinesischen Funktionär sexuelle Nötigung vorgeworfen. Nachdem sie drei Wochen als verschwunden galt, taucht sie latu Videos staatlicher Medien wieder auf Veranstaltungen auf.

          Topmeldungen

                        Zuhause bedrängt:  Sachsens Gesundheitsministerin Petra Köpping

          Vor Haus von Petra Köpping : Aufmarsch mit brennenden Fackeln

          In Sachsen belagern zwei Dutzend radikale Maßnahmen-Gegner das Privathaus von Gesundheitsministerin Petra Köpping. Der Verfassungsschutz beobachtet die „Querdenker“-Szene im Land zunehmend mit Sorge.
          Damals, im April, die erste Sitzung des Ausschusses im Großen Festsaal im Rathaus von Hamburg

          Cum-ex-Affäre : Staatsanwältin kritisiert Hamburger Behörden

          Im Untersuchungsausschuss zur Cum-ex-Affäre zeigt eine Staatsanwältin wenig Verständnis für das Verhalten der Hamburger Behörden. Eine Frage wird immer dringlicher: Gab es eine politische Einflussnahme?
          Bild der Geschlossenheit: Auch die unterlegenen Präsidentschaftsanwärter versammeln sich nach der Vorwahl der bürgerlichen Rechten um die Siegerin Valérie Pécresse.

          Pécresse tritt gegen Macron an : Eine Präsidentin für Frankreich?

          Zum ersten Mal zieht die bürgerliche Rechte mit einer Frau in den französischen Präsidentenwahlkampf. Valérie Pécresse, die als Vorbilder Angela Merkel und Margaret Thatcher nennt, ist oft unterschätzt worden.