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Moment mal!

31.12.2018 · Vom blamablen WM-Aus der deutschen Kicker mal abgesehen: Es war ein großartiges Sportjahr! Und das waren die wunderbarsten Augenblicke:

Ein Blockbuster

15.2.2018, GANGNEUNG
Dank Savchenko/Massot entdeckt Deutschland das Eiskunstlaufen wieder
Von CHRISTOPH BECKER

Foto Picture Alliance

N ichts im Sport ist schöner als ein Comeback, klar. Schlag nach unter R, R wie Rocky Balboa. Ein großes Comeback schmeckt nach Hollywood. Nicht immer, schon weil Hollywood mit vielen, sehr vielen Sportarten auf dieser Welt wenig, sehr wenig anfangen kann. Beim Eiskunstlaufen ist das anders. Hinter den Kulissen geht es zu wie beim Boxen, und auf dem Eis ist immer Hollywood. Oder Operette. Und manchmal große Oper. Das Problem ist nur: Deutschland kann mit dem Eiskunstlaufen nicht mehr so viel anfangen. Eine Sportart, so aktuell wie ein Hans-Moser-Film. Gangneung am Ostmeer, wie die Koreaner sagen, ist weit weg von Hollywood, von Hans Moser haben hier die wenigsten je gehört. Und dann laufen Aljona Savchenko und Bruno Massot hier ein übles Kurzprogramm am Mittwoch, dem 14. Februar. Zweifach-Salchow statt Dreifach, Platz vier, der Olympiasieg, das Ziel, Aljona Savchenkos sportlicher Gral, schon wieder so weit weg wie Hollywood. Und dann, einen Tag später – diese Kür. Das Comeback. Gold. Für Deutschland. Klar, weil die Emotionen zu Hause im Frühstücksprogramm laufen, als wäre es ein Blockbuster. Die Kür, das Schluchzen, die Tränen, plötzlich sind alle aus dem Häuschen. Hast du das gesehen? So schön. Eiskunstlaufen, wo warst du all die Jahre? Daheim, vor dem Fernseher, entdecken die Zuschauer für einen kurzen Moment eine Sportart wieder. Und in Gangneung gewinnen Aljona Savchenko aus der Ukraine und Bruno Massot aus Frankreich Gold für Deutschland? Savchenko hatte es mit Robin Szolkowy probiert und mit Ingo Steuer, dem Trainer mit der Stasi-Vergangenheit. Nichts wurde es mit Olympia-Gold. Der Hintergrund dieser Sport-Geschichte ist sehr deutsch. Aber in Gangneung am Ostmeer war die Flagge fast egal. Was zählte, waren die Emotionen. Weil sich mit den Tränen ein Knoten auflöste, in ein bisschen Leichtigkeit, wo vier Jahre zuvor noch so viel Enttäuschung war. Im Eiskunstlaufen lassen sich mit Härte und Disziplin Medaillen am Fließband produzieren, vor allem in Russland. Alexander König, der Trainer aus Berlin, hatte es bei Savchenko und Massot mit Freiraum und Kreativität probiert. Als Aljona Savchenko und Bruno Massot auf dem Eis liegen, stehen russische Journalisten auf und applaudieren.

Ski-Komödie

17.2.2018, JEONGSEON
Erster Ledecká bringt die alpin-Szene durcheinander
Von ACHIM DREIS

Foto AP

D er Dialog erinnert an eine Komödie mit Louis de Funès: „Du hast gewonnen.“ – „Nein“ – „Doch“ – Ohh!“ Es ist der Kameramann, der die frohe Botschaft übermittelt, und die Olympiasiegerin, die es nicht glauben mag: Ester Ledecká, eine Tschechin, die als Snowboarderin gilt, schon Weltmeisterin auf einem Brett war, aber auch auf zwei Brettern rasant zu fahren weiß. Die 22-Jährige geht mit Startnummer 26 in den alpinen Super-G. Im Zielraum sonnen sich die Besten der Welt schon im Glanze ihrer scheinbar erfüllten Träume. Anna Veith, Olympiasiegerin von Sotschi, liegt wieder auf Goldkurs – und das nach einem Kreuzband- riss. Tina Weirather und Lara Gut komplettieren das Podium. Siegerinterviews werden geführt, eine erste Agenturmeldung verschickt. Dann kommt Ester Ledecká. Ihr Opa hatte einst Medaillen im Eishockey gewonnen, ihre Mutter war Eiskunstläuferin. Ihr Vater ist ein bekannter Popmusiker, der das rasante Leben auf der Kante seiner multibegabten Tochter mitfinanziert, weil der Verband es sich nicht leisten kann oder will. Bei der zweiten Zwischenzeit verstummt das muntere Treiben im Zielraum, alle schauen gebannt nach oben: Ledecká liegt 0,18 Sekunden vorne, zeigt eine fulminante Fahrt. Bei der dritten Zwischenzeit sind es noch 0,04. Ins Ziel rettet sie eine Hundertstel: Gold! Anna Veith fasst sich an die Nase und lächelt. Lara Gut fängt an zu weinen. Alle andere gestikulieren und reden wild durcheinander. Nur die Hauptfigur macht – nichts. Bis der Kameramann sie aufweckt. Eine Woche später wird Ester Ledecká auch Olympiasiegerin mit dem Snowboard.

