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Die Zukunft des Surfens : Olympia hat ein Problem. Wir nicht!

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Was passiert, wenn sich das Olympia-Projekt Tokio 2020 der Surfer als Eintagsfliege herausstellt? Bild: Picture-Alliance

Bisher konnten wir Surfer alles sein, was wir sein wollten: rebellisch oder konform, betrunken oder durchtrainiert. Jetzt werden wir olympisch. Und nun?

          Hätte Fernando Aguerre, Präsident der „International Surfing Association“ (ISA), eine Frisur, würde diese wahrscheinlich sitzen. Lässiges Hawaiihemd, leicht aufgeknöpft. Gelbe Sonnenbrille, rote Baseball-Cap. Ringe, selbstgemachte Halsketten. Ein richtiger Schmuckständer. Eben „einer von uns“, der den brasilianischen Sportminister im schwarzen Anzug gerade über das Dach des Casinos aus der Hitze von Biarritz in den Schatten rettet. Es geht darum, auch in Strandnähe etwas Form zu wahren und Brasiliens sportliche Prioritäten im Hinblick auf die Olympischen Sommerspiele 2020 in Tokio in ein gut akklimatisiertes Vieraugengespräch zu verlagern. Das Surfen zählt, spätestens nach olympischer Inklusion, immerhin zu den Paradesportarten des Landes. Nach König Fußball und unmittelbar hinter Beachvolleyball ist es nun reif und empfänglich für eine leistungssportliche Finanzspritze, die sich im olympischen Jargon „Solidaritätsfonds“ nennt. Dabei geht es den Machern der Sommerspiele darum, neue Sportarten zu fördern, die den Olympischen Spielen jugendliche Frische verleihen sollen. Der durchschnittliche Olympiazuschauer ist laut einer Studie 50 Jahre alt, das Gros der Surfer hingegen zwischen 15 bis 25.

          Seit seinem Amtsantritt 1994 nervt Fernando Aguerre einen Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) nach dem anderen mit der Bitte um Aufnahme des Wellenreitens ins olympische Programm. Der Gründer der Surfmarke „Reef“ ist ein Mann des Volkes: Leidenschaftlicher Surfer seit seinem elften Lebensjahr, aktiv bis heute. Dennoch begrüßte Aguerre in diesem Jahr in Biarritz 254 Starter aus 47 Nationen zur ersten Weltmeisterschaft im olympischen Zyklus mit einer Rede, die eingefleischte Surfer irritierte: Pathos für 27 Nationen mehr als im Vorjahr, Öffnung für alle, leicht verständliche Regeln. Er sprach alles an, wovor sich eine unabhängige Actionsportart fürchtet. Denn die Surfkultur ist von einer rigiden Sensibilität bestimmt, die hinter einer gutgebräunten Fassade von einer bizarren Ansammlung altmodischer Regeln lebt, ein besonderes Vokabular benutzt und mit feinen Nuancen gezeichnet ist, die sich die Szene über die Zeit angeeignet hat und die jeder Surfer selbst dekodieren muss.

          Stunde für Stunde, Tag für Tag, Jahre, in denen man auf diese eine Welle wartet. Das letzte Geld für ein neues Surfboard und ein Sixpack Bier ausgegeben. Alle sind da, jeder ist willkommen. Für Außenstehende klingt das kaum nachvollziehbar: Actionsportler widmen ihr Leben der Freude an Unberechenbarkeit und Zugehörigkeit zu einer Gruppe, ihren Gesetzen und Gezeiten. Aber nach 26 Stunden Autofahrt schafft es der Atlantik wieder nicht, genügend Tiefdruckgebiet an französische Küsten zu blasen.

          Aguerere kämpft „for a better Surfing Future“. Aber war die Vergangenheit so schlecht? Ist die Skepsis berechtigt?

          Bisher konnten wir Surfer alles sein, was wir sein wollten: rebellisch oder konform, betrunken oder durchtrainiert. Von Sportlichkeit gesegnet oder den sonstigen Freuden dieser Sportart erlegen. Jetzt nähern sich die schwarzen Anzüge und fest steht: Olympia hat ein Problem. Wir nicht.

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