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Zwischenruf : Spiel, Satz, Schwärmerei

Erinnerung im Halbdunkel: Rafael Nadal nach dem „größten Wimbledon-Finale aller Zeiten” Bild: dpa

Die angeberische Formulierung vom „größten Wimbledon-Finale aller Zeiten“ geht uns noch nach. Denn die Erinnerung an famose Spiele kocht sich stets ihr eigenes Süppchen. Mit John McEnroe, Onkel Jürgen und Schnellingers Fluggrätsche.

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          Das mit dem „größten Wimbledon-Finale aller Zeiten“ geht uns noch nach, nicht nur das Match, auch die angeberische Formulierung, als läge ein Verdienst darin, diesen beiden Finalisten zugesehen zu haben. Selbst wenn das Wort von John McEnroe stammt, der es wissen müsste, etwas sträubt sich dagegen, das Endspiel des Jahres 2008 über all die anderen großen Finals in der Wimbledon-Geschichte zu setzen.

          Paul Ingendaay
          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Es ist, als forderte jedes spannende letzte Tennisduell, das über fünf Sätze geht und die Kontrahenten durch ein Wechselbad der Stimmungen jagt, sein besonderes Recht auf einen Platz in der Geschichte. Auf die Ziffern kommt es dabei am allerwenigsten an, auch nicht auf die reine Spieldauer. Oder weiß irgend jemand, was die Satzfolge 6:7, 6:4, 6:4, 1:6, 6:4 bedeutet? Richtig, das war Agassi gegen Ivanisevic, Wimbledon 1992. Oder wie wäre es mit 1:6, 7:5, 6:3, 6:7 (16:18), 8:6? Auch ein Wahnsinnsfinale, nämlich Borg gegen McEnroe 1980.

          Und die Sommer waren immer heiß

          Nein, die Erinnerung kocht sich aus den großen Sportereignissen ihr eigenes Süppchen und tut jeweils hinzu, was ihr passt, die Umstände, das eigene Lebensalter und jede Menge Stimmungen. Für den Großteil der Menschheit außer John McEnroe sind diese Momente ja Fernseherinnerungen, und so wie der eine noch weiß, dass bei Johan Neeskens’ Elfmeter in der ersten Spielminute des WM-Finales 1974 gerade Onkel Jürgen zu Besuch war und ausgerechnet zum Anpfiff sein nächstes Bier forderte, so erinnert sich der andere daran, dass Großmutters Herz nach Gerd Müllers Siegtor ein paar Schläge zu viel tat und man sich im Wohnzimmer gar nicht so ausgelassen freuen durfte, wie man gern gewollt hätte.

          Der Wimbledon-Rasen sah übrigens damals viel abgespielter aus als heute. Und die Sommer waren immer heiß. Und vier, fünf Stunden vor der Glotze waren sicher nicht leichter als heute.

          Ein vergeigtes Halbfinale wurde zum Mythos

          Spulen wir den Film noch etwas weiter zurück. Das legendäre 3:4 gegen Italien bei der WM 1970 in Mexiko konnten wir nicht sehen. Haben wir als Kinder nicht auf die Programmzeiten geachtet? Oder hatten die Eltern etwas dagegen? Und warum? Und wo waren sie selbst, wenn nicht vor dem Fernseher? Das frage ich mich noch heute. Statt der Fernseherinnerung an das legendäre Halbfinale habe ich davon also nur den Spielbericht der „Kölnischen Rundschau“ und das Foto von Schnellingers Fluggrätsche zum 1:1.

          Das Spiel des Jahrhunderts? Aber klar! Die Legenden darum, die Torfolge, die magische Wirkung der Formel „Italien gegen Deutschland“ reichen vollkommen aus, ein vergeigtes Halbfinale in einen Mythos zu verwandeln. Als ich es mir aber vor Jahren einmal im Fernsehen ansah, weckte es keine Emotionen. Es ist ein für allemal zu spät. Ich war nicht dabei, als es live gesendet wurde.

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