Auf und davon

19.5.2018, BERLIN
Mijat Gacinovic und der Lauf seines Lebens
Von MARC HEINRICH

Foto dpa

I n der letzten Minute des 75. Endspiels um den DFB-Pokal verdichtete sich die Dramatik zu einem unvergesslichen Fußballmoment. Die Bayern drängten im Angesicht der drohenden Niederlage gegen die Frankfurter Underdogs auf den Ausgleich. Schiedsrichter Felix Zwayer hatte nach einem Foul von Kevin-Prince Boateng an Javi Martínez die Fernsehbilder am Spielfeldrand studiert – und danach trotzdem nur Eckstoß und nicht Elfmeter angezeigt. Der Münchner Keeper Sven Ulreich rückte in der Nachspielzeit mit auf. Joshua Kimmich brachte den Ball halbhoch in den Strafraum. Verteidiger Jetro Willems klärte per Kopf und brachte so Mijat Gacinovic entscheidend ins Spiel. Mit schnellen Schritten war der Serbe als Erster an der Kugel und zog im Mittelfeld auch an Kingsley Coman vorbei, der halbherzig attackierte. 70 Meter vor dem verwaisten Tor des Favoriten setzte Gacinovic dann zu einem Sprint an, der ihm einen Ehrenplatz im Eintracht-Geschichtsbuch sicherte. Die Aktion sah leichter aus, als sie war. „Mijat durfte sich nicht einholen lassen, den Ball nicht liegenlassen oder stolpern“, beschrieb Marco Russ hinterher seine Furcht. Sie war unbegründet. Im Olympiastadion schwoll die Atmosphäre zu einem Gänsehaut-Sound an. 74322 Menschen wussten: Behält Gacinovic die Nerven, sind die Frankfurter am Ziel. Die komplette Belegschaft der Auswechselbank der Eintracht lief an der Seite mit und riss die Arme in die Höhe, als der Serbe Nationalverteidiger Mats Hummels leichtfüßig abschüttelte und der Weg ins Glück frei war – aus 17 Metern schob er den Ball zum 3:1 über die Linie. Gacinovic rannte danach weiter: Er sprang in vollem Tempo über eine Werbebande, riss sich vor der Frankfurter Fankurve das Trikot vom Leib, ehe ihn die Kollegen einholten und das schmächtige Leichtgewicht in einer Eintracht-Jubeltraube verschwand: Der Kleinste war ihr Größter.

Maske vom Gesicht gerissen

17.6.2018, MOSKAU
Nur ein Automatismus greift: der des Lamentierens
Von CHRISTIAN KAMP

Foto dpa

E in eher heimlicher Star dieser WM: das Hotel Saljut, erbaut für Olympia 1980, 1090 Zimmer, 8 Restaurants, darunter ein usbekisches, von dem es heißt, dass dort auch Tabledance geboten wird. Lebendig ist sie auch so, diese kleine Stadt in der Stadt, etwa auf halbem Weg zwischen Rotem Platz und Watutinki (die eine Weghälfte wird sich bald erübrigt haben): Mal kommen Busladungen koreanischer Fans, mal sind es Kolumbianer, vier Isländer waren tagelang mit ihrem Geländewagen unterwegs. Am Morgen des 17. Juni ist das Saljut in mexikanischer Hand. Es ist ja überhaupt so, dass Europa bei dieser WM atmosphärisch eine Nebenrolle spielt. Der Sound auf den Straßen kommt aus Süd- und Mittelamerika. Auch im Luschniki-Stadion: Eine Wucht, als wäre es schon das Halbfinale – in Mexiko-Stadt. Die Nummer eins der Welt sind wir? Nicht auf den Tribünen, wo der Fanclub Nationalmannschaft mit seinen Winkelementen wie eine Behörde auf Betriebsausflug wirkt. Und nicht auf dem Rasen, wo bei den Deutschen nur ein Automatismus greift: der des Lamentierens. Das Tor von Lozano nach 35 Minuten ist der Moment, in dem Team und Trainer die Maske vom Gesicht gerissen wird. Aus in der Vorrunde? „Uns wird es nicht passieren“, sagt eine Stimme von ganz weit oben, es ist Joachim Löw. Der Ton für diese WM ist gesetzt. Im Saljut an der Bar bedeutet das: Musik, Mariachi-Style.

