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Wladimir Kramnik : Studiert und kopiert

  • -Aktualisiert am

Ein kluger Kopf verlässt das Brett: Wladimir Kramnik beendet seine Karriere. Bild: Reuters

Wladimir Kramnik beendet seine Schach-Karriere. Keiner prägte das Spiel in den vergangenen zwei Jahrzehnten stärker als der Russe. Nun gibt er sein Wissen an künftige Generationen weiter.

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          In den vergangenen Jahren sprach Wladimir Kramnik so oft vom Aufhören, dass seine Kollegen Witze machten oder ungläubig lächelten. Ausgerechnet er, der vor eineinhalb Jahren kurz davor war, Magnus Carlsen an der Weltranglistenspitze abzulösen? Der seine Partien zuletzt so optimistisch anlegte wie kein anderer Weltklassespieler und oft noch am Brett rackerte, wenn die anderen schon beim Abendessen waren. Der beim zurückliegenden Kandidatenturnier in Berlin ein unvergessliches Ideenfeuerwerk abbrannte. So einer hat doch nicht plötzlich keine Lust mehr. So einer brauchte sich doch um Turniereinladungen nicht zu sorgen. Und was sind schon 43 Jahre in einem Sport, in dem Karrieren eher ausschleichen, als für beendet erklärt werden? Vishy Anand, gegen den Kramnik öfter spielte als gegen jeden anderen, war mit 43 noch Weltmeister.

          Als die WM-Ausscheidung im vorigen März ihrem Ende zuging, hieß es auf einmal, Kramnik, der sich in Berlin zwar ausreichend Chancen erspielt hatte, Carlsens Herausforderer zu werden, der aber auch immer wieder zu viel von seinen Stellungen verlangt hatte, werde seinen Rücktritt erklären. Sein früherer Manager Carsten Hensel dementierte prompt: Kramnik habe seine Teilnahme an mehreren Turnieren zugesagt, und wo er im Wort stehe, werde er selbstverständlich auch antreten. Nun ist das letzte Turnier, bei dem er im Wort stand, Geschichte.

          Am Dienstag gab der aus der Stadt Tuapse am Schwarzen Meer stammende Russe in Den Haag das Ende seiner Profikarriere bekannt. Simultanspiele wie an diesem Nachmittag gegen die niederländischen Parlamentsabgeordneten, mal einen Schaukampf oder ein Schnellturnier werde er sicher noch bestreiten. Aber keinen langen, harten Profiwettbewerb, wie er am Sonntag in Wijk aan Zee zu Ende gegangen war.

          Weltmeister Carlsen, der zuletzt nur bei kürzeren Bedenkzeiten glänzte, überzeugte endlich mal wieder im klassischen Schach. Dagegen gingen Kramniks Gewinnversuche ein ums andere Mal nach hinten los. Drei Runden vor Schluss war er abgeschlagen Letzter. Dann gewann er zweimal. Doch er kam nicht über den geteilten letzten Platz hinaus, weil er in seiner wohl letzten regulären Partie gegen den Amerikaner Sam Shankland wieder eine chancenreiche, aber nicht zum Gewinn ausreichende Stellung verlor. So rutschte er am Ende auf Platz 15 der Weltrangliste ab. So tief stand er seit seinem 17. Lebensjahr nicht mehr.

          Niederlagen wie gegen Shankland waren für ihn am Ende seiner Laufbahn so kennzeichnend wie sein verblüffender Berliner Schwarz-Sieg über Lewon Aronjan, gegen den er ein neues Angriffskonzept einführte. Kramnik war zwar nie eine klare Nummer eins wie vor ihm Kasparow oder nach ihm Carlsen. Aber keiner prägte das Spiel in den vergangenen zwei Jahrzehnten stärker. Kramniks Eröffnungen wurden studiert und kopiert.

          Als Kasparow-Bezwinger zum Heroen

          Mit seinem WM-Sieg gegen den damals als unbezwingbar geltenden Garri Kasparow wurde er im Jahr 2000 zum Heroen. Mit seinem Defensiv-Schach und einer hohen Remis-Quote kam er allerdings in die Kritik, bis bekannt wurde, dass er an Arthritis litt und starke Medikamente nehmen musste. Gerade noch rechtzeitig zur WM 2006 war Kramnik wieder fit. Das Duell mit Wesselin Topalow geriet zur Farce, als der Bulgare ihn des Betrugs bezichtigte. Als das Schiedsgericht Kramniks Rückzugsraum schloss, trat er aus Protest nicht an und verlor Spiel fünf kampflos. Er konnte gerade noch zum Weiterspielen überredet werden und schlug Topalow im Stechen. Zwei Jahre später in Bonn verlor er die WM gegen Anand.

          Seitdem wurde Kramniks Schach zunehmend origineller und riskanter. Wäre nicht so viel Analysearbeit am Computer zu leisten, um im Spitzenschach zu bestehen, hätte er sich vielleicht noch einige Jahre aufraffen können. Nun aber sei ihm seine Motivation abhandengekommen, sagte er. Mit seiner französischen Frau, einer Journalistin, hat er eine Tochter und einen Sohn, die ihn zu oft vermissten. Seine Interessen sind breit gefächert. Abseits des Bretts wird ihm nicht langweilig. Adieu sagt er dem Schach ohnehin nicht: Einiges deutet auf eine Zusammenarbeit mit der Neva-Stiftung des russischen Oligarchen Gennadi Timtschenko hin; sie hat ihren Sitz in Genf, wo Kramnik seit 2014 lebt. Nun will er dafür werben, dass mehr Kinder Schach lernen.

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