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Zehnkämpfer Damian Warner : Die Kunst der zweiten Chance

  • -Aktualisiert am

Gut gebrüllt in Götzis: Damian Warner führt zur Halbzeit beim Meeting der Zehnkämpfer. Bild: Picture-Alliance

Nach dem unerwünschten „Neunkampf-Weltrekord“ des Vorjahres zeigt sich Damian Warner diesmal zielorientiert. Auch Vorjahressieger Kai Kazmirek liegt gut im Wettbewerb. Drei weitere Deutsche setzen ihren Zehnkampf dagegen in den Sand.

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          Sein großes Ziel erreichte der favorisierte Damian Warner beim Zehnkampf-Meeting in Götzis schon im ersten Versuch der dritten Disziplin. Es war exakt 14.34 Uhr am Samstag, als es der Kanadier schaffte, beim Kugelstoßen den vorgeschriebenen Sektor zu treffen. „I hope, I got the shot put in“, hatte der Modellathlet bei der Vorstellung am Abend zuvor als sein Wettkampf-Motto angekündigt – und mit seinen blendend weißen Zähnen gewinnend ins Publikum gestrahlt.

          Witze auf eigene Kosten muss man sich leisten können. Der Kanadier konnte es und auch seine Weite war vorzeigbar, als es drauf ankam: 14,64 Meter – persönliche Bestleistung für den Mann mit dem roten Startnummer, die den „Leader“ im Feld ausweist. Im Vorjahr hatte Warner es an gleicher Stelle fertiggebracht, die 7,26 Kilogramm schwere Eisenkugel drei Mal nacheinander rechts heraus zu stoßen, und sich damit aller Siegchancen beraubt. Null Punkte, der schlimmste anzunehmende Unfall für einen Zehnkämpfer, ein „salto nullo“, wie sie sagen.

          In diesem Jahr eiferten dem Kanadier gleich drei Deutsche mit Olympia-Ambitionen unfreiwillig nach. Jan Felix Knobel, Rico Freimuth und Arthur Abele setzten nacheinander ihre Wettkämpfe in den Sand. Knobel und Freimuth schafften es bei ihren jeweils drei Weitsprung-Versuchen nicht, ein einziges Mal den Balken gültig zu treffen. Abele dagegen zeigte zwar einen hervorragenden Weitsprung mit persönlicher Bestmarke von 7,57 Meter, trat dann aber im Kugelstoßen dreimal auf den Balken oder fiel sogar drüber hinweg. Ein tragisches Bild bei seinem bis dahin vielversprechenden Comeback nach einem Achillessehnenriss. „Salto Nullo“ im Dreierpack, die deutsche Serie in Vorarlberg muss man auch erst mal hinbekommen. Alle drei gaben danach ihren Wettkampf auf, für das Nullo-Trio wird das Mehrkampf-Meeting Ende Juni in Ratingen zum alles entscheidenden Ausscheidungs-Wettbewerb Richtung Rio de Janeiro.

          Auf Kurs blieb dagegen Kai Kazmirek. Der Vorjahressieger aus Neuwied zeigte einen sehr guten Start mit persönlicher Bestzeit über 100 Meter (10,62) und absolvierte auch anschließend einen sehr guten Wettkampf: Nach 7,45 Meter im Weitsprung, 14,05 mit der Kugel und 2,06 im Hochsprung lieferte er im abschießenden 400-Meter-Lauf ein fantastisches Finale und gewann in 47,01 Sekunden. Nach fünf Disziplinen liegt er mit 4417 Punkten nur knapp hinter Warner (4424) auf Rang zwei. Dritter ist überraschend der Amerikaner Jeremy Taiwo (4373). Der junge Tim Nowak rangiert mit 3912 Punkten auf Rang 21 – und ist dank der Missgeschicke seiner drei Team-Kollegen plötzlich zweitbester Deutscher im Feld.

          Nur fliegen ist schöner: Kai Kazmirek liegt zur Halbzeit in Götzis auf Platz zwei.

          Wie man noch das Beste aus einer misslichen Situation macht, zeigte Damian Warner im vergangenen Jahr – nämlich einfach weiter, als wäre nichts geschehen. Er stellte mit 7893 Punkten sogar einen inoffiziellen Weltrekord im Neunkampf auf und belegte insgesamt noch den 14. Platz. Danach ging er gestärkt aus dem vermeintlichen Debakel hervor und gewann bei der WM in Peking Silber mit 8695 Punkten. Dass aus Scheitern durchaus großes Hervorwachsen kann, zeigte auch sein Vorgänger als „Neunkampf-Bester“: Der Amerikaner Dan O’Brien, dreimal Weltmeister in den 90er Jahren und Olympiasieger 1996, hatte die Olympischen Spiele von 1992 verpasst, weil er bei den amerikanischen Trials keinen gültigen Stabhochsprung zustande gebracht hatte. Kurz danach stellte er einen Zehnkampf-Weltrekord (8891) auf.

          Dass im Mehrkampf eben immer was passieren kann, diese Erfahrung musste Damian Warner auch diesmal wieder machen. In seiner eigentlichen Paradedisziplin Weitsprung landete der 26-Jährige bei 7,12 Metern und blieb fast einen Meter unter seinem Hausrekord. Er verschenkte gut 200 Punkte – war im Gegensatz zu den beiden Deutschen aber immerhin clever genug, einen halbwegs gelungenen „Sicherheitssprung“  neben zwei Ungültigen einzubauen, um im Wettbewerb zu bleiben.

          Dritter ist derzeit überraschend der Amerikaner Jeremy Taiwo.

          Der hatte zuvor fulminant für ihn begonnen, mit „Standing Ovations“ gleich nach der ersten Disziplin: In 10,15 Sekunden rannte Warner über 100 Meter die Konkurrenz in Grund und Boden. Der nicht nur schnelle, sondern auch elegante Kanadier stellte dabei eine Weltbestleistung auf – die beste jemals von einem Zehnkämpfer in einem Mehrkampf gelaufene Zeit: dieser fulminante Sprint war allein 1059 Punkte wert. Und nicht nur auf der langen Gerade zeigte der 1,84 Meter große Athlet mit dem markanten rasierten Schädel, dass der zweite Teil seiner Zielvorstellung ernsthaft gemeint war: „Gewinnen“. Und zwar nicht nur in Götzis, wo er schon 2013 einmal als Sieger aus dem Zwei-Tages-Wettbewerb hervorging, sondern auch bei den Olympischen Spielen in Rio.

          Am ersten Tag des Traditionswettkampfs in Vorarlberg zeigte er, dass seine Ambitionen trotz gelegentlicher Schwankungen durch großes Können untermauert sind. Nachdem er im Hochsprung mit glatten zwei Meter etwas unter seinem Leistungsvermögen blieb, rannte er über 400 Meter er in 47,13 nur hauchdünn hinter Kazmirek ins Ziel. Am Ende des ersten Tages führt er nun das Klassement an, in dem sein schärfster Rivale freilich fehlt ­– Weltmeister, Olympiasieger und Weltrekordhalter Ashton Eaton verzichtete auf Götzis, um sich auf die amerikanischen Trials zu konzentrieren. Dort gibt es keine zweite Chance.

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