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Montreal Canadiens : Das Ende einer märchenhaften Reise in die Vergangenheit

  • -Aktualisiert am

Jubel bei den Carolina Hurricanes: Das Ende der Wiederauferstekung der Montreal Canadiens Bild: AP

Trotz des Aus in den NHL-Playoffs haben die Montreal Canadiens nach Jahren der Enttäuschungen an glorreiche Tage angeknüpft.

          3 Min.

          Ein wenig erinnert diese Stadt an das Asterix-Comic „Der große Graben". St. Laurent heißt dieser Graben. Das ist die Straße, die den englischsprachigen Westteil Montreals vom Französisch parlierenden Osten trennt, also jenem Bevölkerungsteil, der sich lieber heute als morgen von Rest-Kanada separieren möchte. Ein seit 1763 historisch gewachsener Konflikt.

          Nach den Kriegen um die Kolonien des 18. Jahrhunderts mussten die Franzosen ihr „Neufrankreich", die heutige Provinz Quebec, an die englische Krone abtreten. Das haben sie bis heute nicht überwunden. Und doch: Bei allem was trennt: In den letzten Wochen dominierte die Gemeinsamkeit. Eine Gemeinsamkeit, die rote Hosen und ein weißes Trikot mit einem großen roten Hufeisen symbolisierte: das Eishockey-Team der Montreal Canadiens.

          Stellenwert wie Real Madrid und die New York Yankees

          So erdrückend die Tradition des 1909 gegründeten, berühmtesten Eishockey- Clubs der Welt ist, dessen Ruhm höchstens mit dem Baseball-Team der New York Yankees oder den Fußballern von Reals Madrid oder Manchester United zu vergleichen ist. so deprimierend war die jüngste Vergangenheit.

          24 mal gewannen die Canadiens den Stanley- Cup. Mit weitem Abstand Rekord. Aber seit dem letzten Triumph 1993 gegen die Los Angeles Kings sind nicht nur neun Jahre vergangen. Seither kam das Team aus der kanadischen Metropole nur einmal in die zweite Playoff-Runde. In den letzten drei Jahren verpasste es die Endrunde sogar gänzlich.

          Nachteil Kanadischer Dollar

          Eine unrühmliche Rolle spielte dabei das Management, das bei einigen Spieler- Transfers der Verpflichtung von Talenten zum Teil total daneben lag. Aber auch der schwache kanadische Dollar trug seinen Teil dazu bei bei, dass mehr gute Spieler den Klub verließen, als dazu kamen. Stars lassen sich in US- Dollars bezahlen. Eingenommen wird in kanadischen. Das macht den Spaß sehr teuer.

          Vor diesem Hintergrund hatten sich die Eishockey- Fans in Montreal auf eine weitere Saison eingestellt, die nach 82 Vorrunden- Spielen vorüber sein würde. Vor allem nach dem großen Schock des Spätsommers, als bei Kapitän Sakku Koivu Magenkrebs diagnostiziert wurde. Ohne den besten Stürmer. Wie sollte das gut gehen?

          Krebskranker und Handverletzter schießen die Tore

          Indem das Team für ihn mitspielte. Sein Platz in der Kabine wurde freigehalten, Koivu war nach Ende der Chemotherapie häufig bei den Kameraden. Und weil die Behandlung anschlug, konnte er kurz vor Ende der Vorrunde wieder trainieren und sogar mitspielen. Ein psychologischer Kick für den kleinen Finnen, für das Team, das Umfeld und die Stadt. Jetzt sind Canadiens auf einer märchenhaften Reise in die Vergangenheit ihrer Erfolge.

          In der ersten Play- Off Runde schlugen sie das beste Team des Ostens, die Boston Bruins. Siegreich durch die Vorlagen von Sakku Koivu und die Tore von Donald Audette. Auch dessen Genesung ist ein kleines Wunder. Im Lauf der Saison hatte ihm eine Kufe mehrere Sehnen der rechten Hand abgetrennt. Es drohte sogar eine Amputation. Jetzt spielt er, als hätte er drei Hände.

          Vorteil in den Play Offs verspielt

          „Dieser Klub hat eine so große Geschichte" , sagt er, „für diese Tradition muss man leben." Eine Tradition zu der großartige Siege ebenso gehören, wie tragische Niederlagen. So führten die Candiens in der best-of-seven- Serie gegen Carolina mit 2:1 Siegen und im vierten Spiel mit 3:0, als das Unheil seinen Lauf nahm.

          Trainer Michel Therrien reklamierte so laut bei den Schiedsrichtern über eine Strafe, dass sein Team noch eine und das erste Gegentor kassierte. Der Wendepunkt in der Serie. Das Spiel ging in der Verlängerung verloren, ebenso die beiden nächsten. Das Wunder Montreal war damit letzte Nacht zuende.

          Im Training mehr Zuschauer als bei Baseball- Spiel

          Trotzdem ist Montreal wieder eine einige, stolze Stadt. Die Habs, eine Abkürzung für "Les Habitants" (französisch für "die Einwohner"), sind konkurrenzlos. Zwar spielt das Baseball- Team, die Expos, bisher eine überragende Saison in der National League East. Aber oft sind beim Training der Canadiens mehr Zuschauer als beim Baseball.

          Die Spiele im lange Zeit ungeliebten Molson Center, dem Nachfolger des legendären Montreal Forums waren lange im voraus mit 21.273 Menschen ausverkauft. Viele "Quebecois" pilgerten bei den Spielen trotzdem zur Halle. Nur um ein wenig von der Ausstrahlung des Events mit zu bekommen. "Es sieht so aus, als würden sich nach drei Jahren jetzt alle mit der neuen Halle wohl fühlen", berichtet Sakku Koivu. "So ein Gefühl habe ich noch nie erlebt."

          Ausschreitungen und Trauer wegen "Rocket" Richard

          Es gibt im englischen den Ausdruck "Die Hard" Fan. Er beschreibt die Fans, die ihr Leben auf einen Klub ausrichten, deren Wohlergehen von dem der Mannschaft abhängt. So gesehen ist Montreal eine "Die Hard"- Stadt. Nirgendwo sonst auf der Welt hat die Sperre eines Spielers bürgerkriegsähnliche Ausschreitungen hervorgerufen, wie 1955, als der legendäre Rechtsaußen Maurice "Rocket" Richard wegen einer Schlägerei auf dem Eis suspendiert wurde. Jener Richard, dessen Leichnam vor zwei Jahren eine Woche lang öffentlich aufgebahrt wurde, damit Montreal von ihm Abschied nehmen konnte.

          In stillen Momenten wie diesen ist ebenso wie im Überschwang des Erfolges vom großen Graben nichts zu spüren. Dann zählt nur eines. Die Magnetkraft des roten Hufeisens zieht alle an, ob sie englisch oder französisch sprechen. Und der Boulevard St. Laurent ist der Mittelpunkt. Nicht die Grenze.

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