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Zurück im Sattel : Der Jedermann in Ullrich

Trotzig: Doch „Ulle” hat sich nichts vorzuwerfen Bild: REUTERS

Es war sein erstes Rennen seit dem Tag, als er von der Tour de France ausgeschlossen wurde. Doch es gibt passendere Orte und Gelegenheiten für Jan Ullrich, um sich zu offenbaren. Der 33-Jährige spielt womöglich auf Zeit. Von Rainer Seele.

          Natürlich ließe sich an dieser Stelle ein bisschen lästern. Über Jan Ullrich und seine (vorübergehende) Rückkehr in den Sattel. Über einen Tour-Sieger von einst, der nun als Jedermann auftrat in seinem ersten Rennen seit dem Tag, als er von der Tour de France ausgeschlossen wurde. Dieser Tag liegt 15 Monate zurück. 60 Kilometer hat Ullrich am Mittwoch zurückgelegt. Wie er das geschafft hat, ist nicht überliefert. Aber darauf kommt es in diesem Fall auch nicht an – es ging an diesem Mittwoch in Weil der Stadt beileibe um Wichtigeres.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Um behinderte Kinder nämlich, für die Ullrich sich abstrampelte – in Gesellschaft einiger aktiver Radrennfahrer wie Hanka Kupfernagel, Stefan Schumacher oder Andreas Klöden. Sie legten sich also für einen guten Zweck ins Zeug. Eine schöne Seite des Radsports zweifelsohne. Man glaubte ja nach den turbulenten Stuttgarter Tagen fast nicht mehr, dass er solches Gesicht noch würde zeigen können. Und deswegen sollte nun auch über Ullrich eigentlich nicht hergezogen werden. Aber es lässt sich nicht ganz vermeiden, zumal offensichtlich auch in Weil der Stadt nicht jeder in Ullrich einfach nur einen Pfundskerl sah.

          Ullrich schweigt beharrlich

          Zwar hatte Ullrich noch gesagt, dass er hier, „bei diesem Thema“, niemanden stören oder schädigen könne (Siehe auch: Jan Ullrich: „Deutschland hat es in der Hand“). Doch wie eine Nachrichtenagentur berichtet, echauffierte sich zumindest ein Besucher, ein gewisser Kurt N. aus Calw, doch ein wenig über Ullrichs Anwesenheit. „Der zieht den Radsport runter“, klagte der Mann ungeachtet des honorigen Einsatzes des früheren Profis. Das Herz von N. jedenfalls scheint Ullrich, zweifacher Vater, bei dem schwäbischen Intermezzo nicht erreicht zu haben.

          Ullrichs (vorübergehende) Rückkehr in den Sattel

          Kann das verwundern? Ullrich mauert ja schließlich immer noch, er verweigert dem Radsport damit einen Dienst, und er muss sich deswegen weiterhin harsche Kritik gefallen lassen. Jeder Meldung über ihn ist sie zu entnehmen, sie steckt stets in dieser Formulierung: „Zu den Vorwürfen, von dem spanischen Arzt Eufemiano Fuentes mit unerlaubten Mitteln versorgt worden zu sein, äußerte sich Ullrich nicht.“ Das war in Weil der Stadt nicht anders, auch dort schwieg Ullrich beharrlich – es würde freilich, das sollte festgehalten werden, auch passendere Orte und Gelegenheiten geben, um sich zu offenbaren.

          Blutbeutel, Kontobewegungen, Barzahlungen

          Andere haben dies längst getan, mancher als vermeintlicher Kronzeuge. Zumindest wurde durch die Geständnisse in der jüngeren Vergangenheit einiges über die Doping-Praktiken im Radsport bekannt. Und Ullrich? Spielt womöglich auf Zeit, obwohl der Druck für ihn immer größer zu werden scheint: Fuentes, die Blutbeutel, verdächtige Kontobewegungen, mögliche Barzahlungen. Die Ermittler lassen nicht locker bei der Spurensuche, sie versuchen, den angeblichen Sünder in die Enge zu treiben.

          Ob Ullrich vielleicht doch noch aus sich herausgeht? Zu einem selbstgewählten Zeitpunkt, falls dies überhaupt noch möglich sein sollte? Er arbeite, heißt es, an einem neuen Buch. Der Titel eines bereits erschienenen Werkes über Ullrich wäre die geeignete Grundlage für die nächste Veröffentlichung: „Ganz oder gar nicht.“ Im besten Fall würde Ullrich, der Wohltäter von Weil der Stadt, sich damit endlich selbst helfen.

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