Himmel hilft

22.7.2018, HOCKENHEIM
Hamilton findet immer den rechten Weg
Von ANNO HECKER

Foto dpa

L ewis Hamilton schwärmt von seiner Qualifikationsrunde in Singapur, wenn er nach dem Moment des Jahres gefragt wird. Wie sich so ein Formel-1-Star nur täuschen kann. Es war der Kniefall von Hockenheim, wie ein Stillleben: ein Star im Rennoverall, vor seinem Boliden hockend, den Kopf unter dem Helm auf dem Cockpit abgestützt. Der Silberpfeil wollte nicht mehr. Hamilton hatte ihn noch geschoben vor lauter Verzweiflung. Da half nichts mehr im Kampf um die Pole Position. Nur noch beten? Hamilton betet häufig, sagt er. Den Eindruck von einer himmlischen Hilfe zu seinem Glück hat er nicht erschüttert. Angesichts des Regens einen Tag später sprach er von einem „biblischen Sturm“, der den führenden Vettel beim Großen Preis von Deutschland in einer harmlosen Kurve von der Piste und ihn von Startplatz 14 zum Sieg spülte. Als der Rennleiter das Sicherheitsfahrzeug auf die Strecke schickte, weil der Ferrari des Rivalen geborgen werden musste, sollte Hamilton flugs zum Reifenwechsel abbiegen. In der Boxeneinfahrt entschied er sich gegen den Willen des Teams, kreuzte die Fahrbahn, siegte deshalb, nahm Vettel die Führung in der Fahrerwertung ab und gab sie nicht mehr her. Gott denkt, der Mensch lenkt? „Pures Glück“, sagte ein Teammitglied nüchtern. Schon wieder. Wie kaum ein Zweiter ist Hamilton mit einem Talent gesegnet, den rechten Weg zu finden.

König Arthur

8.8.2018, BERLIN
Zehnkämpfer Abele krönt seine schwierige Karriere
Von ACHIM DREIS

Foto Picture-Alliance

Z wölf Schlachten soll die populäre Mythengestalt aus Britannien der Legende nach siegreich geschlagen haben. Dem sportlichen Nachfolger des sagenhaften König Arthur reichten zehn Disziplinen, um in den Adelsstand gehoben zu werden. Allerdings brauchte Arthur Abele, der blonde Schwabe mit der ritterlichen Attitüde, auch einigen Anlauf, bis er es zum „König der Athleten“ geschafft hatte. Erst mit 32 Jahren wurde er bei der EM in Berlin gekrönt. Die Pappkrone, die ihm das Maskottchen Berlino im Getümmel nach dem abschließenden 1500-Meter-Lauf aufgesetzt hatte, nahm der älteste Zehnkampf-Europameister der Geschichte dann an diesem Abend nicht mehr ab. Sie war das sichtbare Zeichen, dass sich sein Durchhalten gelohnt hatte. Früh schon hatte Abele als kommender Siegertyp gegolten. Doch wie nur wenige musste er immer wieder Rückschläge überwinden. Ein Achillessehnenriss war der Tiefpunkt. Eine Gesichtslähmung behinderte ihn noch im Frühjahr seines größten Triumphs. Doch Abele wollte sich vom Schicksal nicht in die Knie zwingen lassen. Er ist nicht nur ein Kraftpaket, sondern auch ein sturer Kerl. Den Titelgewinn im Spätherbst seiner Karriere nahm er nun als Bestätigung dafür, dass es richtig war weiterzumachen. „Nie aufzugeben, wenn man einen Traum hat“, sagte er: „Das ist die Message!“

Volltreffer

18.11.2018, LONDON
Alexander Zverev glückt der erste ganz große Triumph
Von PETER HESS

Foto AFP

W enn Alexander Zverev irgendwann einmal seinen Enkeln am Kamin von seinen sportlichen Abenteuern erzählt, dann wird er ziemlich sicher auf das ATP-Finale am 18. November 2018 in London zu sprechen kommen. Dem Ort seines ersten ganz großen Triumphes. Und höchstwahrscheinlich wird der 21 Jahre alte Hamburger Tennisprofi den Ballwechsel erwähnen, der den Weg zur Siegertrophäe frei machte. Der Ballwechsel, der seinen großen Finalgegner Novak Djokovic entnervte. 28 Mal war im dritten Spiel des zweiten Satzes der Ball über das Netz geflogen, dann ging der Serbe nach seinem Vorhandfehler buchstäblich in die Knie. Er hatte am Ende eines langen Tennisjahres, in dem er wieder die Position eins der Weltrangliste eroberte, das Letzte aus sich herausgekitzelt – im Laufe des Ballwechsels Zverev über den Platz gejagt, so wie es seine Art ist, mit präzise gesetzten Bällen. Aber der Deutsche hatte auf jede Herausforderung eine Antwort – bis Djokovic dann der entscheidende Fehler unterlief. Danach ging es sehr schnell, bis Zverev das 6:4, 6:3 festgezurrt hatte und im Anschluss daran sehr liebenswürdige Worte vom Serben zu hören bekam. Es sei keine Frage, dass der Deutsche ein Grand-Slam-Turnier gewinnen werde, die Frage sei nur, wann. Djokovic muss es wissen, er hat schließlich die beiden letzten Grand Slams gewonnen – und wurde in London – trotz seiner Topform – von Zverev mit seinen eigenen Waffen geschlagen.

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 31.12.2018 12:21 Uhr